„Kaum jemand radikalisiert sich komplett isoliert“
Aus unzähligen kleinen Puzzlesteinen hat Eylem Kanol ein großes Bild zusammengetragen. Der Soziologe wollte wissen, warum Menschen eigene Werte und Einstellungen über die anderer stellen – in Gedanken und in Taten. Umfragen in verschiedenen Ländern und detaillierte Biografien von Islamist*innen zeigen für ihn, dass die weitverbreitete These von der ökonomischen Benachteiligung als Auslöser für Radikalisierung viel zu kurz greift. Im Gespräch mit Gabriele Kammerer und Kerstin Schneider erklärt der Forscher, welche Muster er entdeckt hat.
Was ist islamistische Radikalisierung?
Radikal sind zunächst die Ideen, die Einstellungen. Menschen stellen die Normen und Werte, die allgemein gelten, infrage, und sie lehnen Andersdenkende oder Angehörige anderer gesellschaftlicher oder religiöser Gruppen ab. Der Weg von der radikalen Ablehnung zur militanten Aktion ist oft gar nicht so weit, wenn auch nicht zwangsläufig. Man kann sich das wie einen Trichter vorstellen – von der Verbreitung radikaler Ideen zu ihrer Umsetzung durch militante Gruppen.
Warum wenden sich Menschen radikal-islamistischen Gedanken oder Gruppen zu?
In der öffentlichen Meinung und auch in der Forschung gibt es da die immer gleichen Muster: Es gibt die Vorstellung vom „einsamen Wolf“ – vom islamistischen Attentäter als Einzeltäter. Seine Radikalisierung wird als individueller Prozess gesehen. Und oft werden sozioökonomische Gründe angeführt, die zur Radikalisierung beitragen: Armut, wenig Bildung, Perspektivlosigkeit. In meiner Arbeit konnte ich beides nicht bestätigen. Meine Analysen zeigen, dass Netzwerke eine ganz zentrale Rolle spielen. Und ausschlaggebend ist tatsächlich auch religiöser Fundamentalismus.
Welche Rolle spielt die Religion?
Ich habe drei Dimensionen von Religiosität unterschieden. Da ist einmal die religiöse Observanz, also wenn jemand regelmäßig betet, in die Moschee geht, sich an Regeln der Gemeinschaft hält. Dann das religiöse Wissen, also wie genau kennt sich jemand eigentlich in der eigenen Tradition aus? Und die dritte Ebene ist der religiöse Fundamentalismus. Wenn es um Radikalisierung geht, um negative Einstellungen gegenüber anderen Gruppen bis hin zur Gewaltbereitschaft, dafür spielt die einfache, alltägliche Religiosität eigentlich gar keine Rolle. Wenn aber fundamentalistische Einstellungen ins Spiel kommen, dann findet man sehr starke Effekte. Da hilft auch besseres religiöses Wissen nicht weiter. Zwar hört man immer: „Die kennen ihre Religion halt nicht!“ Aber wir können zeigen, dass Aufklärung über die eigene religiöse Tradition kaum vor Radikalisierung schützt.
Wie sind Sie vorgegangen, was sind Ihre Daten?
Meine Arbeit beruht auf zwei großen Datensätzen. Wir haben zum einen eine große Umfrage zu Fundamentalismus gemacht mit über 10.000 Befragten in acht Ländern. Da ging es um die Einstellungen der Menschen, und wir haben sehr unterschiedliche Situationen ausgesucht: Deutschland, die USA, die Türkei, wo viele in Deutschland lebende Muslime herkommen, den Libanon, wo Muslime und Christen zusammenleben, Israel, wo wir auch jüdische Stimmen dabei haben, mit den palästinensischen Territorien, wo Muslime die Mehrheit stellen. Zypern mit seinen orthodoxen Christen, und dann noch Kenia, wo es sehr konservative christliche und muslimische Gruppen gibt. Durch die Auswahl dieser Länder sind die drei großen Religionen Islam, Christentum und Judentum vertreten, und sie sind mal in der Mehrheit, mal in der Minderheit. Der andere Datensatz besteht aus Biografien radikalisierter Personen, die wir selbst recherchiert, aber in Teilen auch aus einer anderen Studie hinzugezogen haben. Das sind teils deutsche Islamisten, die Straftaten geplant oder auch nach Afghanistan oder Syrien ausgereist sind. Solche Foreign Fighters haben wir uns auch in England und Frankreich angeschaut. Insgesamt waren es knapp 1.200 Biografien, die wir zusammengetragen haben.
Woher stammen die Informationen für diese Biografien?
Das war eine sehr intensive Recherchearbeit. Es gab ziemlich viel Aufmerksamkeit in den Medien. Gerade wenn sich jemand aus einem kleineren Ort dem IS oder Al Kaida angeschlossen hat, gab es in den Regionalzeitungen Interviews mit den Nachbarn, mit der Lehrerin … Genutzt haben wir auch Blogs von Journalisten, die sich auf solche Einzelfälle spezialisiert haben. Öffentlich zugängliche Gerichtsakten waren eine weitere wichtige Quelle.
Was bringt es denn, die gesamten Biografien zu betrachten?
