Auszeichnung

Thyssen-Preis für WZB-Autorenteam

Die Fritz Thyssen Stiftung hat Jonna Milena Blanck, Benjamin Edelstein und Justin J.W. Powell für den gemeinsam verfassten Artikel „Persistente schulische Segregation oder Wandel zu inklusiver Bildung? Die Bedeutung der UN-Behindertenrechtskonvention für Reformprozesse in den deutschen Bundesländern“ mit dem 1. Preis ausgezeichnet. Die Fritz Thyssen Stiftung prämiert jährlich Aufsätze aus den Sozial- und Kommunikationswissenschaften, um die internationale Bedeutung und Sichtbarkeit von Fachaufsätzen aus dem deutschsprachigen Raum zu erhöhen.

In ihrem Artikel untersuchen die Forscher, wie die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen die Entwicklung inklusiver Schulstrukturen in Deutschland beeinflusst. Dafür analysieren sie zunächst, was der Verwirklichung schulischer Inklusion hierzulande entgegensteht. Erstens haben politisch einflussreiche Akteure aus den pädagogischen Professionen ein Interesse daran, separate Sonderschulen zu erhalten. Zweitens ist die Vorstellung, dass Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf nur in gesonderten Einrichtungen angemessen unterrichtet werden können, gesellschaftlich tief verwurzelt. Dem Grundsatz der Inklusion, dass jeder Schüler unterschiedlich ist und Vielfalt wertgeschätzt wird, steht drittens die Prämisse des gegliederten Schulsystem gegenüber, Schüler würden in leistungshomogenen Gruppen grundsätzlich bessere Lernergebnisse erzielen. Viertens ist eine grundlegende Reform übergangsweise mit Zusatzkosten verbunden, die die politischen Entscheidungsträger deutlich wahrnehmen, während die gesamtgesellschaftlichen Folgekosten des Sonderschulwesen tendenziell übersehen werden.

Am Beispiel unterschiedlicher Schulentwicklungsprozesse in Schleswig-Holstein und Bayern zeigen die Autoren, unter welchen Bedingungen und mit welchen Strategien diese Hindernisse überwunden werden können. Dabei zeigt sich, dass die Wirkung der UN-Konvention in hohem Maße davon abhängt, inwieweit inklusive Schulstrukturen bereits vor ihrem Inkrafttreten etabliert waren. Sind sie zum Zeitpunkt ihres Inkrafttretens bereits weitreichend eingeführt oder die Weichen für eine Entwicklung in diese Richtung gestellt, so unterstützt die Konvention laufende Reformprozesse. Dies ist der Fall in Schleswig-Holstein, wo ein schrittweiser Ausbau integrativer schulischer Angebote bereits in den 1970er Jahren begann und über Jahrzehnte vorangetrieben wurde. In Bayern hingegen steht die schulische Integration und Inklusion noch immer am Anfang. Unter diesen Bedingungen vermag die Konvention zwar die Stellung reformorientierter Kräfte und die Legitimität der inklusiven Schulentwicklung zu stärken. Zugleich wurden durch die UN-Konvention aber auch Reformgegner mobilisiert, die gerade in der besonders sensiblen Anfangsphase wichtige Schritte zur inklusiven Bildung verhindern können.

Jonna Milena Blanck und Benjamin Edelstein arbeiten als wissenschaftliche Mitarbeiter am WZB. Justin J.W. Powell ist nach mehrjähriger  Forschungsarbeit am WZB seit 2012 Professor für Bildungssoziologie an der Universität Luxemburg.

Der Artikel ist erschienen im Swiss Journal of Sociology, Jg. 39, Heft 2, Seite 267-292. 

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