Abstract

Das soziologische Dissertationsprojekt von Florian Irgmaier erarbeitet einen theoretischen Ansatz zur Erklärung eines Musters im Verhältnis von Wissenschaft, Technik und Normen: Relativ gefestigte normative Erwartungen werden im Gefolge wissenschaftlichen und technischen Wandels zunehmend problematisiert. Das zeigt sich etwa in Debatten um Klimaschutz oder um Haftungsfragen beim autonomen Fahren, besonders deutlich aber im Feld der Behavioral Public Policy, das der Arbeit als Beispielfall dient.

Dieser Policy-Ansatz greift verhaltenswissenschaftliche Theorien über die kognitiven Regelmäßigkeiten auf, die menschliches Verhalten prägen, und entwickelt auf dieser Grundlage Techniken (oft „nudges“ genannt) zur gezielten Verhaltensbeeinflussung. Das Wissen über kognitive Regelmäßigkeiten und ihre Nutzbarkeit führt zugleich zu intensiven normativen Debatten um die Frage, ob der staatliche Einsatz verhaltenspolitischer Instrumente nicht legitim oder sogar geboten sein könnte. Das hier beobachtbare gemeinsame Auftreten epistemischen, technischen und normativen Wandels interpretiert die Dissertation als Ergebnis fiktionaler Vorstellungen über die Verfügbarkeit oder Unverfügbarkeit bestimmter Ereignisse.

Ihre These ist, dass Wissenschaft und Technik zur Problematisierung von Normen beitragen, indem sie die Erzeugung und Glaubwürdigkeit fiktionaler Vorstellungen über Mögliches und Machbares beeinflussen. Veränderte Vorstellungen über die absichtsvolle Herbeiführbarkeit bestimmter Ereignisse führen wiederum zur Umverteilung von Zurechenbarkeit und Rechtfertigungspflichten zwischen unterschiedlichen Akteur*innen (etwa von Bürger*innen auf den Staat), die schließlich zum Anlass normativer Reflexion werden.

Projektleitung
Laufzeit
2018-2023

Erstbetreuer

Prof. Dr. Holger Straßheim

 

Zweitbetreuerin

Dr. Lena Ulbricht