
|
|
Gesellschaft und wirtschaftliche Dynamik |
 |
|
Abteilung Kulturelle Quellen von Neuheit |
 |
|
|
|
 |
 |
|
|
|
|
|
Forschungsfeld 2: Neuheit durch kleine
Gemeinschaften |
|
|
|
v
Kleine soziale Verbandelungen
v
Valorisierungsallianzen und -agenturen
v Expertise und politische Wissensproduktion |
|
 |
 |
 |
| |
 |
 |
|
Projekt 2.1:
Kleine soziale Verbandelungen und die Entstehung von Neuem
Projektleitung: Sophie Mützel |
|
|
Dieses Forschungsprojekt beschäftigt
sich mit der Frage, wie neue Ideen entstehen. Forschungen der
letzten Jahrzehnte haben anschaulich zeigen können, wie Ideen durch
Kommunikation, Netzwerke und institutionellen Druck diffundieren.
Unklarheit besteht jedoch darin, wie Abweichungen von etablierten
Ideen überhaupt entstehen. Die analytische Perspektive, die hier
gewählt wird, beschäftigt sich mit der Rolle von kleinen, sozialen
Verbandelungen für die Entstehung von Neuem und versucht damit
weitere Antworten auf dieses Wie zu finden. Gemeint sind hier
soziale Formationen, die aus direkten Beziehungen entstehen, aber
auch solche, die aus kognitiven Bezügen bestehen. Der bislang in der
Forschung verwandte strukturalistische Blick auf solche Verbünde wie
„kleine Welten“ oder „kollaborative Zirkel“ wird hierbei um einen
kultursoziologischen Blick erweitert: Solche Verbandelungen
konstituieren sich sowohl aus den sozialen Beziehungen als auch aus
den Bedeutungs- und Bewertungszuschreibungen der beteiligten
Akteure. Dieser theoretische Ansatz wird an drei unterschiedlichen
empirischen Feldern überprüft.
Die leitende Forschungsfrage ist: Wie wirken sich solche sozial
und kulturell strukturierten Gefüge auf die Entstehung von neuen
Ideen aus, die von etablierten Formen des Machens und Denkens
abweichen und die wirtschaftliche Auswirkungen haben? Damit wird
einerseits ein theoretischer Beitrag zur Erweiterung einer
wirtschaftssoziologischen und netzwerkanalytischen Perspektive um
kultursoziologische Einsichten geleistet. Gleichermaßen spricht das
Projekt auch aktuelle methodische Diskussionen an, die sich mit der
prozessualen, dynamischen Analyse von bestimmten Kontexten
beschäftigen, in denen mehrere Akteure gleichzeitig zusammenspielen.
Die Datensammlung besteht aus ethnographischen Notizen,
qualitativen Interviews und Dokumentenanalysen. Zunächst werden
Erzählungen der Bewertungszuschreibungen analysiert, um erklärende
Beschreibungen zu gewinnen, die auf bestimmte Muster (Verdichtungen,
Brüche) in einer zeitlichen Entwicklung hinweisen. In einem zweiten
Schritt werden dafür geeignete Daten mit Hilfe von netzwerk- und
sequenzanalytischen Methoden untersucht, um die beobachtete
strukturierte Kultur auch formal zu modellieren.
Ein erster empirischer Fall untersucht die Entstehung von neuen
Ideen in einem Telekommunikationsunternehmen. Die ethnographisch
angelegte Feldstudie untersucht unterschiedliche Phasen von
Exploration bis hin zur Übergabe der neuen Idee an das
Produktmanagement. In diesen Phasen kommen unterschiedliche
Akteurskonstellationen innerhalb des Unternehmens zusammen,
konsultieren mit Experten und Nutzern von außerhalb des Unternehmens
und durchlaufen unterschiedliche Spannungszustände in der Entstehung
von Neuheit. Der zweite empirische Fall ist ein historischer und
folgt einer bestimmten künstlerischen stilistischen Zuschreibung von
ihren Ursprüngen bis zur Verfestigung: die Ulmer Moderne, wie sie
sich an der Hochschule für Gestaltung in Ulm von 1953–1968 zwischen
Lehrenden und Studierenden entwickelt hat. Der dritte Fall
beschäftigt sich mit kognitiv hergestellten Beziehungsbezügen. Im
Markt der innovativen Brustkrebstherapieforschung gibt es noch keine
verkaufsfähigen Produkte im üblichen Sinn, stattdessen werden
Erwartungen über die Zukunft gehandelt. Einblick in diese
Erwartungen bieten wirtschaftliche Erzählungen und Bewertungen von
Biotech- und Pharmaunternehmen, Finanzanalysten und Wissenschaftlern
über die Forschungsstrategien in Pressemitteilungen und
Analystenberichten. Erste Ergebnisse zu dieser sozialen Verbandelung
zeigen, dass mit dem Erzählen von Erwartungen hinsichtlich
zukünftiger Erfolgsaussichten die beteiligten Akteure notwendige
finanzielle Ressourcen mobilisieren. In solchen gemeinsam
gestrickten Erzählungen vollziehen die beteiligten Akteure
Abweichungen von etablierten Ideen, die dann Innovation zulassen und
den Markt nachhaltig prägen.
