Macht Maskentragen Menschen unvorsichtig?
Nein, sagt die WZB-Ökonomin Jana Friedrichsen und stützt sich dabei auf Befunde aus einem Experiment, das sie mit Forscherkolleg:innen durchgeführt hat.
Schlange stehen für die Forschung – wie haben Sie das gemacht?
Wir haben uns in Warteschlangen vor Geschäfte gestellt, und zwar mal mit, mal ohne Gesichtsmaske, die ja die Verbreitung des Coronavirus ein-dämmen soll. Mit dem Handy haben wir dann gemessen, wie weit weg sich die nächste Person hinter uns gestellt hat.
Was war das Ergebnis?
Die Menschen standen weiter weg, wenn die Experimentatorin eine Maske trug. Im Durchschnitt waren das neun Zentimeter – in der Deut-lichkeit hat uns das überrascht.
Wie erklären Sie sich den Effekt?
Durch eine Umfrage, die nicht Teil dieses Experiments war, haben wir herausgefunden, dass die Maske anderen signalisiert, dass jemand einen größeren Abstand wünscht. Darauf wird offensichtlich Rücksicht genommen.
Hat sich durch die Einführung der Maskenpflicht etwas am Bild geändert?
Wir haben das Experiment zu Zeiten des Lockdowns gemacht und später, als die Maske in Geschäften Pflicht wurde, noch einmal. Der Abstand zu Maskentragenden war und blieb größer. Allerdings haben die Abstände insgesamt abgenommen.
Warum das?
Es war wieder mehr los auf den Straßen. Das verringert schlicht die möglichen Abstände, aber das Risiko wird auch als geringer wahrgenommen.
Die Maskenpflicht ist also nicht kontraproduktiv?
Es gibt das Argument, dass die Maske Menschen in falscher Sicherheit wiegt. Die Theorie zur sogenannten Risikokompensation geht davon aus, dass Menschen bereit sind, ein bestimmtes Maß an Risiko zu tolerieren. Wenn das Risiko an einer Stelle sinkt – etwa, weil andere eine Maske tragen –, könnten sie sich also an anderer Stelle mehr Freiheiten erlauben – zum Beispiel durch weniger physische Distanz. Aber wir konnten zeigen, dass dies hier nicht der Fall ist. Obwohl Menschen besser geschützt sind, wenn andere eine Maske tragen, verringert dies nicht den Abstand, den sie zu anderen halten. Im Gegenteil beobachten wir eher, dass das Tragen einer Maske die Abstände erhöht. Das ist ein klares Argument für die Maskenpflicht.