Online-Lieferdienste immer noch keine „gute Arbeit“
Zum vierten Mal (nach 2020, 2021 und 2025) stellte das globale Forschungsnetzwerk Fairwork am 26. Juni 2026 seinen Bericht über die Arbeitsbedingungen in der deutschen Plattformökonomie vor. Ernüchtert und dennoch kämpferisch zeigten sich Patrick Feuerstein und sein Team, die Medien, Betriebsräte und Vertreter*innen aus Wissenschaft und Politik ins WZB eingeladen hatten. Wenig hat sich verändert seit dem letzten Jahr: Lieferando ist im Fairness-Ranking abgestürzt, dafür erreicht jetzt Flink 7 von 10 möglichen Punkten – und setzt sich damit weit von den 6 anderen ausgewerteten Unternehmen ab, die mehrheitlich ganz ohne Punkt vom Feld gehen.
Eigentlich könnte man Bingo spielen, fand WZB-Forscher Feuerstein. Denn vieles wiederholt sich: kaum nennenswerte Standards in den Bereichen Bezahlung, Arbeitsbedingungen, faire Verträge oder Management-Prozesse – und gar keine Anzeichen von fairer Mitbestimmung (auch bei Flink nicht). Dazu die ewige Frage: Wann kommt aus dem Arbeitsministerium ein Entwurf für die Umsetzung der Plattformrichtlinie der EU? Weltweit sieht es nicht besser aus. Das Forschungsnetzwerk Fairwork, das vom WZB und dem Oxford Internet Institute koordiniert wird, bewertet regelmäßig Plattformen in 41 Ländern. Der Durchschnitt derzeit: 1,8 von 10 möglichen Punkten.
Im Anschluss an die Vorstellung des Deutschland-Berichts 2026 wurde lebendig über die derzeit oft zu hörende Forderung nach einem Direktanstellungsgebot diskutiert. Hintergrund: Die Praxis, Lieferfahrer*innen über Sub-Unternehmen zu beschäftigen, höhlt Arbeitsschutz und gewerkschaftliche Mitbestimmung aus. Die Politikwissenschaftlerin Şerife Erol von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena berichtete über die Fleischindustrie, wo eine Verpflichtung zur Direktanstellung existiert. Anneliese Kärcher von der Hochschule Mainz steuerte die juristische Perspektive bei, und Julia Warkentin vom Gesamtbetriebsrat Lieferando richtete einen eindringlichen Appell an die Politik, das Subcontracting zu unterbinden. Die Einbeziehung möglichst vieler Fahrer*innen in transparente Verträge und politische Vertretungsstrukturen (Betriebsräte dürfen nur für direkt Angestellte sprechen) beschrieb Şerife Erol nicht nur als Gebot der Fairness die Arbeitsbedingungen betreffend. „Beschäftigte, die sich vertreten fühlen, wählen demokratisch – das ist nicht gering zu achten in Zeiten des gesellschaftlichen Rechtsrucks.“
29.06.2026, GK