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Gesellschaft und wirtschaftliche DynamikKulturelle Quellen von Neuheit

Gesellschaft und wirtschaftliche Dynamik

Abteilung Kulturelle Quellen von Neuheit






Forschungsfeld 3: Künstlerische Wirkungen auf Neuheit


v Künstlerische Interventionen in Organisationen
v Ko-evolution von Wirtschaft und Kunst
v Lichtdesign für Stadträume

  

Projekt 3.1: Künstlerische Interventionen in Organisationen
Projektleitung: Ariane Berthoin Antal




Dieses Projekt setzt sich zum Ziel, die Bedingungen zu analysieren, unter denen künstlerische Interventionen in Organisationen Quellen von Neuheit darstellen können. Dabei geht es um die Beobachtung von Prozessen und Wirkungsweisen in kurzen (Stunden oder Tage) und mittelfristigen (Monate bzw. Jahre) Interventionen mit allen Kunstformen (z.B. Unternehmenstheater, aktive und passive Interaktionen mit der Malerei, Plastiken, Fotografie, Tanz). Beleuchtet werden soll, wie sich die unterschiedlichen Wertvorstellungen der diversen Akteure (Mitarbeiter, Management, Künstler, intermediäre Organisationen bzw. Berater) aneinander reiben und unter welchen Umständen diese temporären kulturellen Konfigurationen zum Organisationslernen und zur Generierung von Neuheit beitragen.

Gerade die Annahme der Wirkungskraft aus der Begegnung von kulturellen Unterschieden unterliegt dem Einsatz von künstlerischen Interventionen in Organisationen. Es wird nämlich erwartet, dass die Arbeitswelt durch die Konfrontation bzw. Kombination von Menschen, Prozessen und Produkten aus einer „fremden Welt“ der Künste, Impulse zu neuen Denk- und Verhaltensweisen erhalten, indem sie dazu beitragen, Routinen und Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen und neue Fähigkeiten zu entwickeln.

Das Forschungsprojekt hinterfragt den Automatismus sowie die implizite positive Besetzung dieser Wirkung. Vielmehr wird hier angenommen, dass künstlerische Interventionen zwar möglicherweise, nicht aber zwangsläufig Änderungen oder Variationen in Betrachtungs- und Verhaltensweisen hervorbringen – und dass sie vielleicht auch keine bleibenden Spuren hinterlassen. Sie können überholte Praktiken in Frage stellen und zur Entwicklung von neuen Arbeitsformen, Ideen, und Produkten führen, aber auch bestehende Vorstellungen und Strukturen eher verfestigen, als dahinter liegende Probleme anzusprechen. Die zeitliche Dimension hat eine besondere Bedeutung in diesem Projekt, da zu klären ist, welche Rolle die Dauer einer Intervention spielt und wann und wie lange sich die Wirkungen (Formen von Neuheit) beobachten lassen. Aus dieser Forschung werden Beiträge zu Organisationslerntheorien, insbesondere zur Rolle der Zeit und der Stakeholderbewertungsprozesse, erwartet.

In der ersten Phase des Forschungsprogramms wird eine mehrgleisige Strategie verfolgt: (a) Aufbau einer Datenbank über künstlerische Interventionen (Projekte, Unternehmen, Künstler), um einen Überblick über das unübersichtliche Feld zu schaffen, den eigenen Ansatz darin klarer zu positionieren, und eine Datenbasis für eigene Fallstudien zu erstellen. (b) Durchführung von Fallstudien über abgeschlossene und noch laufende künstlerische Interventionen in mehreren europäischen Ländern. Hierfür werden Interviews mit Mitgliedern der Organisation und anderen relevanten Akteuren und (in den noch laufenden Interventionen) eine teilnehmende Beobachtung durchgeführt. Daten werden in zeitlichen Abständen wiederholt erhoben, um zu erfahren, ob bzw. wie sich die Auswirkung einer Intervention im Laufe der Zeit verändert. Hinzu kommen Experimente mit künstlerischen Interventionen, die einen Blick auf potenzielle – aber in Organisationen bislang nicht auffindbare – Lernkonstellationen ermöglichen. (c) Im Einklang mit dem Multi-Stakeholder-Ansatz werden Workshops mit den im Feld beteiligten Akteuren durchgeführt, um verschiedene Blickwinkel auf die Interventionen und mögliche Beurteilungskriterien zu erfassen und zu vergleichen. Die erste Forschungsphase soll einen Überblick und eine Klassifizierung der Interventionstypen ergeben, die augenblicklich in europäischen Organisationen durchgeführt werden. In den Fallstudien und Workshops mit den Akteuren werden Faktoren identifiziert, die sich förderlich oder hinderlich auf Organisationslernen aus künstlerischen Interventionen auswirken.

neue Veröffentlichung:

