The politics of work/care policy reforms in Germany and Italy

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Dissertation project

Viele europäische Wohlfahrtsstaaten stehen vor der Herausforderung einer alternden Bevölkerung. Eine immer größer werdende Zahl von Rentenbeziehern, die mitunter pflegebedürftig sind, steht aufgrund niedriger Fertilitätsraten immer weniger jungen Menschen gegenüber, die diese Leistungen finanzieren. Politische Zielgrößen sind daher höhere Geburtenraten und gesteigerte Frauenerwerbsquoten. Skandinavische Wohlfahrtsstaaten haben gezeigt, dass mit Familienleistungen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützen, diese Ziele erreichbar sind. Insbesondere die südeuropäischen und deutschsprachigen Wohlfahrtsstaaten haben es hingegen lange Zeit versäumt, ihre Familienpolitik den Herausforderungen anzupassen. Dieser Stillstand wird in der Literatur mit pfadabhängigen Entwicklungen (Randall 2000), traditionellen Einstellungen zur Kinderbetreuung und Müttererwerbstätigkeit in der Bevölkerung (z.B. Lewis et al. 2008) sowie dem Einfluss christdemokratischer Parteien in der Regierung, die das männliche Ernährermodell unterstützen (Morgan 2009), erklärt

Völlig unerwartet wurden in den letzten Jahren in Deutschland das Elterngeld nach dem schwedischen Vorbild reformiert, Kinderbetreuungsplätze für Unter-Dreijährige ausgebaut und ein Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung ab 2013 durchgesetzt. Der Forschungsfrage, warum diese weitreichenden Reformen in Deutschland nach Jahrzehnten des Stillstands möglich waren, gehe ich in meiner Dissertation nach. Ich untersuche den Komplex von Bedingungen, der diese Reformen in Vereinbarkeitspolitik ermöglicht hat.

Dazu nutze ich den Ansatz der vergleichenden Fallstudien nach dem most similar systems design. Dieser ermöglicht die Identifizierung der relevanten kausalen Mechanismen unter Konstanthaltung bestimmter Faktoren. Als Kontrastfall habe ich Italien ausgewählt. Bei geringer Fertilität und Frauenerwerbstätigkeit stehen in Italien die sozialen Sicherungssysteme wegen der Alterung der Bevölkerung unter ähnlichem Druck wie in Deutschland (Saraceno und Naldini 2007). Vergleichbar sind auch die politischen Rahmenbedingungen: beide Länder werden im Hinblick auf Reformtätigkeit als frozen landscapes beschrieben (Esping-Andersen 1996) und sind durch eine hohe Zahl von Vetospielern gekennzeichnet (Immergut et al. 2007). Zuletzt zeichnen sich beide Länder durch das langjährige Festhalten am traditionellen male breadwinner-female carer-Modell aus – in Deutschland durch eine explizite Förderung, in Italien eher implizit durch die gesetzliche Festschreibung von Verpflichtungen gegenüber der Familie (Saraceno 2003). Im Gegensatz zu Deutschland fanden in Italien in den letzten Jahrzehnten kaum Reformen der Vereinbarkeitspolitik statt (Naldini und Saraceno 2008).

Theoretisch basiert meine Untersuchung auf den Annahmen der vergleichenden Wohlfahrtsstaats- und Sozialpolitikreformforschung. Im Rahmen des akteurzentrierten Institutionalismus nutze ich insbesondere die „parties do matter“-These, die Theorie der Machtressourcen und women’s agency sowie Theorien über den Einfluss von Parteiensystemen und -wettbewerb. Mich interessiert das Zusammenspiel von Einstellungen in der Bevölkerung gegenüber Kinderbetreuung und Müttererwerbstätigkeit, (Veränderungen) des Wahlverhaltens sowie des Parteiensystems und die diesbezüglichen Reaktionen der Parteien. Überdies analysiere ich die Rolle von Frauen im Politikprozess, insbesondere ihre Rolle als agenda setter und als policy entrepreneure.

In der empirischen Analyse nutze ich sowohl qualitative als auch quantitative Methoden. Die politischen Reformprozesse untersuche ich mittels process tracing. Als Quellen dienen Wahlprogramme und andere verfügbare Dokumente von Parteien, Gesetzesentwürfe, Parlamentsdebatten sowie Zeitungsberichte. Darüber hinaus habe ich in beiden Ländern Experteninterviews mit Entscheidungsträgern sowie WissenschaftlerInnen geführt. Für die Analyse der Einstellungen zu Kinderbetreuung und Müttererwerbstätigkeit und des Wahlverhaltens nutze ich die Daten der European Values Study (EVS) respektive der Comparative Study of Electoral Systems (CSES).

Ziel der Dissertation ist es, die komparative Forschung zur Reformtätigkeit von Wohlfahrtsstaaten durch a) das bislang wenig beachtete Politikfeld Familie und speziell die Vereinbarkeitspolitik zu ergänzen und b) die Analyse von Faktoren wie kulturelle Einflüsse, Parteienwettbewerb, Wahlverhalten und Wählernachfrage zu erweitern. Die Arbeit soll zu einem besseren Verständnis der Determinanten und Mechanismen politischer Reformprozesse beitragen.

Duration
2008 – 2012