Vertikale Verknüpfungen

Im Mittelpunkt der Untersuchung politischer Ungleichheit steht die Frage, wann und wie die Bürger Einfluss auf die Eliten nehmen können und vice versa. Das Cluster "Vertikale Verknüpfungen" befasst sich mit solchen Fragen und konzentriert sich dabei insbesondere auf die Institutionen, die diese Verbindungen vermitteln.

Die Entwicklung von Kampalas Bürgercharta: Bürgerbeteiligung und bürokratische Reaktionsfähigkeit bei der Erbringung von Dienstleistungen


Über die Politik der politischen Ungleichheit ist nur wenig bekannt. Sicherlich gibt es Ungleichheiten bei der Beteiligung an kollektiven Entscheidungen und bei der Beeinflussung kollektiver Entscheidungen. Es besteht jedoch kein Konsens darüber, wie politische Ungleichheiten zu messen sind, wie sich politische Ungleichheiten auf das Wohlergehen auswirken und wie am besten mit ihnen umgegangen werden kann. Dieses Projekt nimmt sich diesen Herausforderungen im Kontext einer einzigartigen Episode des bürgerschaftlichen Engagements in der Stadtverwaltung von Kampala an. Hierfür wurde eine Partnerschaft mit der Kampala Capital City Authority (KCCA) geschlossen, die darauf abzielt, eine "Bürgercharta" zu entwickeln - eine Art Gesellschaftsvertrag, der die Rechte und Erwartungen der Bürger gegenüber dieser Behörde festlegt. Im Rahmen dieses Konsultationsprozesses strebt das Projekt Folgendes an: Eine Verbesserung der verhaltensbasierte Messung von Ungleichheiten bei politischer Einflussnahme. Bewerten zu können, ob und wie die Beteiligung an der Festlegung von Regeln die Ungleichheiten in der Bereitschaft der Bürger Maßnahmen zu ergreifen, um Dienstleistungen einzufordern und die Dienstleistungsanbieter in die Verantwortung zu ziehen, ausgleichen kann. Und schließlich um zu bewerten, wie die Formalisierung politischer Rechte und Pflichten diese Ungleichheiten abflachen können.

Art: Feldversuch

Aktivitäten: (1) 188 kleinere Bürgerversammlungen, bei denen die Teilnahme an den Versammlungen sowie die Art der Versammlung (Leitung durch KCCA-Mitarbeiter oder einen externen Diskussionsleiter) randomisiert wurden. In diesem Bereich wurde sowohl die Präferenzen der Bürger als auch der Diskussionsleiter für die Gestaltung der Charta gemessen; (2) Basis- und Abschlusserhebung über die Präferenzen der Bürger, politische Einstellungen und Verhaltensweisen, Vertrauen und pro-soziale Neigungen; (3) bürokratische Audits, bei denen die Befragten gebeten werden, als Bundesgenossen zu fungieren und Anträge an die Behörde zu stellen.

WissenschaftlerInnen:  Constantin Manuel Bosancianu (WZB), Ana Garcia-Hernandez (NOVA SBE and WZB), Macartan Humphreys (WZB).

Zeitplan:  Juli 2019 – laufend.

Finanzierung: International Growth Centre - Uganda, durch die Cities Initiative; Columbia University; WZB und eine private Stiftung.

OutputEin Bericht an der KCCA über die Gestaltung der Charta wird in Kürze veröffentlicht. Arbeitspapier zur Bewertung der Ungleichheit von Input, Throughput und Output im Zusammenhang mit Meetings, wird in Kürze veröffentlicht.

Partner:  International Growth Centre (IGC) – Uganda; Kampala Capital City Authority (KCCA); Innovations for Poverty Action (IPA) Uganda.

Medien, kurzform: Promises and Pitfalls of Consultative Processes in Development

Meta-Analyse zur politischen Verantwortlichkeit

In einem demokratischen Kontext können die Bürger auf der Mikroebene am ehesten politische Kontrolle über die Eliten ausüben, indem sie wählen gehen. Standardtheorien besagen, dass die Wähler, wenn sie von Fehlverhalten von Politikern erfahren, diese zur Verantwortung ziehen; die Politiker wiederum handeln auf der Grundlage ihrer Erwartungen an die Fähigkeit der Bürger, in dieser Weise zu handeln. Um dieses Argument zu überprüfen, wurden zusammen mit sieben Forschergruppen parallele Feldexperimente ("Metaketa I") an Studienstandorten auf der ganzen Welt durchgeführt, um festzustellen, wie Wähler am Wahltag auf neue Informationen über die unter- (oder über-) durchschnittliche Leistung ihrer Vertreter reagieren. Auf der Grundlage einer vorregistrierten Meta-Analyse, fanden sie kaum Belege dafür, dass die Wähler bereit sind, ihre Meinung über Politiker anzupassen oder nach entsprechend aktualisierter Meinung zu handeln. In allen Studien dominierten Bedenken, die nicht auf der Leistung basierten, was eine grundlegende Herausforderung für das Standardmodell der demokratischen Rechenschaftspflicht darstellt.