Wenn ich nur auf punktuelle Informationen geschaut hätte, zum Beispiel auf den höchsten erreichten Bildungsabschluss, dann wäre das ein ziemlich klares Bild gewesen: Okay, die Mehrheit meines Samples hat keine Ausbildung oder keinen Uni-Abschluss. Aber wenn ich einen Schritt vorher ansetze, dann kann ich sehen, die waren auf dem Weg zum Abitur, die standen vielleicht kurz davor, aber dann haben sie sich radikalisiert und sind ausgereist. Bei jungen Frauen haben wir das oft gesehen, sie haben online Kämpfer in Konfliktregionen kennengelernt. Oder Medizinstudenten, die nach Syrien ausgereist sind, anstatt ihr Studium abzuschließen. Besonders auffällig war das bei den britischen Foreign Fighters, die sogar besser gebildet waren als die durchschnittliche britische Bevölkerung. Wir sehen also ganz viele Chancen, aber auch sehr viele Brüche. In vielen Fällen aber ist die geringe Bildung eine Folge der Radikalisierung, nicht umgekehrt.
Sie haben die Bedeutung von Netzwerken angesprochen. Was meinen Sie damit?
Dadurch, dass ich zum ersten Mal eine wirklich große Zahl von Biografien untersucht habe, konnte ich deutlich zeigen: Es kommt sehr selten vor, dass Menschen sich komplett isoliert radikalisieren. Es braucht immer Verbindungen zu anderen Personen – auch die Rolle des Elternhauses darf man nicht unterschätzen. Von den Personen, über deren Eltern ich Informationen finden konnte, hatten über 30 Prozent Eltern, die selbst im islamistischen Spektrum aktiv waren. Das war für mich ein besonders überraschender Befund. Außerdem sprechen wir von „mobilisierenden Strukturen“. Das können Moscheen sein, die eine salafistische Ausrichtung haben, es können Korankurse oder Lesungen sein, oder, um ein konkretes Beispiel zu nennen: Die Koranverteilungskampagnen in Fußgängerzonen, die es jahrelang im deutschsprachigen Raum gab, waren für viele entscheidend als Zugang zum islamistischen Extremismus.
Kommen wir nochmal zurück zu den Einstellungen, also weit vor dem aktiven Kampf. Wie beginnt Radikalisierung?
Aus der großen Umfrage lässt sich eindeutig der Schluss ziehen, dass Menschen, die feindselige Gefühle gegenüber Zugehörigen anderer religiöser Gruppen hegen, oft fundamentalistischen Ausprägungen ihrer Religion anhängen. Dieser Ansatz baut auf einer Tradition der Fundamentalismusforschung auf, die aus einem amerikanisch-christlichen Kontext stammt. Ich kann empirisch belegen, dass der Zusammenhang zwischen religiösem Fundamentalismus und Ressentiments gegenüber anderen Religionen oder auch Menschen mit anderen Lebensentwürfen auch und gerade für Muslime gilt. Mangelnde Bildung und fehlende Kontakte zu Mitgliedern anderer Religionsgemeinschaften spielen zwar auch eine Rolle, aber Fremdenfeindlichkeit hängt am stärksten mit religiösem Fundamentalismus zusammen.
Die Religion also als Faktor für Unfrieden …?
Nun ja, meine Daten zeigen auch, dass es wichtig ist zu differenzieren. Es gibt ja ganz unterschiedliche Ausprägungen von radikalem Islamismus. Auf der einen Seite sind die Gruppen, für die die einzelnen Nationen oder Ethnien keine Rolle spielen, sondern die Einheit des Islam. Solche panislamistischen Gruppen, die keine Grenzen kennen oder anerkennen, sind zum Beispiel der Islamische Staat oder Al Kaida. Der IS hat ja die syrische und die irakische Grenze zerstört, weil er zeigen wollte: Uns geht es um die Nation des Islam. Am anderen Ende des Spektrums sind Gruppen wie Hamas oder Hisbollah, die zwar auch islamistisch geprägt sind, die aber immer auch nationale Interessen vertreten, wie etwa den Konflikt mit Israel. Hier finden sich dann oft Unterstützer, die politische Gründe für ihr Engagement haben. Religiös-fundamentalistisch Motivierte finden sich eher beim Islamischen Staat wieder.
Welche Schlüsse können Politik und Gesellschaft aus Ihrer Forschung ziehen?
Präventionsstellen gehen oft zu individuell vor. Sie sagen: Jedes Individuum hat einen eigenen Prozess der Radikalisierung. Ich denke, man sollte stärker auf die Netzwerke achten, auf die Strukturen.
Das heißt auch: das Internet?
Das ist ein interessanter Punkt. Ich glaube, die Rolle der sozialen Medien wird überschätzt. Allein durch Hassbotschaften und -videos aus dem Netz radikalisiert sich kaum jemand. Anhand unserer großen Menge an Daten und Biografien können wir zum Beispiel deutliche Unterschiede im Ausmaß der Radikalisierung zwischen verschiedenen Bundesländern in Deutschland ausmachen. In Baden-Württemberg und Bayern gibt es sehr viel weniger Foreign Fighters als etwa in Hamburg, Hessen oder Nordrhein-Westfalen. Das legt doch nahe, dass es um lokale Netzwerke und Vereinigungen geht. Das Internet ist ja von überall aus zugänglich; wenn das das wichtigste Medium der Radikalisierung wäre, dürften die Unterschiede nicht so groß sein. Und auch im Ausmaß der Diskriminierung unterscheiden sich die Länder nicht so stark. Das belegt meiner Meinung nach sehr deutlich die Rolle mobilisierender religiöser Strukturen.
Das Interview erschien zuerst in der Dezember-Ausgabe unserer Vierteljahresschrift WZB-Mitteilungen.
03.03.2021