Leviathan - Heft 2/2010

Positionen, Begriffe, Debatten

Egon Bahr Strategische Partnerschaft mit der russischen Föderation
Egon Bahrs Beitrag ist auch als Antwort auf John Mearsheimer (Heft 4/2009) zu verstehen: Er sieht nach einem Zwischenspiel die USA wieder auf kooperativen Kurs mit Russland und mit dem neuen Abrüstungsabkommen ein Zeichen für das Ende der Gefahr einer neuen Konfrontation. Die Versöhnung mit dem Osten gehört zu den zentralen politischen Anliegen des Außenpolitikers Egon Bahr.

Hartwig Berger Verkehrte Kreisläufe. Das Dilemma der Kohlendioxid-Abscheidung und –Lagerung („CCS“)
Viele Staaten und global operierende Unternehmen sehen in der Einführung der „CCS-Technik“ einen verheißungsvollen Weg, die Emission von Treibhausgasen für die kommenden Jahrzehnte in Schach zu halten. Wenn die Menschheit in nur wenigen Jahrzehnten den Kohlenstoff abgestorbener Tiere und Pflanzen, die in Jahrmillionen unter der Erde abgespeichert ist, durch Verbrennung in Kohlendioxid zurück verwandelt, reichert sich dieser zwangsläufig im Übermaß in der Atmosphäre an. Der Kohlenstoffkreislauf gerät aus dem Ruder. Statt diesen Prozess wegen seiner klimatischen Folgen zügig zu stoppen, wird er mit dem Einsatz der CCS-Technik fortgesetzt. Der natürliche Kreislauf wird umgekehrt: Kohlenstoff wird an die Oberfläche, das erzeugte Kohlendioxid tief unter die Erde befördert. In diesem Beitrag wird die Kurzsichtigkeit dieser sogenannten „Brückentechnologie“ deutlich.

Aufsätze

Renate Mayntz/Wolfgang Streeck
Die Finanzkrise und die Handlungsfähigkeit des Nationalstaates. Einleitung zu den folgenden Beiträgen
 

Wolfgang Streeck
Noch so ein Sieg, und wir sind verloren. Der Nationalstaat nach der Finanzkrise.

Hoffnungen auf eine Rückkehr des nationalen Interventionsstaats im Gefolge der Finanzkrise erscheinen verfrüht. Die zur Krisenbekämpfung ergriffenen Maßnahmen beschleunigen einen seit Jahrzehnten anhaltenden Trend zu immer höherer Staatsverschuldung. Wie in anderen Nationalstaaten auch, so wird der für diskretionäre Politik verfügbare Anteil des Bundeshaushalts in den nächsten Jahren gegen Null tendieren. Das Problem einer möglichen Erschöpfung politischer Gestaltungsmöglichkeiten wird durch die von der Großen Koalition in das Grundgesetz aufgenommene „Schuldenbremse“ weiter verschärft, auch wenn mit einer Einhaltung der Vorschriften zur Beseitigung des strukturellen Defizits nicht wirklich zu rechnen ist.

Renate Mayntz
Die Handlungsfähigkeit des Nationalstaats bei der Regulierung der Finanzmärkte

In der Diskussion um die erodierende Handlungsfähigkeit des Nationalstaats geht es normalerweise um Innenpolitik. Durch sein zunächst effektives Management der sich als Bankenkrise äußernden Finanzmarktkrise hat der Nationalstaat unzweifelhaft Handlungsfähigkeit bewiesen. Für die Verhinderung künftiger Krisen dieser Art ist eine striktere Regulierung der Finanzmärkte erforderlich. Wirksame Regulierung ist angesichts der globalen Expansion der Finanzmärkte nur durch internationale Vereinbarungen zu erreichen. In den entsprechenden Verhandlungen äußert sich jedoch die Handlungsfähigkeit der Nationalstaaten vor allem in der Verhinderung internationaler Vereinbarungen, die ihren nationalen Interessen nicht gerecht werden. Hier wird nationale Handlungsfähigkeit kontraproduktiv.