Ariane Berthoin Antal (2009): Research Report: Research Framework for Evaluating the Effects of Artistic Interventions in Organizations, TILLT Europe: Göteborg, 81 S. (pdf)

Research Report: Summary (pdf)

Siehe auch: Artful Conversations und Artful Research Workshops

Kontakt: Ariane Berthoin Antal
E-Mail: abantal@wzb.eu



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Projekt 3.2: Ko-evolution von Wirtschaft und Kunst
Projektleitung: Michael Hutter
Mitarbeit: Nona Schulte-Römer




In modernen Gesellschaften haben sich spezifische Kommunikationszusammenhänge als unterschiedlich codierte Wertsysteme ausdifferenziert. Kommunikation in Wirtschaft und Unternehmen und Kommunikation im Kunstbetrieb sind besonders ausgeprägte Beispiele. Die Spezialisierung erleichtert die interne Verständigung, sie fördert damit die Entstehung lokaler Geschäftskulturen und die Entstehung von Kunstgenres, die die Gesamtheit der Semantiken und Praktiken einer Gesellschaft reflektieren und damit, in ihrer Gesamtheit, zu „Kunstkultur“ werden. Dabei kommt es, vermittelt durch breitere kulturelle Konfigurationen, zu Irritationen zwischen den Wertsystemen. Gerade dadurch werden Inventionen in einem der Systeme im jeweils anderen System zu Quellen von Neuheit. So verläuft die Evolution dieser beiden Teilsysteme der Gesellschaft in gegenseitiger Abhängigkeit oder Ko-evolution.

Um die These der gegenseitigen Quelle von Neuheit zu überprüfen, werden im Rahmen des Projekts historische Fallstudien durchgeführt, die systematisch unterschiedliche Varianten der Ko-evolution untersuchen. Der zeitliche Horizont reicht von 1400 bis 2010, also von den Anfängen der Renaissance bis zur Gegenwart, auch wenn die Teilstudien meist kürzere Horizonte aufweisen. Der Fokus liegt auf der Entwicklung der europäischen Gesellschaft, auch wenn in jüngeren Beispielen außereuropäische Werke eine Rolle spielen. In dem Teilprojekt, das bis 2011 abgeschlossen sein soll, wird Kunst für die Zwecke der empirischen Recherche auf Bildkultur beschränkt.

In den einzelnen Fallstudien wird nach Evidenz für die Auswirkung von Veränderungen im Ausgangssystem im Zielsystem gesucht, um die „Gelingensbedingungen“ evolutorischer Veränderung näher bestimmen zu können. Als Material dient kunsthistorische und wirtschaftshistorische Literatur. Studie 1 untersucht die Auswirkungen der zentralperspektivischen Raumdarstellung auf Produktion und Nachfrage in der europäischen Wirtschaft vor 1700. Auch Studie 2 konzipiert Kunst als Umwelt der Wirtschaft, untersucht aber die Auswirkung eines umfangreichen Bildprogramms auf das Konsumverhalten im England des 18. Jahrhunderts. Studie 3 richtet sich auf die Finanzwirtschaft und untersucht die Auswirkungen der Anverwandlung einer allegorischen Figur auf die Kreditwürdigkeit von Banknoten. Studie 4 untersucht die Auswirkung vorhandener Kunstwerke auf verschiedene Branchen der Kreativwirtschaft. Studie 5 wählt die umgekehrte Zuordnung und untersucht, inwiefern in ausgewählten, über sechs Jahrhunderte verteilten Werken, wirtschaftliche Spannungen als Quelle von künstlerisch relevanten Bilderfindungen identifiziert werden können. Studie 6 behält diese Zuordnung bei und untersucht, wie sich die drastische Veränderung bestimmter Preise für Inputfaktoren auf die Entstehung neuer Kunststile auswirkte. Inzwischen sind sämtliche Fallstudien abgeschlossen, zwei davon sind in ersten Fassungen publiziert. Im Herbst 2010 soll ein fertiges Buchmanuskript in englischer Sprache vorliegen.

Vorarbeiten zur zweiten Phase des Projekts haben begonnen. Die Einschränkung auf bildende Kunst verkürzt das Spektrum der Möglichkeiten deutlich, entsprechend wünschenswert ist eine Erweiterung der Untersuchung auf andere künstlerische Ausdrucksformen, also auf Musik, Literatur und Theater, und auf eine Verknüpfung dieser Formen untereinander.

Liste der Studien:

  1. Artful Transactions. Six shop pieces, and their response to economic context, 1450-2007. (Die Studie ist auf Nachfrage erhältlich. Bitte kontaktieren sie chris@wzb.eu).
     
  2. Cheap Blues. Creating Artistic from Economic Value. Changing Input Prices and New Art. In: M. Hutter/D. Throsby (eds.): “Beyond Price. Value in Culture, Economics, and the Arts“. Cambridge University Press: New York, 2008: 60-72 (PDF).
     
