Regulierung, Antitrustpolitik und Fusionskontrolle
Zwei Fragen stehen im Mittelpunkt dieses Projektes. Erstens, welche politischen und institutionellen Faktoren sind bei wirtschaftspolitischen Entscheidungen von Bedeutung? Zweitens, inwieweit führt ein Ansatz, der Politik und Markt simultan betrachtet im Vergleich zu einer isolierten Betrachtung zu einer unterschiedlichen Beurteilung der Auswirkung wirtschaftspolitischer Maßnahmen? Der neue Forschungsansatz wird auf zwei Politikbereiche angewendet, die Fusionskontrolle und die Regulierung.
Die Wettbewerbsbehörden, die über Fusionen von Unternehmen zu entscheiden haben, sehen sich nicht selten einem erheblichen Druck sowohl von politischer als auch von privater Seite ausgesetzt. Insbesondere sowohl die fusionierenden Unternehmen als auch ihre Wettbewerber haben ein erhebliches Interesse, durch Lobbying den Entscheidungsprozess zu ihren Gunsten zu beeinflussen, wie Damien Neven und Lars-Hendrik Röller zeigen („On the Scope of Conflict in International Merger Control“, 2003). Untersucht man jedoch die Fusionskontrolle der Europäischen Kommission in den 1990er Jahren, kann man keine starken Hinweise darauf finden, dass die Lobbyingaktivitäten seitens der Unternehmen einen signifikanten Einfluss auf die EU-Kommissionsentscheidungen hatten. Hingegen scheinen sowohl institutionelle Faktoren, wie verfahrenstechnische Aspekte und die den Entscheidungen zugrunde gelegte Definition eines Marktes, als auch politisch motivierte Abwägungen - wie landes- und industriespezifische Effekte - eine zentrale Rolle im wettbewerbspolitischen Entscheidungsprozess zu spielen. (Duso, Neven und Röller, 2002). Empirische Studien über die U.S.-amerikanische Fusionspolitik, die vor allem die Exportorientierung der Firmen berücksichtigt, deuten nicht auf eine strategische Ausrichtung der Wettbewerbshüter im Sinne der Schaffung internationaler Wettbewerbsvorteile hin, sondern lassen eine Orientierung am Verbrauchernutzen erkennen (Clougherty, 2003).
Auch die staatliche Intervention auf Produktmärkten wird von betroffenen Unternehmen nicht als festgeschriebene Tatsache hingenommen: Firmen wenden erhebliche Ressourcen auf, um auf Regulierungsentscheidungen einzuwirken. In welchem Umfang Lobbying betrieben wird, hängt von dem dadurch zu erwartenden Vorteil auf dem Markt ab. Gleichzeitig berücksichtigen Unternehmen bei der Festsetzung ihrer Preise und Mengen, welche Auswirkungen diese auf die zukünftige Regulierung des Markts haben können. Produktmarktaktivitäten, Lobbying und Regulierungsentscheidungen bedingen sich also gegenseitig. Empirische Befunde für die U.S.-amerikanische Mobilfunkindustrie in den 1990er Jahren zeigen, dass Parteispenden offenbar die kostenbezogene Regulierung zu Gunsten der Unternehmen beeinflusst haben. Allerdings haben die untersuchten Unternehmen dabei weder auf dem Produktmarkt noch bei der Festsetzung ihrer Parteispenden untereinander kooperiert. (Duso und Jung, 2003; Jung und Duso, 2004).
Die Bedeutung von Institutionen als erklärungsvariable spielt nicht zuletzt bei der Deregulierung von Industrien eine Rolle. Der Deregulierungsprozess der Mobilfunkindustrie in den OECD-Ländern während der 1990er Jahre wurde signifikant von politischen Institutionen, dem privaten Interesse der Industrie und der Konsumenten, der Struktur der Regulierungsbehörden sowie der Form der Regierung eines Landes und ihrer ideologischen Positionierung im politischen Spektrum beeinflusst. (Duso, 2002). Werden diese Faktoren im Deregulierungsprozess nicht berücksichtigt, wird die positive Wirkung der Deregulierung für die Produktivität der deregulierten Industrie ungefähr um 40 Prozent übergeschätzt, wie eine empirische Studie von Duso und Röller ( 2003) über die Produktivität im Mobilfunksektor in OECD-Ländern zeigt.