Tarifverhandlungen und Märkte
Die Forschung im Rahmen dieses, von der DFG geförderten, Projektes konzentriert sich auf die Interaktion von zentralen Tarifverhandlungen und Produktmarktwettbewerb in oligopolistischen Märkten. Es werden sowohl grundlagentheoretische Arbeiten zur Entwicklung von Verhandlungsmodellen in bilateral oligopolistischen Industrien als auch angewandte Arbeiten, die sich mit speziellen Arbeitsmarktinstitutionen auseinandersetzen, angefertigt.
Verhandlungstheoretische Arbeiten nehmen typischerweise an, dass Verhandlungen zwischen zwei (oder mehreren) Individuen stattfinden. In Arbeitsmärkten wird jedoch oft zwischen Gewerkschaften und Firmen verhandelt, also Gruppen von Individuen mit unterschiedlichen Präferenzen. Um auf verhandlungstheoretische Ergebnisse zurückgreifen zu können, modellieren angewandte Arbeiten im Bereich der Arbeitsmarktökonomie Gewerkschaften und Firmen als Spieler und nicht Gruppen von Spielern.
Verhandlungsmodell
Vor diesem Hintergrund haben Suchan Chae und Paul Heidhues ein axiomatisches Verhandlungsmodell entwickelt, dessen Lösung als eine Verallgemeinerung der Nash-Verhandlungslösung angesehen werden kann (FS IV 01-15). In dem Verhandlungsmodell wird nicht angenommen, dass alle Spieler, die zu einer Verhandlungspartei gehören, homogene Präferenzen haben.Chae und Heidhues zeigen, dass jede Gruppe als ein institutioneller Spieler mit einer „Gruppennutzenfunktion“ interpretiert werden kann. Die Gruppennutzenfunktion ist dann das geometrische Mittel der Nutzenfunktion der Gruppenmitglieder. Folglich erlaubt das Modell auch heterogene Gruppen, wie Gewerkschaften, als einen einzelnen Spieler zu modellieren. Es kann als theoretische Fundierung der in der Arbeitsmarktliteratur beschriebenen Tarifverhandlungen angesehen werden.
John C. Harsanyi hat anhand eines einfachen Beispiels gezeigt, dass Spieler sich schlechter stellen können, wenn sie als Gruppe verhandeln (das sogenannte joint-bargaining paradox von Harsanyi). Harsanyis Beispiel ist ein reines Verhandlungsproblem, das heisst, ein Problem in dem jeder Spieler nur dann einen Nutzengewinn erzielen kann, wenn sich alle Spieler einigen. Chae und Heidhues zeigen, dass eine abgewandelte Form des joint-bargaining paradox für alle reinen Verhandlungsprobleme gilt: es gibt immer zumindest einen Spieler, der nicht von einer Gruppenbildung profitiert. Anhand eines einfachen Beispiels zeigen sie aber auch, dass es in komplexeren Verhandlungsproblemen profitabel sein kann, eine Gruppe zu formen.
In der Arbeitsmarktliteratur wird die Frage heftig debattiert, ob Tarifverhandlungen zwischen Gewerkschaften und Monopolunternehmen als reine Lohnverhandlungen oder als effiziente Verhandlungen über Löhne und Arbeitsmenge modelliert werden sollen. Heidhues hat die Implikationen eines effizienten Verhandlungsmodells in einer duopolistischen Industrie untersucht (FS IV 00-11). Er hat gezeigt, dass es sich für Arbeitnehmer lohnt, eine Industriegewerkschaft zu gründen, wenn die Unternehmen substituierbare Güter herstellen. Die Bildung einer Industriegewerkschaft ist aus wettbewerbspolitischer Sicht jedoch höchst bedenklich, da sie zu einer Monopolisierung des Produktmarktes führt – unabhängig davon, ob Tarifverhandlungen zentral oder dezentral durchgeführt werden.
Im Gegensatz zu Modellen in denen nur über Löhne verhandelt wird, lohnt es sich in einem effizienten Verhandlungsmodell für Unternehmen auf die Gründung einer Industriegewerkschaft mit der Gründung eines Arbeitgeberverbandes zu reagieren, da ein Arbeitgeberverband die Verhandlungsmacht gegenüber der Gewerkschaft erhöht. Heidhues argumentiert auch, dass in vielen empirischen Arbeiten über die Effizienz von Lohnverhandlungen, die ökonometrischen Modelle nur dann richtig spezifiziert wären, wenn die Arbeitnehmer in reinen Firmengewerkschaften organisiert wären.
Tarife
Justus Haucap (Universität der Bundeswehr Hamburg), Uwe Pauly (Ministerium für Wirtschaft des Saarlandes) und Christian Wey (2000, 2001) untersuchen die Auswirkungen allgemeinverbindlicher Tarifabschlüsse. Arbeitgeberverbände haben unter bestimmten Bedingungen ein Interesse an allgemeinverbindlichen Tariflöhnen, um strategisch die Kosten der Konkurrenz überproportional zu erhöhen (raising rivals’ costs-Strategie).Das Modell beleuchtet das Verhalten deutscher Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften und bietet eine Erklärung, warum sich beide Tarifparteien in Deutschland gegen eine Abschaffung der Allgemeinverbindlichkeitserklärung aussprechen, durch die kollektive Lohnabschlüsse den Charakter von Minimallöhnen annehmen. Die Analyse zeigt auch, dass die Organisation von Arbeitsmärkten entscheidenden Einfluß auf die Wettbewerbsintensität auf Gütermärkten hat, so dass der explizite Ausschluß des Arbeitsmarktes vom Geltungsbereich des Kartellrechts problematisch ist.