WissenschaftlerInnen: Macartan Humphreys (WZB), Clara Bicalho (UBC)

  • Die analytische Arbeit in der Meta-Analyse wurde von Bicalho am WZB geleitet, die sowohl eine Veröffentlichung in Science Advances als auch ein Buchkapitel im Sammelband (Cambridge University Press) mitverfasst hat.
  • Das WZB-Team hat eine interaktive, Shiny App entwickelt, mit der die Leser die wichtigsten Ergebnisse replizieren und neu bewerten können.

Autonome Kontrolle

In diesem Projekt wurde der institutionelle Wandel auf staatlicher Ebene untersucht; die Dezentralisierung von Entscheidungsstrukturen als einen Weg die „Nullsummenpolitik“ zu überwinden. In "From Recognition to Integration: Indigenous Autonomy, State Authority, and National Identity in the Philippines" (APSR) wurde die Frage aufgestellt, wie sich die Anerkennung kollektiver Selbstverwaltungsrechte für indigene Gemeinschaften auf die nationale Einheit und die Konsolidierung des Staates auswirkt. In den letzten Jahrzehnten haben viele Staaten solche Rechte anerkannt und die Kontrolle über Land und lokale Verwaltung rechtlich an indigene Institutionen übertragen. In der Literatur zur Staatsbildung wird die Ansicht vertreten, dass diese Politik die Konsolidierung des Staates gefährden könnte, da sie nichtstaatliche Behörden auf Kosten der staatlichen Autorität und subnationale Identitäten auf Kosten der nationalen Identität stärkt. Diese Frage wurde direkt angegangen, indem räumliche und zeitliche Unterschiede bei der Vergabe von kommunalen Landtiteln an indigene Gemeinschaften auf den Philippinen untersucht wurden. Unter Verwendung vom Differenz-in-Differenzen Ansatz, Paneldaten und Umfrageexperimenten wurde festgestellt, dass die Vergabe von Landtiteln entgegen der landläufigen Meinung sowohl die Selbstidentifikation der indigenen Bevölkerung als auch die Konformität mit dem Staat erhöhen kann.

WissenschaftlerInnen: Nina McMurry (WZB)

Status: Arbeit veröffetnlicht From Recognition to Integration: Indigenous Autonomy, State Authority, and National Identity in the Philippines | American Political Science Review | Cambridge Core

Digitale Staatsbürgerschaft

In diesem Projekt untersuchten die WissenschaftlerInnen die Versuche nationaler Bürokratien, auf Informationen über die Bürger zuzugreifen. Regierungen im gesamten globalen Süden haben mit der Einführung biometrischer Ausweise (eIDs) begonnen, um die Lesbarkeit zwischen Bürger und Staat zu verbessern. Solche Initiativen können zwar die Effizienz der Regierung verbessern, werfen aber auch wichtige Fragen zum Schutz der Privatsphäre der Bürger auf, insbesondere bei Gruppen, welchem der Staat seit jeher misstrauen. Wenn die Besorgnis über eine erhöhte Lesbarkeit zu einer unterschiedlichen Auffasungen oder zu Änderungen im politischen Verhalten führt, können eID-Initiativen gesellschaftliche Ungleichheiten eher verschärfen als abschwächen. In einem Conjoint-Experiment mit 2.073 Befragten aus vier kenianischen Regionen wurden auf Gruppenebene erhebliche Unterschiede bei der Unterstützung bestimmter politischer Maßnahmen gefunden sowie Hinweise darauf, dass Maßnahmen, welche die Überwachung erleichtern, ebenso die politische Beteiligung der Opposition beeinträchtigen können. Das überraschendste Ergebnis ist jedoch die breite Unterstützung für eine erweiterte Lesbarkeit. Das Versprechen, Zugang zu staatlichen Dienstleistungen zu erhalten, scheint andere Erwägungen zu überwiegen.

