Ein Bildungsmodell für Europa
Europas Bildungssysteme befinden sich im Wandel. Schritt für Schritt soll ein einheitlicher Hochschulraum entstehen. Auch in der beruflichen Bildung haben die europäischen Länder stärkere Zusammenarbeit vereinbart. Ein Ziel ist die stärkere Durchlässigkeit zwischen beruflicher Bildung und Hochschulbildung. Seit 2009 untersucht ein Forscherteam der Abteilung Ausbildung und Arbeitsmarkt im Projekt „Berufliche Bildung im Wandel: Internationalisierung und nationale Veränderungsdynamiken von Berufsbildungs- und Hochschulsystemen“ die Europäisierung der (Aus-)Bildungssysteme. Das entstehende europäische Modell der Berufs- und Hochschulbildung wird von einer bricolage aus Ideen, Normen und Standards geprägt, die denen unterschiedlicher Bildungstraditionen ähneln.
Neu an dem Forschungsprojekt ist, dass die Schnittstellen von Hochschul- und Berufsbildung in den Blick genommen werden – zwei Teilbereiche des Bildungssystems, die derzeit durch den Bologna-Prozess für die Hochschulbildung (seit 1999) und den Kopenhagen-Prozess für die Berufsbildung (seit 2002) beeinflusst werden. Es geht darum herauszufinden, welche Gestalt das europäische Modell angenommen hat, welche europäischen Normen und Standards in den Teilnehmerländern etabliert worden sind und inwiefern sich die Bildungssysteme hin zu einer größeren Durchlässigkeit zwischen Berufs- und Hochschulbildung entwickelt haben.
Anhand von Deklarationen und Kommuniqués wurde eine Inhaltsanalyse europäischer Dokumente vorgenommen, um das neue, weltweit an Einfluss gewinnende europäische Modell zu beschreiben. Daneben gibt es drei Länderstudien, in denen das deutsche Bildungssystem mit dem in Frankreich, dem in Österreich und der Schweiz und schließlich dem in Großbritannien und den USA im Hinblick auf Veränderungen des Verhältnisses zwischen Berufs- und Hochschulbildung verglichen wird.
Ergebnisse des Projekts
Von einer pauschalen Amerikanisierung der europäischen Bildung kann keine Rede sein, auch wenn benchmarking, rankings undbest practices auch im europäischen Bildungsmodell zunehmend eine Rolle spielen. Vielmehr wird das neue europäische Modell der Berufs- und Hochschulbildung von einer bricolage aus Ideen, Normen und Standards geprägt, d.h. es beinhaltet Elemente, die den deutschen, französischen, britischen und US-amerikanischen Modellen ähneln, und bestätigt so den ungebrochenen, aber neu kombinierten Einfluss der nationalen Ebenen.
Im Verhältnis von beruflicher Bildung zur Hochschulbildung gibt es Veränderungen, auch wenn umfassende Durchlässigkeit zwischen beiden Systemen in vielen europäischen Ländern noch nicht erreicht ist. Zwar ist die institutionelle Trennung von Hochschul- und Berufsbildung vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz nach wie vor stabil, aber gleichzeitig haben sich in diesen Ländern schon vor Bologna und Kopenhagen hybride Bildungsprogramme etabliert, die sowohl Elemente der Berufs- wie der Hochschulbildung enthalten, wie etwa die dualen Studiengänge in Deutschland (vgl. WZBrief Bildung). Solche Brücken zwischen Systemen sollten in Zukunft stärker berücksichtigt werden.
Zudem haben die europäischen Prozesse vor allem in Deutschland zu einer gewachsenen Beschäftigung mit und einem breiteren Verständnis von Durchlässigkeit geführt. Reformprozesse hin zu einer größeren Durchlässigkeit werden jedoch durch die gesellschaftlich verankerte unterschiedliche Wertschätzung der beiden Bildungsbereiche behindert und verlangsamt.
Das Projekt wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Es hat zahlreiche Publikationen hervorgebracht. Sie sind auf der Projektseite des Forschungsprojekts zu finden.