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Diskussionslust. Zur Kulturgeschichte des „besseren Arguments“ in der frühen Bundesrepublik (1940er bis 1970er Jahre)

Mitarbeiter/innen
Nina Verheyen
Laufzeit
2003 - 2007
Förderung
Promotionsstipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes (ab Januar 2004)

Die Doktorarbeit untersucht die Geschichte der „Diskussionslust“ in der westdeutschen Gesellschaft von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis in die frühen 70er Jahre. Im Zentrum stehen mehrere mikrohistorische Fallstudien. Sie thematisieren unter anderem den Versuch der West-Alliierten, Sinn und Zweck des Diskutierens über Dokumentarfilme zu veranschaulichen, analysieren die Beliebtheit von Radio- und Fernsehdiskussionen (zum Beispiel die Sendung „Internationaler Frühschoppen“) und die Forderung nach „mehr Diskussion“ im Rahmen der 68er Bewegung.

Fragestellung
Sind Diskussionen in der westdeutschen Kommunikationskultur von den späten 40ern bis in die frühen 70er aufgewertet worden? Warum? Mit welchen Folgen?

Methode
Methodisch-theoretisch kombiniert das Projekt ethnologische, linguistische und soziologische Ansätze. Diskussionen werden mit Thomas Luckmann als soziokulturell gerahmte „kommunikative Gattung“ gefasst. Zu den berücksichtigten Quellen gehören Protokolle, Ratgeberliteratur, Fernsehsendungen, Selbstzeugnisse und Zeitungsartikel.

Thesen
Die zentrale These des Projektes lautet, dass Diskussionen eine zunehmende Beliebtheit und Bedeutung im Alltag der westdeutschen Gesellschaft erfuhren. Diese Tendenz setzte lange vor der 68er Bewegung ein, und sie war das Ergebnis sehr unterschiedlicher Faktoren. Die Aufwertung des Diskutierens mündete schließlich in einem utopischen Erwartungsüberschuss, der sogar die philosophische Theoriebildung prägte. So ist es kein Zufall, dass Jürgen Habermas die ersten Schriften, mit denen er den angeblich „eigentümlich zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ explizit ausbuchstabierte, im Untersuchungszeitraum selbst verfasste. Hier zeigt sich die Kristallisation einer kulturhistorischen Tendenz: ein zunehmendes und schließlich überspitztes Vertrauen in die Möglichkeit, strittige Gegenstände „ausdiskutieren“ zu können, eine wachsende „Diskussionslust“ in der frühen Bundesrepublik.