WissenschaftlerInnen: Lisa Garbe (WZB), Nina McMurry (WZB), Alexandra Scacco (WZB)

WZB-Arbeitspapier Who Wants to be Legible? Digitalization and Intergroup Inequality in Kenya

Verändert die politische Stimme die Prosozialität von Frauen?: Beweise aus einem Labor-Feldversuch in Uganda

In den letzten Jahren haben politische Entscheidungsträger auf der ganzen Welt Maßnahmen ergriffen, um die Präsenz von unterrepräsentierten Gruppen wie Frauen in Entscheidungsgremien zu erhöhen. Es hat sich gezeigt, dass dies die lokalen politischen Ergebnisse verändern kann. In den Studien werden jedoch möglicherweise zwei Mechanismen verwechselt: ein Selektionseffekt (die Vertretung unterschiedlicher Präferenzen) und ein Empowerment-Effekt (der Erwerb einer politischen Stimme verändert das eigene Verhalten). Um diese Effekte zu testen, wurde ein modifiziertes Spiel mit öffentlichen Gütern über zwei Kategorien von realen Gemeinschaftsgütern im ländlichen Uganda durchgeführt. Durch die exogene Zuweisung von Stimmrechten bei der Wahl des Gutes konnte direkt auf den Empowerment-Effekt getestet werden. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein politisches Mitspracherecht bei der Wahl des öffentlichen Gutes die Prosozialität im Durchschnitt nicht erhöht. Männer reagieren nicht auf Veränderungen des politischen Mitspracherechts. Frauen leisten jedoch einen deutlich geringeren Beitrag, wenn sie eine negative Veränderung der Mitspracherechte erfahren. Die Ergebnisse liefern neue Belege dafür, dass sich Veränderungen im politischen Einfluss direkt auf die Prosozialität auswirken können.

WissenschaftlerInnen: Ana Garcia-Hernandez (WZB)

Status: Die Daten wurden im Frühjahr 2017 erhoben und das Projekt wurde 2019 beendet.

Link zum Arbeitspapier

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Field Experiment in Uganda
Ana Garcia-Hernandez

Räder des Wandels: Die Auswirkungen von Fahrrädern auf die Bildung und das Empowerment von Mädchen in Sambia

In diesem Projekt wurden die Auswirkungen eines Programms untersucht, bei welchem einem Schulmädchen ein Fahrrad zur Verfügung gestellt wurde, welches mehr als 2,5 km von der Schule entfernt wohnt. Es wurde nach dem Zufallsprinzip entschieden, ob ein Mädchen ein Fahrrad erhält, bei dem die Familie geringe Kosten für Ersatzteile zu tragen hat, oder ein Fahrrad, bei dem diese Kosten durch das Programm abgedeckt werden und somit keine Kosten für die Familie anfallen. Zusätzlich gab es noch eine Kontrollgruppe. Es wurde festgestellt, dass der Besitzt eines Fahrrads die durchschnittliche Schulwegzeit um 35% verkürzte, die Fehlzeiten um 27% verringerte, die Testergebnisse in Mathematik verbesserte und dazu führte, dass die Mädchen ein stärkeres Gefühl der Kontrolle über ihr Leben zum Ausdruck brachten. Es gibt auch Belege dafür, dass Mädchen, die Fahrräder mit den geringen Kosten für ihre Familie erhalten haben, ein höheres Maß an Ehrgeiz, Selbstbewusstsein und den Wunsch hatten, Heirat und Schwangerschaft hinauszuzögern. Dies ist möglicherweise darauf zurückzuführen, dass die Mädchen die Zahlung der Familie als Wunsch verstehen, künftig mehr in sie zu invenstieren. Auswirkungen auf den Schulabbruch und den Übergang in eine andere Klasse wurden nicht gefunden. Eine Heterogenitätsanalyse nach der Entfernung zur Schule zeigt eine umgekehrte U-Form für die meisten Ergebnisse zu Schulbildung und Empowerment, was darauf hindeutet, dass die Auswirkungen für Mädchen, die weit, aber nicht zu weit von der Schule entfernt wohnen, am größten sind. Dies deutet auch darauf hin, dass die Empowerment-Ergebnisse durch Schulbildungseffekte wirken.

WissenschaftlerInnen:  Nathan Fiala (UConnecticut), Ana Garcia-Hernandez (WZB), Kritika Narula (Yale), Nishith Prakash (UConnecticut)

Finanzierung: WBR und UBS Bank

Status: Die Daten wurden zwischen August 2017 und Dezember 2018 erhoben. Administrative Daten wurden in den Jahren 2019 und 2020 erhoben.

