Die internationale Ordnung unter Druck
Worauf blicken wir, wenn wir vom Wandel und Niedergang der internationalen Ordnung sprechen? Auf die Menschen, die unter den Kriegen und Krisen leiden? Auf die Theorien, die ihre Gültigkeit zu verlieren scheinen? Auf neue Waffen und Mittel, Kriege zu führen, und auf die rasante Entwicklung von Tech-Unternehmen und KI? Auf die Institutionen, die unter Druck stehen?
Die 2. Interdisziplinäre WZB-Jahreskonferenz hat sich dieses großen Themas angenommen. Am 7. Oktober wurde sie mit dem öffentlichen Dialog unter dem Titel „Die internationale Ordnung unter Druck – ist es Zeit für eine Neuausrichtung?“ in der Akademie der Künste am Brandenburger Tor eröffnet. WZB-Präsidentin Nicola Fuchs-Schündeln erinnerte in ihrer Eröffnungsrede an den Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 und an Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine.
Diese Kriege und Krisen legen tiefe Brüche in unserer internationalen Architektur offen. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive verursachen diese Ereignisse nicht nur unmittelbaren Schaden, sagte die WZB-Präsidentin. Sie beschleunigten den Wandel der internationalen Ordnung und offenbaren ein System, das durch geopolitische Polarisierung zersplittert ist. Was geschieht, wenn die regelbasierte Ordnung nicht in der Lage ist, Gewalt zu verhindern? Was geschieht, wenn die Institutionen, die zur Wahrung von Frieden und Ordnung geschaffen wurden, nicht mehr funktionieren? Und was geschieht, wenn die Säulen unserer Sicherheitsarchitektur – wie beispielsweise die NATO – nicht mehr als selbstverständlich gelten? Das werfe auch Fragen nach dem richtigen Wirtschaften auf: Funktioniert das Fundament unserer Weltwirtschaft, das auf dem Prinzip des Freihandels basiert, in der heutigen Zeit noch oder ist es Zeit für ein neues, widerstandsfähigeres System?
Diese Fragen diskutierten unsere Gäste auf dem Podium, moderiert von WZB-Direktor Michael Zürn, der sein Forscherleben der Erforschung von Institutionen und internationaler Ordnung gewidmet hat:
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Odile Renaud-Basso, Präsidentin der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD). Sie ist die erste Frau an der Spitze einer multilateralen Entwicklungsbank. Unter ihrer Führung ist die EBRD zum wichtigsten institutionellen Investor in der Ukraine geworden und unterstützt wirtschaftliche Aktivitäten in weiteren Krisenregionen.
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Norbert Röttgen, Bundestagsabgeordneter seit 1994. Als ehemaliger Bundesminister und Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses zählt er zu Deutschlands führenden Experten für internationale Angelegenheiten. Er ist Autor mehrerer Bestseller, darunter „Demokratie und Krieg“.
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Katherine Tai, US-Handelsbeauftragte unter der Biden-Regierung. Heute engagiert sie sich als Executive Director der Coalition for New Trade für eine Handelspolitik, die den Menschen und den Planeten priorisiert.
Die Runde machte deutlich, worauf wir unser Augenmerk richten müssen: Was passiert, wenn Handelspolitik als Waffe eingesetzt wird? Wie sichern wir die weitere finanzielle Unterstützung der Ukraine, auch um die Wirtschaft zu stabilisieren? Wie kann Europa wieder eine starke Macht werden – wirtschaftlich und sicherheitspolitisch? Die unterschiedlichen Perspektiven unserer Gäste spiegeln das Ziel unserer 2. WZB-Jahreskonferenz „Challenges to International Orders: Causes and Consequences“, die am 8. und 9. Oktober am WZB fortgesetzt wurde. Denn die Komplexität der modernen Welt lässt sich nicht aus einer einzigen Perspektive lösen. Deshalb war es das Ziel unserer Konferenz, einen Raum für den Dialog zwischen verschiedenen Disziplinen zu schaffen.
8.10.26/Kerstin Schneider