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Langzeitkonten und biographische Lebensführung

Mitarbeiter/innen
Laufzeit
04/2006 bis 05/2008
Förderung
gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung

Für die Unternehmen stellen Langzeitkonten ein Flexibilisierungsinstrument dar; für die Beschäftigten eröffnen sie Chancen für eine bessere Verteilung von beruflichen und außerberuflichen Anforderungen im Lebensverlauf. Den Langzeitkonten wird ein großes Potenzial für erweiterte Gestaltungsoptionen und verbesserte Lebenschancen in den Erwerbsverläufen von Beschäftigten zugemessen. Das Projekt untersuchte, inwieweit und unter welchen Bedingungen dieses Potenzial in der betrieblichen Praxis entfaltet wird. Leitend waren die folgenden vier Untersuchungsfragen: (1) Welche Ziele verfolgen die Unternehmen bei der Einführung von Langzeitkonten? (2) Wie sieht die Praxis der Anspar- und Entnahmeprozesse aus? (3) Welche Interessen und Nutzungsmuster finden sich auf Seiten der Beschäftigten? (4) Wie wirken sich Unterschiede nach Geschlecht, Alter, Qualifikation, Einkommen, Lebenssituation und Lebensphase aus? Um diese Fragen zu beantworten, wurden die folgenden quantitativen und qualitativen Forschungsmethoden verbunden: (a) eine bundesweite repräsentative Unternehmensbefragung in Zusammenarbeit mit der Sozialforschungsstelle Dortmund (sfs), (b) Fallstudien in acht Vorreiterbetrieben auf Basis von ausführlichen Interviews mit betrieblichen Entscheidungsträgern und Experten, (c) eine repräsentative Beschäftigtenbefragung in zwei dieser Betriebe mittels standardisiertem Fragebogen, (d) problemzentrierte, biografische Interviews mit ausgewählten Beschäftigten.

Das Projekt kommt insgesamt zu dem Ergebnis, dass Langzeitkonten im Rahmen der lebenslauforientierten Arbeitszeitgestaltung bisher kaum genutzt werden. Das Instrument wird von den Unternehmen vorrangig auf den Altersübergang (Vorruhestand) und die Bewältigung von Kapazitätsschwankungen ausgerichtet. Dies geht zu Lasten alternativer Verwendungsziele, wie Auszeiten für Kinderbetreuung, Pflege, Weiterbildung oder Erholung. Die Verbreitung und Nutzung der Langzeitkonten weist zudem Muster der Selektivität auf, die den Zugang zu diesem Instrument vor allem für Beschäftigte in kleinen und mittleren Unternehmen, für niedrige Qualifikations- und Einkommensgruppen sowie für Beschäftigte mit hohen außerberuflichen Belastungen einschränkt. Das Projekt identifizierte sechs ursächliche Nutzungsbarrieren: (1) hohen Zeit- und Geldbedarf der Beschäftigten vor allem in der mittleren Lebensphase, (2) Vorbehalte der Beschäftigten gegenüber langfristig angelegten Zeitsparoptionen, (3) wachsende Zukunftsunsicherheit und Arbeitsplatzrisiken, (4) gestörte betriebliche Vertrauensbeziehungen und Probleme des Insolvenzschutzes, (5) fehlende Flankierung von Langzeitkonten durch die Personalpolitik sowie (6) eine Überforderung des Instruments im Zuge des Wegfalls der staatlich geförderten Altersteilzeit und der Anhebung des gesetzlichen Rentenalters. Vor diesem Hintergrund wird eine gezielte Ausrichtung und Flankierung von Langzeitkonten im Rahmen der präventiven Arbeitspolitik als sinnvoll bewertet (etwa für Weiterbildungs- oder Familienzeiten).


Publikationen
  • Hildebrandt, Eckart/Wotschack, Philip/Kirschbaum, Almut (2009): Zeit auf der hohen Kante. Langzeitkonten in der betrieblichen Praxis und Lebensgestaltung von Beschäftigten. Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung, Bd. 98. Berlin: edition sigma, 257 S.
  • Wotschack, Philip/Scheier, Franziska/Hildebrandt, Eckart (2009): "Keine Zeit für die Auszeit. Langzeitkonten schaffen im Erwerbsverlauf bisher kaum Entlastungen". In: WZB-Mitteilungen, H. 123, S. 12-15.
  • Wotschack, Philip/Hildebrandt, Eckart/Scheier, Franziska (2008): "Langzeitkonten - Neue Chancen für die Gestaltung von Arbeitszeiten und Lebensläufen?". In: WSI-Mitteilungen, Jg. 61, H. 11+12, S. 619-626.
  • Wotschack, Philip/Hildebrandt, Eckart (2008): "Working-Life Time Accounts in German Companies. New Opportunities for Structuring Working Hours and Careers?". In: Peter Ester/Ruud Muffels/Joop Schippers/Ton Wilthagen (Eds.): Innovating European Labour Markets. Dynamics and Perspectives. Cheltenham/Northampton, MA: Edward Elgar, S. 215-241.
  • Brandl, Sebastian/Hildebrandt, Eckart/Wotschack, Philip (Hg.) (2008): Arbeitszeitpolitik im Lebensverlauf. Ambivalenzen und Gestaltungsoptionen in deutscher und europäischer Perspektive. Edition der Hans-Böckler-Stiftung, Bd. 212. Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung, 174 S. + CD-ROM.

Hildebrandt, Eckart (Hg.) (2007): Lebenslaufpolitik im Betrieb. Optionen zur Gestaltung der Lebensarbeitszeit durch Langzeitkonten. Berlin: edition sigma
 

Hildebrandt, Eckart/Wotschack, Philip (2006): Langzeitkonten und Lebenslaufpolitik. In: WSI-Mitteilungen, Jg. 59, H. 11, S. 592-500