Heft März 2010
Am Anfang steht ein Gespräch mit dem langjährigen Präsidenten der EU-Kommission, Jacques Delors, das Reinhard Blomert zusammen mit Sabine von Oppeln, der Studiendekanin und Beauftragten für den deutsch-französischen Austausch des OSI mit dem Institut d'Etudes Politiques de Paris (Science Po) geführt hat. Delors, so stellte sich im Gespräch (erwartungsgemäß) heraus, ist kein "Eurokrat", sondern ein europäischer Denker mit einer Vision von einem sozialen Europa, der die einzelnen Schritte ihrer politischen Umsetzbarkeit sehr realistisch einzuschätzen weiß. Ist die Aufgabe der Politik nicht ein bißchen vergleichbar mit derjenigen der Banken: Fristentransformation? Und gibt es da nicht, ebenso wie bei den Banken, den Unterschied zwischen den Kurzsichtigen und den Langsichtigen?
Jens Alber erinnert in seinem kleinen, dichten Text, den er in Hamburg auf einem Symposion der ZEIT-Stiftung über Ralf Dahrendorf vorgetragen hatte, an den Soziologen als Hofnarren: Dahrendorf habe es geliebt, zu provozieren, mit Vergnügen unbequeme Wahrheiten auszusprechen, und höfisches Treiben in Frage zu stellen - das könnte sich als Einstellung für die Sozialwissenschaften durchaus als fruchtbar erweisen.
Auf John J. Mearsheimers These aus Heft 4/2009 folgen zwei Repliken.
Michael Zürn liest Mearsheimers Beitrag als einen Versuch, die Aussagen seines klassischen Aufsatzes „Back to the future“ aus dem Jahre 1990 schützen. Mearsheimers Argument hält er für einseitig, weil der Fortbestand des stabilen Friedens im Sinne einer hochgradig institutionalisierten Sicherheitsgemeinschaft zwischen den westeuropäischen Mächten auch dem europäischen Integrationsprozess geschuldet sei. Dieser Prozess aber habe längst eine eigene Kraft entfaltet und hänge nicht mehr von der amerikanischen Präsenz ab.
Der englische Politikwissenschaftler Andrew Linklater kritisiert die Statik im Europabild Mearsheimers und gleichzeitig vieler Amerikaner. Mearsheimer registriere nicht, dass Europa sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf dem Wege der gewaltfreien gegenseitigen Austauschs und Anerkennung weiter entwickelt hat, und argumentiere, die Erhaltung des europäischen Friedens sei ausschließlich das Werk der Amerikaner gewesen, während die Europäer wie widerspenstige Kindern seien, die ohne die zügelnde Hand und den lenkenden Einfluss der elterlichen Macht verwildern.
Um europäische Fragen geht es auch in zwei Aufsätzen. Dietrich Thränhardt („Europas offene Grenzen“) hat in einem empirischen Vergleich der Grenzregime in der EU und im US-amerikanischen Nafta-Raum untersucht und festgestellt, dass offene Grenzen, wie sie zwischen den Ländern der EU geschaffen wurden, das Wohlstandsgefälle zwischen den Mitgliedern der Handelsunion senken, während die geschlossenen Grenzen zwischen den NAFTA-Ländern - zwischen Mexiko und den USA gibt es den berüchtigten Todeszaun - das Wohlstandsgefälle zwischen den Mitgliedsstaaten steigern.
Georg Vobruba (Europäische Nachbarschaftspolitik) stellt in seinem Aufsatz fest, dass die europäische Nachbarschaftspolitik als Ersatz für eine Erweiterung sowohl für die EU, als auch für ihre Nachbarländer Vorteile haben.
Jürgen Hoffmann äußert sich zu den Chancen der Gewerkschaften auf dem europäischen Aktionsfeld: Bisher hat die Europäisierung der Märkte die Betätigung der Gewerkschaften vor allem eingeschränkt, aber mit dem Anwachsen einer europäischen Gewerkschaftskultur könnte sich das Potential der Gewerkschaften durchaus auch erweitern und stärken. Hoffmann hat seinen Beitrag nicht mehr fertig machen können, er ist im September letzten Jahres gestorben. Ulrich Jürgens vom WZB übernahm freundlicherweise die Fertigstellung. In einer kleinen Vorbemerkung erinnert er an seinen Freund und Kollegen.
Philipp Lepenies berichtete letztes Jahr, dass er von „erstaunlich vielen Menschen auf seinen letzten Artikel im Leviathan angesprochen“ worden sei. Das sage viel über die Aufmerksamkeit, die dem Leviathan zu Teil wird. Er sitzt derzeit in Uppsala an einer Habilitationsarbeit und hat für das neue Heft einen kritischen Beitrag zur Methode der Armutsberechnung durch die Weltbank geschrieben. Man kann es auch als einen Nebenstrang der derzeitigen Kritik an der Grundlage der Berechnung des BIP (Brutto-Inlands-Produkt) lesen, die vom französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy angestoßen wurde. An ihr hatten sich unter anderem die beiden Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen beteiligt.
Rudolf Burger, emeritierter Rektor der Wiener Universität für angewandte Kunst, Philosoph und langjähriger Autor des Leviathan, trägt einen Essay zu dem uralten Thema der Willensfreiheit bei, das durch das Interesse der Neurowissenschaftler an dieser Frage heute wieder aktuell ist. Angeregt dazu hat ihn ein Satz des ehemaligen Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Hubert Markl, dass die Willensfreiheit „Erfahrungstatsache sei“. Burgers Essay klärt, wie die Befunde der modernen Neurobiologie vor dem Hintergrund der Kantschen Definition in ein ontologisches Desaster führen müssen. Auch der Neurologe Gerhard Roth, einer der Protagonisten der gegenwärtigen Debatte, hat sich von dem Kantschen Freiheitsbegriff verabschiedet. Burger schöpft aus der antiken Philosophie, aus Kant, Schopenhauer und Nietzsche, und kommt zu dem durchaus österreichischen Schluss, dass der freie Wille eine Illusion sei, dies jedoch entgegen allen Bedenken und Befürchtungen ethisch vollkommen unbedenklich sei.