Kleine soziale Verbandelungen und die Entstehung von Neuem
Dieses Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der Frage, wie neue Ideen entstehen. Forschungen der letzten Jahrzehnte haben anschaulich zeigen können, wie Ideen durch Kommunikation, Netzwerke und institutionellen Druck diffundieren. Unklarheit besteht jedoch darin, wie Abweichungen von etablierten Ideen überhaupt entstehen. Die analytische Perspektive, die hier gewählt wird, beschäftigt sich mit der Rolle von kleinen, sozialen Verbandelungen für die Entstehung von Neuem und versucht damit weitere Antworten auf dieses Wie zu finden. Gemeint sind hier soziale Formationen, die aus direkten Beziehungen entstehen, aber auch solche, die aus kognitiven Bezügen bestehen. Der bislang in der Forschung verwandte strukturalistische Blick auf solche Verbünde wie „kleine Welten“ oder „kollaborative Zirkel“ wird hierbei um einen kultursoziologischen Blick erweitert: Solche Verbandelungen konstituieren sich sowohl aus den sozialen Beziehungen als auch aus den Bedeutungs- und Bewertungszuschreibungen der beteiligten Akteure. Dieser theoretische Ansatz wird an drei unterschiedlichen empirischen Feldern überprüft.
Die leitende Forschungsfrage ist: Wie wirken sich solche sozial und kulturell strukturierten Gefüge auf die Entstehung von neuen Ideen aus, die von etablierten Formen des Machens und Denkens abweichen und die wirtschaftliche Auswirkungen haben? Damit wird einerseits ein theoretischer Beitrag zur Erweiterung einer wirtschaftssoziologischen und netzwerkanalytischen Perspektive um kultursoziologische Einsichten geleistet. Gleichermaßen spricht das Projekt auch aktuelle methodische Diskussionen an, die sich mit der prozessualen, dynamischen Analyse von bestimmten Kontexten beschäftigen, in denen mehrere Akteure gleichzeitig zusammenspielen.
Die Datensammlung besteht aus ethnographischen Notizen, qualitativen Interviews und Dokumentenanalysen. Zunächst werden Erzählungen der Bewertungszuschreibungen analysiert, um erklärende Beschreibungen zu gewinnen, die auf bestimmte Muster (Verdichtungen, Brüche) in einer zeitlichen Entwicklung hinweisen. In einem zweiten Schritt werden dafür geeignete Daten mit Hilfe von netzwerk- und sequenzanalytischen Methoden untersucht, um die beobachtete strukturierte Kultur auch formal zu modellieren.
Ein erster empirischer Fall untersucht die Entstehung von neuen Ideen in einem Telekommunikationsunternehmen. Die ethnographisch angelegte Feldstudie untersucht unterschiedliche Phasen von Exploration bis hin zur Übergabe der neuen Idee an das Produktmanagement. In diesen Phasen kommen unterschiedliche Akteurskonstellationen innerhalb des Unternehmens zusammen, konsultieren mit Experten und Nutzern von außerhalb des Unternehmens und durchlaufen unterschiedliche Spannungszustände in der Entstehung von Neuheit. Der zweite empirische Fall ist ein historischer und folgt einer bestimmten künstlerischen stilistischen Zuschreibung von ihren Ursprüngen bis zur Verfestigung: die Ulmer Moderne, wie sie sich an der Hochschule für Gestaltung in Ulm von 1953–1968 zwischen Lehrenden und Studierenden entwickelt hat. Der dritte Fall beschäftigt sich mit kognitiv hergestellten Beziehungsbezügen. Im Markt der innovativen Brustkrebstherapieforschung gibt es noch keine verkaufsfähigen Produkte im üblichen Sinn, stattdessen werden Erwartungen über die Zukunft gehandelt. Einblick in diese Erwartungen bieten wirtschaftliche Erzählungen und Bewertungen von Biotech- und Pharmaunternehmen, Finanzanalysten und Wissenschaftlern über die Forschungsstrategien in Pressemitteilungen und Analystenberichten. Erste Ergebnisse zu dieser sozialen Verbandelung zeigen, dass mit dem Erzählen von Erwartungen hinsichtlich zukünftiger Erfolgsaussichten die beteiligten Akteure notwendige finanzielle Ressourcen mobilisieren. In solchen gemeinsam gestrickten Erzählungen vollziehen die beteiligten Akteure Abweichungen von etablierten Ideen, die dann Innovation zulassen und den Markt nachhaltig prägen.