Kontakt:
Sophie Mützel
E-Mail:
muetzel@wzb.eu |
|
|
 |
| |
 |
 |
|
Projekt
Projekt 2.2: Valorisierungsallianzen und -agenturen
Projektleitung: Lutz Marz |
|
|
Bedingt durch den Klimawandel und
die sinkende Verfügbarkeit fossiler Brennstoffe wird sich im 21.
Jahrhundert weltweit eine neue industrielle Revolution vollziehen.
Kern dieser Revolution ist ein energietechnologischer
Paradigmenwechsel, weg von fossilen hin zu regenerativen
Energietechnologien. Dieser Paradigmenwechsel betrifft auch und
gerade einen Lebensnerv moderner Gesellschaften und zwar die
Automobilität, die den gesamten straßengebundenen Personen- und
Güterverkehr umfasst. In diesem Innovationsfeld kristallisieren
sich drei Erfolg versprechende Entwicklungspfade heraus: der
Wasserstoff-Verbrennungsmotor, der Brennstoffzellen-Elektroantrieb
und der Batterie-Elektroantrieb (WBB-Antriebe). Dabei zeigt sich,
dass kulturelle Konfigurationen bei der Entwicklung und Nutzung
technischer Innovationen eine zentrale Rolle spielen. Das Projekt „Valorisierungsallianzen
und Valorisierungsagenturen“ will einen Beitrag zur Identifizierung
und Analyse dieser kulturellen Konfigurationen leisten und dabei
bislang wenig oder gar nicht beachtete Problemlösungskapazitäten
herausarbeiten.
Bei den WBB-Antrieben handelt es sich um radikale Innovationen,
die im modularen Bereich (Antrieb) und/oder auf systemischer Ebene
(Infrastrukturen) zu grundlegenden Veränderungen führen. Wie solche
Innovationen entstehen oder eben nicht entstehen, ist aus
unterschiedlichen innovationstheoretischen Blickwinkeln untersucht
worden. Das Projekt baut auf diesen Untersuchungen auf, betrachtet
jedoch die Innovationsprozesse aus einer spezifischen
kulturalistischen Perspektive. In Anschluss an Boris Groys werden
die Innovationen im Bereich der WBB-Antriebe als Valorisierungs-
oder Umwertungsprozesse untersucht.
Erste Untersuchungen deuten darauf hin, dass bei den
Umwertungsprozessen im Bereich der WBB-Antriebe
Valorisierungsallianzen eine wichtige Rolle spielen. Zum einen im
Hinblick auf die flexible Kombination von Geschlossenheit und
Offenheit, durch die sich die Arbeitsweise dieser Allianzen
auszeichnet. Zum anderen in Bezug darauf, wie sie durch ihre
vielfältigen und einflussreichen Netzwerke immer neue
Valorisierungsagenturen kreieren und institutionalisieren, die
Umwertungsprozesse in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und
Öffentlichkeit spürbar beeinflussen. Ziel des Projektes ist es, in
einer „single case study“ eine Valorisierungsallianz im Bereich der
WBB-Antriebe zu untersuchen, und dabei insbesondere zu analysieren,
wie es dieser Allianz gelingt, Valorisierungsagenturen zu schaffen,
die technische Innovationen in diesem Bereich ermöglichen,
vorantreiben und bündeln.
Auf Basis der bisherigen Untersuchungen ergibt sich die
Vermutung, dass sich die verschiedenen Valorisierungsagenturen durch
ein bestimmtes Valorisierungsmanagement auszeichnen, das zwei
komplementäre Wirkungsrichtungen besitzt: ein „Revaluation-Promoting“
und ein „Devaluation-Blocking“. Das „Revaluation-Promoting“ ist
darauf gerichtet, durch die Schaffung geeigneter Koordinierungs-,
Finanzierungs- und Popularisierungsformen die technischen
Innovationsprozesse voranzutreiben. Das „Devaluation-Blocking“ zielt
darauf, die Macht der Innovationsgegner und ihrer Allianzen
einzuschränken.