  3. Masaccio and the Consequences. The Invention of Linear Perspective and its Impact on Economic Development in Europe between 1425 and 1675 (PDF).
     
  4. Visual Credit. The Britannia Vignette on the Notes of the Bank of England. In: H-W. Hannisa, F. Cox (eds.): “Money and Culture“, Peter Lang: Munich, 2007:15-36 (PDF).
     
  5. Consuming Politeness. Conversation Pieces and Economic Progress, 1730-1760. (Die Studie ist auf Nachfrage erhältlich. Bitte kontaktieren sie chris@wzb.eu).
     
  6. Art as a Resource. Artworks in Tourism, Architecture, Entertainment, Fashion and Advertising, 1900-2005 (voraussichtliche Veröffentlichung 2010).

 

Kontakt: Michael Hutter
E-Mail: mhutter@wzb.eu



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Projekt 3.3: Lichtdesign für Stadträume – Neudefinition einer Gestaltungsaufgabe
Dissertation Nona Schulte-Römer




Das Dissertationsprojekt untersucht die kulturellen Quellen städtischer Lichtgestaltung. Besondere Berücksichtigung findet dabei der Einfluss von Expertenkulturen und von temporären Lichtinterventionen auf aktuelle Tendenzen in der Lichtplanung von Städten.

Im 21. Jahrhundert wird Licht mehr denn je als stadtpolitische Gestaltungsaufgabe wahrgenommen. Wo sich Städte der neuen Herausforderung stellen, werden Lichtmasterpläne entwickelt, Festivals veranstaltet, Leuchtfassaden genehmigt oder Peripherien in Kunstaktionen illuminiert. Lichtdesign scheint ein geeignetes Instrument, um im globalen Städtewettbewerb mit einem attraktiven, urbanen Lebensstil zu werben. Von der nächtlichen Illumination ausgewählter Orte, so die Annahme, profitiert die ganze Stadt dank gesteigerter medialer Aufmerksamkeit, Imagegewinn und einer wachsenden Nachtökonomie. Dabei prägen insbesondere drei Entwicklungstendenzen das Handlungsfeld. Erstens eröffnen technologische Innovationen neue Gestaltungsspielräume. Zweitens etabliert sich Lichtdesign als ein neues Berufsfeld mit den dazugehörigen Institutionen. Drittens verschieben sich unter dem Einfluss von Nachhaltigkeitsdiskursen auch die Akzente der Stadtgestaltung. Städtische Beleuchtungsstrategien lassen sich nicht mehr auf die Formel „mehr Licht!“ verkürzen. Vielmehr sind besseres Licht, eine durchdachte Verteilung, klare Akzentuierungen und immer öfter sogar weniger Licht gefragt.

Vor diesem Hintergrund wird städtische Lichtgestaltung und die Beurteilung ihrer Wirkungen zunehmend zur Expertensache. Planung, Durchführung und Bewertung basieren auf dem Erfahrungswissen von Lichtdesignern, Kreativen oder Akteuren aus Industrie und Forschung, die unterschiedliche Ansprüche und Ziele ästhetischer, politischer oder ökonomischer Art verfolgen. Hier setzt das Dissertationsprojekt an und fragt nach den Bewertungskriterien, nach Argumenten und Leitbildern, die städtischer Lichtgestaltung zugrunde gelegt werden und die das nächtliche Erscheinungsbild urbaner Räume verändern. Woher beziehen die Beteiligten ihre Expertise, ihre Evidenzen und ihre Glaubwürdigkeit? Wie fügen sich Ansprüche von Lichtplanern in Leitbilder der Stadtentwicklung und wie finden die möglicherweise heterogenen Präferenzen und Bedürfnisse der Rezipienten Eingang in die Konzepte der Experten? Welche Rolle spielen temporäre Lichtinterventionen wie Festivals oder Festbeleuchtungen bei der Entwicklung und Durchsetzung alltäglicher städtischer Lichtkonzepte?
Im Fokus des Forschungsprojekts stehen konkrete Lichtinterventionen in verschiedenen Städten, insbesondere in Frankfurt am Main und Lyon. In der Gegenüberstellung von Alltagsinszenierung und Festillumination, von dauerhaft angelegten Licht-Masterplänen einerseits und temporären Projekten andererseits wird die zeitliche Dimension der je spezifischen kulturellen Konfigurationen analytisch erschlossen. Konzeptionell ergänzt das Projekt sozialwissenschaftliche Perspektiven um Fragestellungen der Ästhetik. Ziel ist es, so zum besseren Verständnis städtischer Lichtgestaltungsprozesse und ihrer sozialräumlichen Relevanz beizutragen.

Kontakt: Nona Schulte-Römer
E-Mail: schulte-roemer@wzb.eu



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Letzte Änderung: 2010-02-22 13:18