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GLES German Longitudinal Election Study, 2009-2017

Laufzeit
Januar 2009 - Dezember 2017
Förderung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Kooperationen
Hans Rattinger (Universität Mannheim)
Sigrid Roßteutscher (Universität Frankfurt a. M.)
Rüdiger Schmitt-Beck (Universität Mannheim)

Die German Longitudinal Election Study (GLES, http://www.gles.eu) wird gleichberechtigt von vier Instituten getragen. Projektnehmer sind Hans Rattinger (GESIS, Mannheim), Sigrid Roßteutscher (Universität Frankfurt a. M.), Rüdiger Schmitt-Beck (Universität Mannheim) und Bernhard Weßels (WZB).

Das Projekt besteht aus neun Studienkomponenten, für die die vier Standorte in Arbeitsteilung verantwortlich sind. Dazu zählen zwei große Querschnittsbefragungen vor und nach der jeweiligen Bundestagswahl, eine Rolling Cross-Section, ein Kampagnenpanel, eine quantitative Inhaltsanalyse der Medieninhalte während des Wahlkampfes, eine Studie zu den TV-Kanzlerkandidaten-Debatten, eine Kandidatenstudie zu den Bundestagswahlen, eine Langfristwiederholungsbefragung Vor- und Nachwahl, eine Langzeit-Tracking-Befragung sowie eine Langzeit-Medieninhaltsanalyse.

Ziel ist es, die bei der Bundestagswahl 2005 kulminierten Prozesse der Veränderung zu untersuchen, die als Konsequenz allgemeinen sozialen Wandels seit Jahrzehnten wirksam sind und aufgrund der Wiedervereinigung zusätzliche Beschleunigung erfahren haben. Diese Prozesse betreffen einerseits das Verhalten von Wählern, dessen Instabilität ein bislang unbekanntes Ausmaß erreicht hat. Betroffen ist andererseits aber auch der Kontext, in dem Wahlentscheidungen getroffen werden, also Parteien und ihre Kandidaten, deren Wahlkampf und die Massenmedien. Der Wählerwandel und der Wandel des politischen Angebots und seiner Präsentation führten zu einem beträchtlichen Anwachsen der Instabilität elektoraler Prozesse mit potenziell weit reichenden Konsequenzen für die repräsentative Demokratie in Deutschland.

Mit Blick auf die nächsten drei Bundestagswahlen (2009, 2013, 2017) wird die Deutsche Longitudinale Wahlstudie (German Longitudinal Election Study, GLES) beobachten und analysieren, wie die mobile Wählerschaft der Gegenwart auf neue Konstellationen elektoraler Politik reagiert. Mit Hilfe neuester Methoden wird dieses Projekt eine umfassende, komplexe und integrierte Datenbasis generieren und extensiv analysieren. Diese Datenbasis verbindet Querschnitt- und sowohl kurz- als auch langfristige Längsschnittstudien. Das Projekt kombiniert Umfragen zum Wahlverhalten mit der Untersuchung von Schlüsseldimensionen des elektoralen Kontexts: Medien, Kandidaten und Wahlkämpfe.

Da das Projekt nicht nur Erhebungen zu den drei Bundestagswahlen einschließt, sondern darüber hinaus eine Langfrist-Wiederholungsbefragung (Panel) sowie Befragungen zwischen den Wahlen, können sowohl die Phasen hoher Mobilisierung als auch die Phasen relativer politischer Ruhe betrachtet und die Konsequenzen des Wandels von Wählern, Parteien und dem Parteiensystem sowie der Wahlkämpfe besonders gut untersucht werden. Die GLES ist das bisher umfassendste Programm der deutschen Wahlforschung. Die durch das Projekt generierten Daten werden als öffentliches Gut behandelt und interessierten Sozialwissenschaftlern unverzüglich zugänglich gemacht.

Die German Longitudinal Election Study – Überblick über die Komponenten

Im Rahmen des Gesamtprojekts ist das WZB primär für zwei Studienkomponenten verantwortlich: die Nachwahlstudie und die Kandidatenstudie. In enger Abstimmung mit der Vorwahlstudie (Sigrid Rossteutscher, Universität Frankfurt a. M.) und dem Nachwahl-Langfristpanel (Hans Rattinger, GESIS Mannheim) soll die  repräsentative Nachwahlbefragung, die zusammen mit der Vorwahlstudie ein „Flagschiff“ des Projekts darstellt, erstens die detaillierte Analyse des Wahlverhaltens ermöglichen und zweitens in der Langfristperspektive die Veränderungen im Calculus des Wählens eruieren. Insbesondere geht es um die Frage, inwieweit sich traditionelle „Wählermärkte“ aufgelöst und neue Typen von Wählern entwickelt haben.

