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Ziel dieses Forschungsprojektes ist es, eine neue theoretische Grundlage für eine prinzipienbasierte europarechtliche Antwort auf die Auslegung des Identitätsbegriffs der mitgliedstaatlichen Verfassungsgerichte bereitzustellen. Dies ist von herausragender Wichtigkeit, da einige Verfassungsgerichte in Ostmitteleuropa den Begriff der nationalen Identität ethnokulturell auslegen und somit die europäische Integration gefährden.

Wenngleich sich die EU als Wertegemeinschaft versteht, die auf gemeinsamen Grundprinzipien beruht, betont Artikel 4 Abs. 2 des Vertrages der Europäischen Union (EUV), dass die EU „die Gleichheit der Mitgliedstaaten vor den Verträgen und ihre jeweilige nationale Identität“ achtet. Aufgrund der starken Migrationsbewegungen der vergangenen Jahre nach und in Europa versuchen einige Mitgliedstaaten ihre nationale Identität neu zu definieren und ebendiese Identität rechtlich festzulegen. Somit nutzen bestimmte ostmitteleuropäische Mitgliedstaaten Artikel 4 Abs. 2 EUV dazu, sich ihren europarechtlichen Verpflichtungen ganz oder teilweise zu entziehen.

Trotz der umfangreichen Literatur zum Begriff der nationalen Identität und seine Bedeutung im Europarecht wurde dem jüngst zu beobachtendem Trend der Neuerfindung des Identitätsbegriffs durch ostmitteleuropäische Verfassungsgerichte bisher wenig Beachtung geschenkt. Genau hier setzt das Forschungsprojekt an. Der Fokus liegt dabei auf der Visegrád-Gruppe (V4), bestehend aus Polen, der Slowakei, der Tschechischen Republik und Ungarn. Die V4 Länder eint u.a ihre gemeinsame Ablehnung einer EU-weiten Quotenregelung für die Umverteilung von Geflüchteten sowie die damit einhergehende ausgrenzende rechtliche Definition von ihrer jeweiligen nationalen Identität. Hauptbezugspunkt des Forschungsvorhabens ist die einschlägige Rechtsprechung der Verfassungsgerichte der V4. Den Verfassungsgerichten kommt eine autoritative Rolle bei der Durchsetzung ethnokulturell begründeter nationalstaatlicher Maßnahmen zu, die im Wege der verfassungsgerichtlichen Auslegung zum Bestandteil der nationalen Identität erklärt werden.

Das Forschungsprojekt beabsichtigt die Auslegung des Identitätsbegriffs durch die Verfassungsgerichte der  V4 Länder  vergleichend-analytisch darzustellen, mit dem Ziel, den jüngsten Trend zur Desintegration in Ostmitteleuropa besser verstehen zu können. Darüber hinaus sollen die Ergebnisse des Projekts als Werkzeug für eine prinzipienbasierte europarechtliche Antwort auf die Auslegung des Identitätsbegriffs der mitgliedstaatlichen Verfassungsgerichte dienen.

Das Forschungsprojekt erstreckt sich über den Zeitraum von September 2019 bis August 2021.

Das Projekt wird durch das EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation "Horizont 2020" mit der Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahme Nr. 794368  gefördert. 

Ausgewählte Publikationen

Wzbaktiv
2021
Kovács, Kriszta (2021): "Freie and faire Wahlen. Die europäischen Mindeststandards". In: Werkstatt Wahlen, 12.04.2021.
Kovács, Kriszta/Scheppele, Kim Lane (2021): "Rechtsstaat unter Druck. Ungarn, Polen and die Rolle der EU". In: Aus Politik und Zeitgeschichte - Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, Jg. 71, H. 37, S. 32-39.
Kovács, Kriszta/Tóth, Gábor Attila (2021): "Od niedoskonałej demokracji do niekompletnej autokracji". In: Adam Czarnota/Michał Paździora/Michał Stambulski (Eds.): Nowy konstytucjonalizm. Polityczność, tożsamość, sfera publiczna. Warszawa: Scholar, S. 175-206.
2020
Kovács, Kriszta (2020): "Parliamentary Democracy by Default. Applying the European Convention on Human Rights to Presidential Elections and Referendums". In: Jus Cogens - A Critical Journal of Philosophy of Law and Politics, Vol. 2, No. 3, S. 237-258. (vorab online publiziert 07.10.2020)
Kovács, Kriszta (2020): "Der Runde Tisch. Ein verfassungspolitisches Instrument". In: WZB-Mitteilungen, H. 167, S. 51..
Kovács, Kriszta (2020): "Der Lockdown der Demokratie. Im Schatten der Pandemie baut Viktor Orbán den ungarischen Staat um". In: WZB-Mitteilungen, H. 168, S. 20-23.
Kovács, Kriszta (2020): "Jak Orbán zarządza przez kryzys". In: Kultura Liberalna, 07.04.2020.
Kovács, Kriszta (2020): "Democracy in Lockdown". In: Social Research - An International Quarterly, Vol. 87, No. 2, Special Issue "In Time of Plague. The History and Social Consequences of Lethal Epidemic Disease - Covid-19 Edition", S. 255-262.
Kriszta, Kovács (2020): "How Can the ECtHR stay True to Its Commitment to Democracy?". In: LawLog, 30.10.2020.
Kriszta, Kovács/Leonhard, Ralf (2020): "Die Illusion des Wandels". In: Die Furche - Die österreichische Wochenzeitung, 23.01.2020, S. 8.
2019
Kovács, Kriszta/Scheppele, Kim Lane (2019): "The Fragility of an Independent Judiciary. Lessons from Hungary and Poland -- and the European Union". In: Peter H Solomon/Kaja Gadowska (Eds.): Legal Change in Post-Communist States. Progress, Reversions, Explanations. Soviet and Post-Soviet Politics and Society, Vol. 208. Stuttgart: ibidem-Verlag, S. 55-95.
Kovács, Kriszta/Tóth, Gábor Attila (2019): "The Age of Constitutional Barbarism". In: Verfassungsblog - On Matters Constitutional, 07.09.2019.
Kriszta, Kovács (2019): "Round Table. An Adept Device for Constitutional Politics". In: Verfassungsblog - On Matters Constitutional, 09.12.2019. (Debate "19 89 19 - Thirty Years after the Round Tables")
Kriszta, Kovács (2019): "Constitutional Continuity Disrupted". In: Margit Feischmidt/Balázs Majtényi (Eds.): The Rise of Populist Nationalism. Social Resentments and Capturing the Constitution in Hungary. Budapest/New York, NY: Central European University Press, S. 11-41.
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