Link zum Strategiepapier: policy brief

Link zur Projekt-Website: project webpage

Partner:  World Bicycle Relief (WBR) und Innovations for Poverty Action (IPA)

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Wheels of Change
World Bicycle Relief

Netzwerke und das Ausmaß der geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Leistung von Politikern innerhalb verschiedener Aufgabenbereichen

Der Frauenanteil in der Legislative ist in den letzten zehn Jahren drastisch gestiegen. Dennoch sind Politikerinnen nach wie vor mit Hindernissen konfrontiert, die ihre Leistung im Vergleich zu Männern beeinträchtigen. Die WissenschaftlerInnen argumentieren, dass diese Hindernisse je nach Aufgabenbereich unterschiedliche Auswirkungen haben, was zu unterschiedlich großen Leistungsunterschieden zwischen den Geschlechtern je nach Aufgabenbereich führen kann. Insbesondere dann, wenn Politikerinnen von Politikernetzwerken ausgeschlossen sind, können Aufgaben, die eine Interaktion mit anderen Politikern erfordern (z. B. gesetzgeberische Tätigkeiten), größere geschlechtsspezifische Unterschiede aufweisen als Aufgaben (z. B. Wahlkreisbetreuung), die unabhängig wahrgenommen werden können. Dieses Arguemnt findet Unterstützung, wenn die Leistungen von weiblichen und männlichen Politikern in 50 subnationalen ugandischen Parlamenten (in denen ein Drittel der Sitze für Frauen reserviert ist) vergliechen werden. Anhand von Original-Netzwerkdaten wurde festgestellt, dass Frauen in beruflichen Netzwerken deutlich stärker eingebunden sind und dass diese Netzwerk-Peripherie die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei Aufgaben, die eine stärkere Interaktion mit anderen Politikern erfordern, nicht aber bei unabhängig ausgeführten Aufgaben, vorantreibt.

WissenschaftlerInnen: Ana Garcia-Hernandez (WZB), Guy Grossman (UPenn), Kristin Michelitch (Vanderbilt)

Status: Arbeit veröffentlicht.

Link zum Arbeitspapier

Wann werfen starke Parteien "die Nichtstuer raus? Wettbewerb und Verantwortlichkeit bei südafrikanischen Kandidatennominierungen"

Wie entscheiden die Parteieliten, welche Kandidaten sie nominieren? Bestehende Berichte legen nahe, dass in Parteiensystemen mit zentralisierten Nominierungen und starken Parteimarken die Parteieliten parteiinternen Belangen Vorrang vor den Interessen der Wählerschaft einräumen, was sich negativ auf die demokratische Rechenschaftspflicht auswirkt. In diesem Projekt wird diese Behauptung in Südafrika anhand von Daten über die Laufbahn von mehr als 8.000 Gemeinderatsmitgliedern in Verbindung mit Daten auf Wahlkreisebene über die öffentliche Meinung und die Erbringung öffentlicher Dienstleistungen untersucht. Es lässt sich feststellen, dass die Zustimmung der Bürger eine Wiederernennung und Beförderung des Amtsinhabern vorhersagt, allerdings nur in Wahlkreisen, in denen ein Wettbewerb herrscht. Im Gegensatz dazu deuten Verbesserungen bei der Erbringung von Dienstleistungen keinen beruflichen Aufstieg an. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Südafrikas starke Parteien auf die Ansichten ihrer Wähler eingehen, dass aber die parteigebundene Rechenschaftspflicht möglicherweise keinen Anreiz für bessere öffentliche Dienstleistungen bietet.

WissenschaftlerInnen: Nina McMurry (WZB), Evan Lieberman (MIT), Philip Martin (GMU)

Status: Veröffentlicht in Studies in Comparative International Development

Von der Anerkennung zur Integration: Indigene Autonomie, staatliche Autorität und nationale Identität auf den Philippinen

Dieses Projekt untersucht die Dezentralisierung von Entscheidungsstrukturen auf staatlicher Ebene als einen Weg, die Nullsummenpolitik zu überwinden. Es wird der Frage nachgegangen, wie sich die Anerkennung kollektiver Selbstverwaltungsrechte für indigene Gemeinschaften auf die nationale Einheit und die Konsolidierung des Staates auswirkt. In den letzten Jahrzehnten haben viele Staaten solche Rechte anerkannt und die Kontrolle über Land und lokale Verwaltung rechtlich an indigene Institutionen übertragen. In der Literatur zur Staatsbildung wird die Auffassung vertreten, dass diese Politik die Konsolidierung des Staates gefährdet, da sie nichtstaatliche Behörden auf Kosten der staatlichen Autorität und subnationale Identitäten auf Kosten der nationalen Identität stärkt. Basierend auf räumlichen und zeitlichen Unterschieden bei der Vergabe von kommunalen Landtiteln an indigene Gemeinschaften auf den Philippinen, wird daraus geschlossen, dass die Vergabe von Titeln sowohl die Selbstidentifikation der Indigenen als auch ihre Bindung an den Staat erhöhen kann.

WissenschaftlerIn: Nina McMurry

Status: Veröffentlicht in American Political Science Review