Die Valorisierungsallianz und ihre Valorisierungsagenturen im
Bereich der WBB-Antriebe werden in einem räumlich und zeitlich
abgegrenzten empirischen Feld untersucht, und zwar in Deutschland
von 1990–2010. Zum einen hat Deutschland nicht nur in allen drei
Technologiebereichen langjährige Forschungs- und
Produktionstraditionen, sondern ist weltweit mit führend bei der
Entwicklung alternativer Antriebstechnologien, insbesondere was die
Forschung betrifft. Zum anderen ist der Zeitraum von 1990-2010 eine
ausgesprochen dynamische und widersprüchliche Entwicklungsetappe, in
der die Valorisierungsprozesse und deren Wirkungen besonders
deutlich in Erscheinung treten.
Grundlegendes Ziel des Projektes ist es, plausible und belastbare
Hypothesen zur Entstehung und Funktionsweise von
Valorisierungsallianzen und Valorisierungsagenturen zu generieren,
die sich empirisch auch in anderen technischen und sozialen
Innovationsfeldern testen lassen.
Kontakt: Lutz Marz
E-Mail:
lutz@wzb.eu |
|
|
 |
| |
 |
 |
|
Projekt 2.3:
Expertise und politische Wissensproduktion im
niederländisch-deutschen Vergleich
Projektleitung: Holger Straßheim |
|
|
In der international vergleichenden
Forschung mehren sich derzeit die Hinweise, dass die Formen der
Expertise und politischen Wissensproduktion länderübergreifend
komplexen Transformations- und Wandlungsprozessen unterworfen sind.
Einerseits lässt sich eine Verwissenschaftlichung der Politik
beobachten, indem vermehrt entscheidungsrelevantes Wissen durch
Statistiken, Simulationen und Modellrechnungen gewonnen wird.
Andererseits erfährt die Wissenschaft im Gegenzug eine Politisierung
durch deliberative Verfahren und zivilgesellschaftlich organisierte
Gegenexpertise. Wissensunternehmer machen sich kommerzielle
Strategien zunutze, um gezielt politische Nachfrage zu erzeugen und
verschärfen damit die Expertenkonkurrenz noch zusätzlich. Diese
Pluralisierung der Expertise setzt sich auch jenseits des
Nationalstaats fort. Epistemische Gemeinschaften, Think-Tanks und
Wissensnetzwerke führen zu einer Transnationalisierung der
politischen Wissensproduktion. Der Begriff der Politikberatung
scheint kaum mehr geeignet, diese Interaktionsgefüge in ihrer
Veränderung angemessen zu erfassen.
In dem Projekt sollen die Ursachen und Folgen dieses Wandels der
politischen Wissensproduktion im internationalen Vergleich
analysiert werden. Dabei stehen zwei Länder im Mittelpunkt, die im
Hinblick auf ihre jeweilige Beratungs- und Expertenlandschaft kaum
unterschiedlicher sein könnten. Deutschland zeichnet sich durch die
relativ große Bandbreite von Experten und Sachverständigenräten aus
öffentlich finanzierten Forschungseinrichtungen, parteinahen
Stiftungen sowie einer teils gemeinnützigen, teils kommerziellen
Auftragsforschung aus. Demgegenüber existieren in den Niederlanden
mit den sogenannten Planungsbüros Institutionen, die durch ihre nach
wie vor unangefochtene Autorität im Bereich der ökonomischen,
sozial-, umwelt- und regionalpolitischen Expertise ein in Europa
einmaliges Wissensmonopol innehaben. Ziel ist es, die in beiden
Ländern zu beobachtenden Transformationsprozesse im Hinblick auf
Konvergenzen und Divergenzen zu vergleichen und die jeweiligen
Veränderungsmechanismen zu identifizieren. Von besonderem Interesse
ist die Rolle europäischer Expertengemeinschaften und -netzwerke bei
der Herausbildung neuer Instrumente und Koordinationsformen der
Wissensproduktion. Konzeptionell liegt dem Projekt ein
wissenstheoretischer und diskursiver Institutionalismus zugrunde.
Vermutet wird, dass es unter bestimmten Bedingungen
grenzüberschreitend agierenden Expertennetzwerken und
-gemeinschaften gelingen kann, die bisher unhinterfragten „meta-rules“
der politischen Wissensproduktion („Wissensordnungen“) durch
konkurrierende Praktiken und Politikprämissen zu delegitimieren und
so die diskursive Institutionalisierung alternativer
Koordinationsarrangements anzustoßen.
Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit dem Virtual Knowledge
Institute der Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften
durchgeführt und dient zugleich als Vorstudie für zwei bei der
Deutschen Forschungsgemeinschaft und bei der VolkswagenStiftung
beantragte Vorhaben zum Wandel von Wissensordnungen.
Kontakt:
Holger Straßheim
E-Mail:
strassheim@wzb.eu |
|
|
 |
|
 |
|
Letzte Änderung: 2010-02-02 14:09 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
|
 |
|
 |
|