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Alumnus/Alumna im Porträt

David Ausserhofer

Alumnae und Alumni im Videointerview.

Laudation zu Ehren von Friedhelm Neidhardt

Von 1994 bis 2000 war Friedhelm Neidhardt Präsident des WZB. Lesen Sie hier Jutta Allmendingers Laudatio anlässlich seines 80. Geburtstags.

Verehrter, lieber Herr Neidhardt,

wir feiern heute Abend Ihren 80. Geburtstag. Heutzutage gilt dies noch nicht als Greisenalter – wir erwarten im nächsten Jahrzehnt schon noch einiges an Ideen und Einsprüchen von Ihnen – aber es ist ein doch schon eine beachtliche runde Zahl, die nach einer Rückschau verlangt. Sie wurden vor 80 Jahren, genauer: am 3. Januar 1934 in Gadderbaum bei Bielefeld geboren. Ein Steinbock also. Nun sind Horoskope das genaue Gegenteil von dem, was Soziologen anstellen - erlauben Sie mir aber trotzdem spaßeshalber nachzulesen, was die Astrologen – diese natürlichen Feinde aller Soziologen - so über dieses Sternzeichen sagen. Vor allem, da wir in der privilegierten (und damit wieder soziologenfreundlichen) Situation sind, diese Aussage am lebenden Objekt zu überprüfen.

„Kein Sternzeichen (so sehen es die Astrologen)ist so diszipliniert wie der Steinbock.
(
Esoterik hin oder her: diszipliniert stimmt schon einmal.)
Sein Schirmherr Saturn ist der Gott des Ackerbaus, der harten Arbeit und der Ordnung. Der Steinbock liebt sein Zuhause und benötigt eine solide Basis, um sich wohl zu fühlen. Den Grundstock legt der kleine Steinbock schon in der Schule. Er legt sehr viel Wert auf gute Zeugnisse und eine gute Berufsausbildung.
(
Die haben Sie ganz ohne Zweifel erhalten.)
Der Steinbock setzt nicht auf Mode, er setzt auf edle Stoffe und Sicherheit. Überhaupt sollte alles von guter Qualität sein - das fängt mit der Kleidung an
(
auch hier werden einige von Ihnen zustimmend nicken)
und macht sich auch in der Wahl eines Fahrzeugs oder der Wohngegend bemerkbar.“

(Ihr Dienstwagen war ein Audi 100 Avant, privat fuhren Sie einen Golf, Sie wohnten im guten Berliner Stadtteil Westend, aber nicht in der Villen-Kolonie, sondern da, wo die Mietshäuser sind. – Gar nicht so schlecht, die Prophezeiung der Sterne. Als Soziologen können wir dies sogar in eine Dreisatz-Formel umwandeln: Das Villenviertel Westend verhält sich zur Neidhardtschen Westend-Mietshauswohnung wie der BMW zum Audi.)

Und zuletzt zum Beruflichen:
„Der Steinbock ist kein Träumer, er sieht seinen Weg klar vor sich. Er hat einen Plan für sein berufliches Vorwärtskommen. Viele Steinböcke kann man in der Politik antreffen oder in großen Firmen, mit klaren Aufstiegsmöglichkeiten.“

Der Aufstieg war Ihnen also in die Wiege gelegt worden. Sie studierten 1954 bis 1957 Wirtschaftswissenschaften und Soziologie in Hamburg, Kiel, München, Bloomington (USA), Buenos Aires. Seit 1961 waren Sie Assistent von Karl Martin Bolte an der Hamburger Akademie für Wirtschaft und Politik und folgten ihm nach München. Und dann begann das Karussell der Professuren – oder soll ich sagen: Spirale?, denn es ging unaufhaltsam nach oben - von der HamburgerAkademie für Wirtschaft und Politik zur Universität Tübingen, von dort aus nach Köln und zuletzt 1976 nach Berlin an die FU und an das WZB.

Und nun Schluss mit der Astrologie – oder darf ich doch noch eine kleine Bemerkung zitieren? „Oft muss der Steinbock schon früh Verantwortung übernehmen und diese gibt er sein ganzes Leben nicht mehr ab.“

In der Tat ist der Gemeinnutz ein zentrales Moment in Ihrem Leben gewesen – Sie haben sich immer für Ihre Profession eingesetzt. So waren Sie Mitherausgeber der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie und Herausgeber der Soziologischen Revue. Und, ganz besonders wichtig, waren Sie lange Jahre Mitglied des Wissenschaftsrates. Dort haben Sie die Soziologie selber mit evaluiert. Überhaupt ist es für Sie kennzeichnend, dass Sie in Ihren Ämtern oft „neben sich“ standen und eine Beobachterperspektive auf Ihr eigenes Amt oder Ihre eigene Institution einnahmen, also gewissermaßen „Ämterethnologie“ betrieben. Das war bei der DFGso, beim WR, bei Ihrer Professorentätigkeit, bei Strukturproblemen Ihrer eigenen Disziplin oder der Wissenschaftspolitik.

