Technologischer Wandel und Ungleichheit

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Ungleichheit
erhui1979 Getty Images DigitalVision Vectors

Aktuelle technologische Entwicklungen haben das Potenzial, Ausmaß und Ausprägung sozialer Ungleichheit fundamental zu verändern. Erfolge auf dem Arbeitsmarkt könnten in Zukunft durch andere Fähigkeiten beeinflusst werden als in der Vergangenheit. Auch traditionelle Einflussfaktoren sozialer Mobilität wie Herkunft oder Bildungsabschlüsse werden durch technologischen Wandel verändert. Ein neues Forschungsprojekt am WZB untersucht die Folgen des technologischen Wandels für die Gesellschaft und nimmt dabei das Thema Ungleichheit in den Blick – gemeinsam mit einem Konsortium europäischer Universitäten.

Ein Interview mit Martin Ehlert, einem der Projektleiter des Forschungsprojekts TECHNEQUALITY. Die Fragen stellte Kerstin Schneider.

Sie untersuchen gemeinsam mit einem großen europäischen Team das Thema Ungleichheit und technologischen Wandel. Was haben Sie geplant?

Der technische Wandel wird die Arbeitswelt massiv verändern. Er hat auch Einfluss darauf, wie über den Arbeitsmarkt Wohlstand verteilt wird, und er verändert soziale Ungleichheitsstrukturen. Das Herausragende an unserem Projekt ist, dass wir schauen wollen, welchen Einfluss Institutionen auf den Zusammenhang von Technologien auf der einen Seite und Ungleichheit auf der anderen Seite haben. Gibt es vielleicht Länder, die besser auf den technischen Wandel vorbereitet sind, oder andere, in denen sich die Ungleichheit noch mehr verstärken wird? In dem Zusammenhang ist natürlich Bildung ein ganz großes Thema.

Welche Institutionen meinen Sie?

Wir verwenden da einen sehr weiten Begriff: Institutionen umfassen Schulsysteme, Wohlfahrtstaaten, aber Instrumente der Arbeitplatzregulierung wie Gesetzgebungen und Berufsordnungen. Dazu gehören aber auch eher informelle Regelsysteme, die beeinflussen, wie Wirtschaft und Arbeitsmarkt funktionieren.

Geht es primär um Erwachsenenbildung?

Wir untersuchen Bildung als lebenslangen Prozess. Das heißt, wir versuchen herauszufinden, wie die Teilnahme an Bildung in allen Lebensphasen von der Kindheit über die Jugend bis zum Erwachsenenalter zusammenhängt. Das umfasst u. a. folgende Fragen: Wie läuft Kompetenzerwerb in der Erstausbildung? Welche Rolle spielt Ungleichheit beim Erwerb von Kompetenzen, z. B. durch das Elternhaus? Vielfach wird die Erstausbildung durch technische Entwicklungen obsolet. Da fragen wir, wie Kompetenzen für neu entstehende Jobs im Erwachsenenalter erworben werden können.

Sie sprechen im Titel des Projektes von Technologisierung und nicht von Digitalisierung. Welche Gründe hat das? 

Wir schauen uns die Entwicklung in einem größeren Rahmen an. Technischer Wandel ist ja nichts Neues – er begleitet die Menschheitsgeschichte und hat schon immer die Gesellschaft verändert. Wir haben zwar keine Kristallkugel, um die Zukunft zu sehen und zu schauen, wie die Digitalisierung wirklich den Arbeitsmarkt verändern wird. Aber wir können untersuchen, was früher passiert ist, wenn Technologien bestimmte Tätigkeiten überflüssig gemacht haben. Daraus können wir dann Prognosen für die Zukunft ableiten.

Geht es auch um die Angst vor dem technologischen Wandel?

Das ist natürlich eine wichtige Motivation für unsere Forschung. Allerdings wollen wir in dem Projekt vor allem die aktuellen Debatten dazu mit empirischen Fakten unterfüttern. Es geht erst einmal um die quantitative Analyse und messbare Ungleichheiten bezogen auf Einkommen und Lebenschancen. Wir wollen einen objektiven Blick bekommen, wie viele Jobs eigentlich wegfallen werden. Welche Berufe sind besonders gefährdet, wer wird tendenziell arbeitslos? Welche Fähigkeiten werden in Zukunft gebraucht, und wer hat Zugang zu entsprechenden Weiterbildungen? Daraus kann man dann ableiten, welche Ängste begründet sind und welche nicht.

Um welche Jobs geht es?

Mithilfe großer Datensätze und Rechenkapazitäten und selbstlernender Algorithmen können Computer immer besser Muster erkennen und aufwändige Arbeiten übernehmen. Das wird zum Beispiel auch die schon vorhandenen Industrieroboter verbessern. Das bedeutet, dass in Zukunft nicht nur repetitive „Routinetätigkeiten“ ersetzt werden können sondern auch kognitiv aufwändigere Tätigkeiten, wie zum Beispiel die Kommunikation mit Kunden über Chatbots (textbasierte Dialogsysteme, die Chatten mit einem technischen System erlauben). Aber: Man muss solche Entwicklungen auch mit einer gewissen Skepsis betrachten. Ob alle Entwicklungen z. B. rund um die Künstliche Intelligenz wirklich praktikabel sind, in der Realität funktionieren, wirtschaftlich sind und eine soziale Auswirkung haben, wird sich zeigen.

Welche neuen Zusammenhänge zwischen Bildung und Ungleichheit sehen Sie?

Wir analysieren, ob klassische Bildungsabschlüsse in Zukunft vielleicht gar nicht mehr so viel wert sein werden, weil andere Fähigkeiten in der Digitalisierung wichtig geworden sind. Bei den Freiberuflern, z. B. bei Programmierern, kann man das heute schon sehen. Da wird nicht mehr so viel auf Bildungsabschlüsse geschaut, sondern darauf, was die Leute können. Eine solche Entwicklung kann neue Ungleichheiten hervorrufen. Wenn Abschlüsse nicht mehr so viel Stellenwert haben wie früher,  muss sich auch die Bildungspolitik ändern. Chancengleichheit kann dann nicht mehr nur über die Möglichkeit Abschlüsse zu erwerben hergestellt werden. Uns ist wichtig herauszufinden: Verändert sich der Weg, wie man in unserer Gesellschaft zu einem hohen Status kommt?

Vielleicht muss sich dann auch die Bildung wandeln, wenn Soft Skills wie vernetztes Denken oder Teamfähigkeit immer mehr gefragt sind. Jobs, die man früher als sicher erachtet hat, fallen weg. Bildung und Wissen, das früher für ein gutes Auskommen gereicht hat, reicht vielleicht bald nicht mehr aus. Bestimmte Gruppen der Gesellschaft könnten aufsteigen, andere absteigen. Das könnte in großen Dimensionen passieren.

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Martin Ehlert. Foto: David Ausserhofer
Martin Ehlert. Foto: David Ausserhofer

Martin Ehlert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Ausbildung und Arbeitsmarkt und einer der Projektleiter von Technological inequality – understanding the relation between recent technological innovations and social inequalities (TECHNEQUALITY).

Zusätzlich zum Projektteam am WZB besteht das TECHNEQUALITY Konsortium aus Soziolog*innen und Ökonom*innen von den Universitäten Maastricht und Tilburg (Niederlande), der Universität Oxford sowie Cambridge Econometrics (Großbritannien), der Universität Stockholm (Schweden), dem European University Institute in Florenz (Italien) und der Universität Tallinn (Estland).

TECHNEQUALITY  wird von der Europäischen Union im Rahmen des Programms Horizon 2020 gefördert.