A photo of a tape measure on top of a scale
Tatiana Sviridova / iStock / Getty Images Plus

Übergewicht und Kultur

Weltweit nimmt die Zahl der Menschen mit Übergewicht zu, allerdings mit großen Unterschieden zwischen Ländern. Eine aktuelle Studie zeigt, dass diese Unterschiede teilweise durch die in einer Gesellschaft vorherrschenden kulturellen Rahmenbedingungen erklärt werden können.

Ein internationales Team von Soziolog*innen, darunter der ehemalige WZB-Forscher Plamen Akaliyski und die WZB-Forscherin Jianghong Li, fragt in ihrer aktuellen Studie für die Zeitschrift Social Science & Medicine, warum die Fettleibigkeitsraten weltweit so stark variieren. In den USA (37,3 Prozent) und Ägypten (31,1 Prozent) lagen die Raten nach Daten der Weltgesundheitsorganisation WHO zuletzt deutlich über jenen von Japan (4,3 Prozent) oder Südkorea (4,7 Prozent). Gängige sozial-ökonomische Erklärungen, wie etwa das Wohlstandsniveau, der Grad der wirtschaftlichen Verflechtung oder die gesellschaftliche Verteilung von ökonomischen Gütern können diese Unterschiede nicht erklären.

Bild
Bild
Two-dimensional graph depicting obesity in a global country by country comparison

Positionierung der einzelnen Länder in der jeweiligen kulturellen Dimension, nationale Fettleibigkeitsrate (Durchschnitt von Männern und Frauen) sowie Pro-Kopf-BIP (log).

Das Team stellte die Hypothese auf, dass nicht soziale oder ökonomische, sondern kulturelle Faktoren die individuellen Entscheidungen über Ernährung und körperliche Betätigung beeinflussen – was sich dann in unterschiedlichen nationalen Übergewichtsraten niederschlage. Die Autor*innen fahndeten nach möglichen kulturellen Erklärungen für die Verbreitung von Fettleibigkeit in einer Gesellschaft. Solche kulturellen Charakteristika setzten sie mit WHO-Daten zu Übergewicht in Korrelation.

Die Studie kommt zu zwei wesentlichen Ergebnissen: Erstens wird gesellschaftlicher Individualismus mit höheren Übergewichtsraten in Verbindung gebracht, allerdings hauptsächlich bei Männern. Zweitens ist in Gesellschaften, die von Flexibilität – gemessen an Attributen wie "Bescheidenheit", "Selbstbeherrschung" und "Wunsch-Kontrolle" – gekennzeichnet sind, die Fettleibigkeit bei Männern und Frauen seltener.

Die Autor*innen der Studie fordern, dass sich die sozialwissenschaftliche Forschung eingehender mit den kulturellen Bedingungen von Fettleibigkeit beschäftigen sollte. Gleichzeitig müssten politische Entscheidungsträger*innen dieses neue Wissen nutzen, um effektive Gegenmaßnahmen zu entwickeln.

 

5.10.22, fjb

Die Studie "The weight of culture: Societal individualism and flexibility explain large global variations in obesity" von Plamen Akaliyski, Michael Minkov, Jianghong Li, Michael Harris Bond und Stefan Gehrig, wurde publiziert in: Social Science & Medicine, August 2022.

Bild
Sprechblase mit Papier
Volodymyr Hryshchenko/unsplash.com

Im WZB-Talk "A Community of Shared Values?" spricht der Ko-Autor der Studie, Plamen Akaliyski, über die Relevanz des „Kulturellen“ als Analyse-Dimension der Soziologie und die kulturelle Integration innerhalb der EU. Die Folien zum Talk gibt es hier (PDF).