1994 wurden Sie dann Präsident des WZB. Und auch hier fielen in Ihre Amtszeit zwei Großereignisse der wissenschaftlichen Qualitätskontrolle:

  • Zum einen die Evaluation durch den Wissenschaftsrat 1996, die in einer Spitzenbewertung gipfelte.- Und die das WZB dennoch nicht vor empfindlichen Mittelkürzungen und Reduzierung der Wissenschaftlerstellen bewahrte. Wie Sie selbst nachdenklich festgestellten: „Der Reputationsgewinn hat sich für uns nicht in harter Währung auszahlt.“
  • Zum anderen der erstmalige Audit aller Forschungseinheiten durch den wissenschaftlichen Beirat. Sie erlebten dies damals als eine „Gemeinsamkeitserfahrung“ für das WZB. Interessant war, dass Sie erstmals auch Daten zur Leistung der Forschungseinheiten erheben ließen und Leistungsindikatoren entwickeln ließen – und gleichzeitig davor warnten, „Leistungsmessungen nicht mit Maximierungserwartungen zu bestimmen“.

In vielem, so fällt einem dabei auf, haben Sie als WZB-Präsident den Grundstein gelegt für das, was Jürgen Kocka und ich als Ihre Nachfolger wertgeschätzt und fortgesetzt haben:

  • Sie waren überaus engagiert bei der Frauenförderung: In Ihrer Amtszeit wurde eine Gleichstellungsbeauftragte eingesetzt und das unter Wolfgang Zapf eingeführte Doktorandinnenprogramm mit 6 Stellen fortgeführt, um längerfristig „von unten“ die Karrierechancen von Frauen zu verbessern.
  • Sie bauten abteilungsübergreifende „Querschnittsgruppen“ auf – quasi die Vorläufer unserer Brückenprogramme – (unter anderem passenderweise zum Thema „Gemeinwohl“ und „Geschlecht, Arbeit, Organisation“).
  • Sie verstärkten die internationalen Kooperationen, insbesondere zu den osteuropäischen Sozialwissenschaften, vor allem in Polen. (Der damalige Kuratoriumsvorsitzende Wolf-Michael Catenhusen sagte bei Ihrem Amtswechsel: „Unter Ihrer Führung hat das WZB von der Mitte Europas her zum Zusammenwachsen der Sozialwissenschaften in Europa einen wesentlichen Beitrag geleistet.“)
  • Und schließlich waren Ihnen auch der Praxistransfer und die Öffentlichkeitsarbeit wichtig, und Sie sahen, jenseits aller Versuche, das WZB in die Polit-Prominenz rücken zu wollen, (ich zitiere:) „Gründe höherer Dignität, Öffentlichkeit ernst zu nehmen“. Sie sagten weiter: „Wenn das WZB die Themen seiner Forschung ernst nimmt und die Bedingungen und Folgen seiner eigenen Programme mitgestalten will, dann müssen seine Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen mit eigenen Beiträgen in eine öffentliche Meinungsbildung eingreifen. (…) Vielleich kann die Sozialwissenschaft dabei mitwirken, die Politik vor erratischen Medieneffekten etwas zu schützen. Dass dies nur mit und über die Medien geht, gehört zu den Paradoxien, von denen man sich nicht verschrecken lassen darf.“

Diese Bereitschaft zur kritischen Selbstüberprüfung hat Sie also nicht nur bezüglich Ihrer Profession, sondern auch in Bezug auf Ihr eigenes Institut ausgezeichnet. Wie Sie selbst sagten: „Das WZB hat in den Jahren (Ihrer) Amtszeit lernen können, dass man sich institutionelles Selbstbewusstsein nicht ohne die Bereitschaft zur Selbstkritik und Eigenkorrektur leisten kann."

Nicht vergessen wollen wir nicht nur diesen qualitativen, sondern auch den quantitativen Erfolg Ihrer Amtszeit, in der 44 Promotionen, 10 Habilitationen und 28 Rufe auf Hochschulprofessuren erfolgten und die Erfolgsquote bei Drittmittelanträgen bei sagenhaften 82 Prozent lag.

Ein Blick zurück also, der Sie – und uns alle – mit Stolz erfüllen darf. Und so ist es mehr als angemessen, dass Ihr Namen schon längst verewigt wurde in der „Sociology Hall of Fame“, nämlich im Internationalen Soziologenlexikon. Aber auch ohne diesen Platz im Walhall der Soziologen ist Ihnen unser Respekt und unsere Zuneigung sicher. Was sagt man zuletzt noch über den Steinbock? Er sei „zuverlässig, treu, aufmerksam und verschwiegen“ – nein, dazu hätte es der Sterne nicht bedurft, um dies über Sie zu wissen.

Herr Neidhardt: wir wünschen Ihnen alles Gute, Glück und Gesundheit zum Geburtstag – und uns allen einen fröhlichen Abend mit Ihnen!

Jutta Allmendinger