Ingo Bode
Die Malaise der Krankenhäuser

Das Krankenhauswesen in Deutschland unterliegt derzeit tiefgreifenden Umstellungen, deren Charakter und Tragweite von der sozialwissenschaftlichen Literatur bislang nicht hinlänglich durchleuchtet worden sind. Das Krankenhaus-personal steckt unter den Vorzeichen des seit einigen Jahren vollzogenen institutionellen Wandelns in einer tiefen Orientierungskrise, die sich in der Abkehr von der wohlfahrtsstaatlichen Orientierung auf die Versorgung hin zur Orientierung auf die Steigerung der Fallpauschalen äußert. Ärzte und Krankenschwestern geraten in ein Dilemma zwischen ärztlichem Ethos und betriebs-wirtschaftlichen Anforderungen.

Jürgen Kocka
Mode und Wahrheit in den Geschichtswissenschaften

Am Beispiel der historischen Forschungen über den Ersten Weltkrieg zeichnet Kocka die Wandlungen der internationalen Geschichtswissenschaft in den letzten Jahrzehnten nach - welche Hintergründe, welche Triebkräfte hat dieser Wandel? Kocka weist auch darauf hin, dass diese Wandlungen und Moden durchaus produktive Wirkungen haben können, wenn sie durch ihren Perspektivenwechsel auch neue Wahrheiten ans Licht fördern.

Sven Jochem Wandel und Zukunftsaussichten des schwedisch-sozialdemokratischen Modells
Die politischen Grundlagen des schwedisch-sozialdemokratischen Modells haben sich grundlegend verändert. Erstens büßte die Sozialdemokratie ihre hegemoniale Position ein und zweitens erodierte die korporatistische Reformpolitik. Die jetzige bürgerliche Koalition führt die Deregulierung und Privatisierung fort und schränkt zudem erfolgreich die Machtbasis der Arbeiterbewegung ein. Ist das schwedische Modell auf dem Weg, seine sozialdemokratische Besonderheit einzubüßen? Jochem zeigt in seiner empirisch angelegten Untersuchung, wie weit dieser Prozess schon gediehen ist.

Essay

Dieter Senghaas Rettung durch den Kleinstaat!? Überlegungen zum „Anti-Leviathan“-Leitmotiv im Werk von Leopold Kohr
Ein Plädoyer für den Kleinstaat als lebenswerte Grundlage von politischer Gemeinschaft und menschenfreundlicher Gesellschaft ist eine Seltenheit in den Sozialwissenschaften und gilt allemal heute im Kontext von Globalisierung als weltfremd. Leopold Kohr (1909-1994) hatte hartnäckig eben eine solche ordnungspolitische Position verfochten. Sein Lebenswerk ist gewissermaßen ein locus classicus einer Anti-Leviathan-Programmatik. Der Beitrag fasst die wesentlichen Argumente Kohrs zusammen und stellt einige kritische Rückfragen an diesen in den Sozialwissenschaften oft vergessenen oder gar unbekannt gebliebenen Autor: Fragen insbesondere hinsichtlich der Modalitäten von Koexistenz innerhalb und zwischen modernen, sozial mobilen und politisierten Gesellschaften, seien sie groß oder klein.

Helmut Dubiel
Marcuses Asche

Helmut Dubiels Text ist eine Hommage an Herbert Marcuse, den Philosophen der Frankfurter Schule, der als Jude und Marxist aus Deutschland vertrieben wurde, dessen Kultur aber Zeit seines Lebens tief verbunden blieb. Marcuse wurde von seinem amerikanischen Exil aus einer der wichtigsten Theoretiker der Studentenbewegung. Er starb auf einer Europareise 1979 in Starnberg. Seine Urne kam erst nach abenteuerlichen Umwegen ein Vierteljahrhundert später wieder nach Deutschland und wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beigesetzt, nahe bei dem von ihm verehrten Hegel. In den Text eingebaut sind ausdrucksreiche Miniaturen von Dialogen über Entfremdung, Psychoanalyse und über den Tod.

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Leviathan - Heft 1/2011

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Promotionskolleg "Gute Arbeit": Ansätze zur Gestaltung der Arbeitswelt von morgen

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