Geschlechterdifferenzen in islamischer Religiosität und Geschlechterrollenwerten
In Anlehnung an die Debatte über den Einfluss von Religiosität im Allgemeinen und islamischer Religiosität im Besonderen auf Geschlechterrollenwerte untersucht dieser Beitrag den Zusammenhang zwischen Religiosität und Geschlechterrollenwerten bei Männern und Frauen der türkischen und marokkanischen zweiten Generation in Belgien. Dazu wird zunächst ein theoretisches Modell islamischer Religiosität entwickelt, das aus den Elementen religiöse Identifikation, (teilweise geschlechtsspezifischen) religiöse Praktiken und orthodoxer Glaube besteht. Anhand von Umfragedaten des belgischen TIES-Projekts („The Integration of the European Second generation“) testen wir, inwiefern sich dieses theoretische Modell zwischen Männern und Frauen und zwischen zwei ethnischen Gruppen, Belgiern türkischer und marokkanischer Herkunft, unterscheidet. Im zweiten Schritt wird der Zusammenhang zwischen islamischer Religiosität und Geschlechterrollenwerten untersucht und auch hier gehen wir der Frage nach, ob es in diesem Zusammenhang Geschlechterunterschiede und ethnische Unterschiede gibt. Die Analyse unter Berücksichtigung einer Vielzahl von Kontrollvariablen (Alter, Bildung, Erwerbstätigkeit, Partnerschaft, religiöse Erziehung) ergibt keine nennenswerten ethnischen Unterschiede. Des weiteren zeigt sich, dass es nur einen schwachen negativen Zusammenhang zwischen islamischer Religiosität und egalitären Geschlechterrollenwerten gibt; dieser ist jedoch für Männer stärker und für Frauen praktisch abwesend. Die Befunde widersprechen der These, dass verstärkte islamische Religiosität unweigerlich mit eher traditionellen und weniger egalitären Geschlechterrollenwerten einhergeht und belegen, dass es für die Analyse dieser Fragestellung wichtig ist, Geschlechterunterschiede innerhalb muslimischer Minderheiten in Europa zu berücksichtigen.