Drittens schließt die Nachwahlstudie ein Modul der Comparative Study of Electoral Systems (CSES, www.cses.org) ein, an der das WZB bei jeder Bundestagswahl seit 1998 beteiligt ist. Dabei handelt es sich um ein Kooperationsnetzwerk von inzwischen über 50 nationalen Wahlstudienteams weltweit, das sich darauf verständigt hat, in seinen Nachwahlbefragungen ein jeweils identisches Fragenmodul mit aufzunehmen und diese Daten öffentlich zu machen. CSES verfügt über ein Sekretariat am Institute for Social Research in Ann Arbor und seit jüngster Zeit auch bei der GESIS in Mannheim. Dort werden die Daten öffentlich und frei über das Internet zugänglich gemacht. Zum einen erlaubt es das CSES-Modul in der Nachwahlstudie, das Wahlverhalten in Deutschland in den internationalen Kontext zu stellen und danach zu fragen, ob z. B. Aspekte der Entfremdung von der Politik oder der politischen Indifferenz in Deutschland stärker auf das Wahlverhalten durchschlagen als anderswo. Zum anderen ermöglicht die Beteiligung an der CSES-Studie eine Art der Grundlagenforschung, die ohne die vergleichende Komponente nicht möglich wäre: die Frage nach der Verhaltenswirksamkeit politischer Institutionen und Kontexte. Konkret geht es darum, ob z. B. die Art des Wahlsystems oder die Art des politischen Angebots die Kalküle des Wahlverhaltens und die Wählerstrategien beeinflussen.

Die Kandidatenstudie wird in Kooperation mit den Kollegen Thomas Gschwend, Hermann Schmitt, Andreas Wüst und Thomas Zittel vom Mannheimer Zentrum für europäische Sozialforschung (MZES) der Universität Mannheim durchgeführt. Sie haben vor einigen Jahren die Comparative Candidate Study kreiert. Dadurch kann die Kandidatenstudie auf zwei erfolgreiche Vorgängerstudien der Jahre 2002 und 2005 aufbauen. So können auch mögliche Veränderungen im Zeitvergleich analysiert werden. Der gemeinsame Kern der Befragung besteht aus Daten zum Hintergrund der Befragten, zu ihrer Rekrutierung und Selektion, zum Kampagnenverhalten, zu Einstellungen sowie Policy-Positionen.

Im Rahmen dieses Projektteils wird eine schriftliche Befragung aller Kandidatinnen und Kandidaten zum Deutschen Bundestag durchgeführt. Diese Befragung ist komplementär zur Wählerbefragung angelegt. Zwei zentrale Fragen stehen in dieser Vergleichsperspektive im Vordergrund: Mobilisierung und Repräsentation. Ergebnisse verschiedener Studien zur Mobilisierung verweisen darauf, dass (a) eine unmittelbare Ansprache der Wählerinnen und Wähler und (b) die Evaluation von Kandidaten einen wichtigen Einfluss auf das Wahlverhalten haben. Zu (a) zeigen Studien, dass die Wahlbeteiligung steigt, wenn es zu mittelbaren oder unmittelbaren Kontakten zwischen politischen „Anbietern“ und „Nachfragern“ kommt; zu (b) zeigen Studien, dass die Performanz von Wahlkreiskandidaten einen Einfluss auf die Wahlentscheidung über die Evaluierung der Parteienangebote hinaus haben. Die Ergebnisse können allerdings bisher nicht als gesichert angesehen werden. Hier wird die GLES zu gesicherten Kenntnissen beitragen und darüber hinaus auch die Wandlungstendenzen in der Wirksamkeit von Kampagnen (Mobilisierung) und des personalen Faktors (Personalisierung) festhalten können.

Bei der Frage nach Repräsentation geht es um den Vergleich von Politikzielen von Wählern, Kandidaten und Gewählten. Die Kongruenz in politischen Zielen stellt zwar keinen vollständigen Gradmesser für Policy-Repräsentation dar, kann aber als Gradmesser dafür genommen werden, welche Anliegen überhaupt eine Chance haben, im politischen Prozess artikuliert zu werden. Hier geht es weniger um die Frage nach der absoluten Qualität von Repräsentation als um die Eigenschaften politischer Prozesse. Ziel ist es, die Mechanismen der Selektivität und des Bias in der politischen Repräsentation zu bestimmen. Beruhen Unterschiede zwischen Bürgern und politischen Führungsgruppen auf Faktoren sozialer Differenzierung, kann von sozial induzierter politischer Ungleichheit und damit von einem Problem für politische Repräsentation ausgegangen werden. Beruhen die Unterschiede hingegen auf politischen Faktoren im weitesten Sinne, ist genau zu prüfen, welche Effekte Selektivität und Bias hervorbringen und mit welcher Zielorientierung sie etabliert wurden. Mit den Modulen Wählerumfragen und Kandidatenumfragen lassen sich diese Fragen für zwei Ebenen beantworten: Wähler und Kandidaten sowie Wähler und Gewählte.