Ein Wanderer zwischen den disziplinären Welten

Jürgen Kocka zum 85.

Von „sechs Jahren des Wandels“ spricht Jürgen Kocka selbst, wenn er auf seine Zeit als WZB-Präsident zurückblickt. Diesen Wandel zu gestalten und dabei das Schützenswerte zu bewahren, diesen Balanceakt verstand Kocka meisterlich. Im Aufbruch ins neue Jahrtausend, von 2001 bis 2007, schärfte der Sozialhistoriker das Profil des WZB als Einrichtung, die gesellschaftliche Entwicklungen mit modernsten Mitteln untersucht und dabei Grenzen zwischen Disziplinen und Methoden überschreitet. Zum 85. Geburtstag gratuliert ihm seine ehemalige Mitarbeiterin Dagmar Simon – und das gesamte WZB schließt sich an.

Aller Anfang ist schwer: Als in der soziologischen Community bekannt wurde, dass ein Historiker das WZB leiten sollte, wurde dies vielleicht nicht wie der Untergang des Abendlandes, aber doch der Sozialwissenschaften diskutiert: Haben wir denn selbst niemanden für diese herausgehobene Leitung der größten sozialwissenschaftlichen Einrichtung zu bieten?

Bei einem ersten Blick zurück habe ich die Zeit von Jürgen Kockas Präsidentschaft gar nicht so sehr mit größeren Veränderungen verbunden. Das hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, dass sich der Blick verändert, wenn man direkt involviert ist. Aber der Schein trügt gewaltig: Von den am Ende seiner Amtszeit, also im März 2007, bestehenden Forschungseinheiten – Abteilungen, Forschungsgruppen und Forschungsprofessuren – waren 15 neu eingerichtet oder neu akzentuiert worden. Dabei kam ihm das altersbedingte Ausscheiden einer ganzen Generation von Leitungspersonen zugute. Um einige Beispiele zu nennen: Die Demokratieforschung wurde stärker mit einem theoriegeleiteten Programm versehen, als neue Themen kamen Inter- und Transnationalisierung von Institutionen und Prozessen, Migration und Integration, Generationen und Familien im sozialen Wandel sowie die Governanceforschung hinzu. Die Arbeitsmarktforschung fand einen neuen Akzent im Bereich Bildung/Ausbildung. Auch um die Fähigkeit zur Selbstreflexion zu erhöhen, wurde die Wissenschaftsforschung in Gestalt der Projektgruppe „Wissenschaftspolitik“ neu eingerichtet. Dabei muss angemerkt werden, dass Wissenschaftsforschung am WZB schon immer eine Rolle gespielt hat, wenn auch keine institutionalisierte.

Jürgen Kocka hat auch aus einer historischen Perspektive ein beeindruckendes Sensorium für wichtige gesellschaftsrelevante und wissenschaftlich interessante Themen bewiesen. Fragen der Transnationalisierung in Gestalt von Europäisierung und Globalisierung sah er als eine große Chance und Herausforderung für die Sozialwissenschaften: Eine Abteilung zu Transnationalisierungsprozessen wurde eingerichtet, das Gastwissenschaftler*innenprogramm (in erster Linie doch Gastwissenschaftler) gestärkt und internationalisiert, der transnationale Blick oder der internationale Vergleich für die WZB-Themen stets angemahnt und unterstützt. Hilfreich war, dass dem WZB der internationale Vergleich als wichtiges methodisches Instrumentarium bereits in die Wiege gelegt worden war. Jürgen Kocka stand und steht für Interdisziplinarität. Dafür spricht schon der von ihm 1987 herausgegebene und breit rezipierte Suhrkamp-Band „Interdisziplinarität“ und die Begründung der Historischen Sozialwissenschaft durch die Bielefelder Schule, zusammen mit Hans-Ulrich Wehler. Das WZB hat stets seine Berechtigung und Bedeutung als sozialwissenschaftliche Einrichtung bewiesen. Aber einen smoothen Turn hat es mit dem Sozialhistoriker Kocka doch gegeben. Die Projektgruppe „Zivilgesellschaft: historisch-sozialwissenschaftliche Perspektiven“ ist explizit auch mit der Vorstellung gegründet worden, darüber Brücken zur Geschichtswissenschaft zu bauen. Um die interdisziplinären Kooperationen zu stärken, wurden Querschnittsgruppen oder Brückenprojekte zwischen Forschungseinheiten etabliert. Ein ambitioniertes Gastwissenschaftler*innen-Programm mit international renommierten Historikern sollte auch dazu dienen, die Geschichts- und Sozialwissenschaften stärker in einen Kommunikationszusammenhang zu bringen.

Das alles hat gewirkt und sich in maßgeblichen Publikationen, Konferenzen und anderen Formen der Zusammenarbeit ausgedrückt. Aus einer institutionentheoretischen Perspektive sei anzumerken, dass eine wirkungsvolle Interdisziplinarität nur in den Abteilungen verwirklicht werden kann. Diese maßgeblich zu stärken, dafür reicht eine Amtszeit als Präsident nicht aus.

Jürgen Kocka war immer von der Notwendigkeit der Sozialwissenschaften mit ihrem methodischen Instrumentarium überzeugt, gerade in unsicheren Zeiten. Nicht ganz überzeugt hat ihn die teilweise starke Zurückhaltung von Sozialwissenschaftler*innen in der Öffentlichkeit. Er selbst hat die Rolle eines „Public Intellectual“ gern angenommen. Das WZB hat sich unter seiner Leitung in dieser Hinsicht stärker geöffnet. Das hat der Institution nicht geschadet.

Als Präsident war Jürgen Kocka immer bereit, Neues, Innovatives zu unterstützen, das mit seinem bisherigen wissenschaftlichen und institutionellen Wirken nicht viel zu tun hatte. Dass er maßgeblich die Gründung des WZB-Spin-offs „Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel“ (u. a. mit dem Gesellschafter „Deutsche Bahn AG“) mit vorangetrieben hat, das hätte er sich wohl in Bielefeld nicht träumen lassen. Initiativen aus dem Mittelbau wurden von Jürgen Kocka aufgenommen und gefördert, in jenen Zeiten nicht selbstverständlich. 

Und noch etwas: Die Sprache, die wir als Sozialwissenschaftler*innen verwenden, war ihm ein besonderes Anliegen – zu Recht. Jürgen Kocka, jetzt höre ich Sie: „Frau Simon, nicht immer die Substantivierung von Verben, damit verhunzen Sie die deutsche Sprache.“

Herzliche Glückwünsche und auf weitere produktive, spannende, aber vor allem auch entspannte (historische) Dekaden!

 

16.4.26, PW/KK