Kleine Kinder Fahrrad
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„Kinder sind sehr verletzlich“

Ein Interview mit Jianghong Li über ihre Forschung zu Kindern, den interdisziplinären Ansatz, den sie verfolgt, und die Bedeutung des Blicks über den Tellerrand.

Warum liegt Ihnen die Forschung zu Gesundheit und Wohlergehen von Kindern so am Herzen?

Kinder sind faszinierend, und sie sind unsere Zukunft. Aber Kinder sind aus mehreren Gründen auch sehr verletzlich. Zum einen werden ihre Stimmen und Interessen in der Erwachsenenwelt oft nicht gehört oder nicht ernst genommen.  Zum anderen sind Kinder verletzlich, weil sie sich das soziale und physische Umfeld, in dem sie geboren werden und aufwachsen, nicht aussuchen können. Kinder, die in benachteiligten Familien geboren werden, in denen die Eltern über geringere soziale und ökonomische Ressourcen verfügen oder an körperlichen oder psychischen Gesundheitsproblemen leiden, bleiben mindestens 18 Jahre lang in diesem entwicklungshemmenden Milieu gefangen.  Auch nach dem Eintritt ins Erwachsenenalter leiden viele Kinder weiterhin unter den negativen Auswirkungen des Aufwachsens in benachteiligten Umfeldern. Es ist gut belegt, dass die frühe Lebensphase von der Empfängnis bis zum Alter von fünf Jahren die Grundlage für Gesundheit, Kompetenz und Bildungserfolg in späteren Phasen der menschlichen Entwicklung bildet. Neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass die kritische Lebensphase sogar noch früher beginnt. Ein weiterer Grund für die Gefährdung von Kindern besteht darin, dass sie beim Schutz ihrer eigenen Gesundheit und bei der Wahrnehmung und Verteidigung ihrer Menschenrechte machtlos sind. Wenn beispielsweise Erwachsene in Gegenwart von Kindern im Auto oder im Haus rauchen, werden die Kinder zu Passivrauchern und haben ein erhöhtes Risiko, später gesundheitliche Probleme zu entwickeln, die mit dem Rauchen zusammenhängen. Die Kinder können sich diesem Kontakt mit schädlichen Substanzen jedoch nicht selbstständig entziehen. Ein weiteres Beispiel finden Sie in der Schule: Dort dürfen die Lehrkräfte zwar die Schüler bewerten, aber die Schüler haben umgekehrt nicht das Recht, ihre Meinung über die Lehrkräfte in Bezug auf Lernen und Unterricht zu äußern. Nach meinen Beobachtungen sind kleine Kinder, selbst im Alter von sechs Jahren, sehr wohl in der Lage, sich eine Meinung darüber zu bilden, was fair oder unfair und richtig oder falsch ist.

Gewalt und Kriege machen Kinder besonders verletzlich. Putins Einmarsch in die Ukraine hat verheerende Folgen für die Kinder und deren Familien in der Ukraine, die sich langfristig negativ auf ihre Gesundheit und Entwicklung auswirken werden.  Ich kann nur hoffen, dass entschlossene und aufrichtige Bemühungen der internationalen Gemeinschaft zum Schutz der Kinder durch eine angemessene Versorgung mit lebenswichtigen Gütern die langfristigen Auswirkungen des Krieges auf diese äußerst gefährdeten Kinder abschwächen werden.

Wann haben Sie mit der Forschung über die Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern begonnen? Was war der Auslöser?

Mit Kindergesundheit und Kinderwohl habe ich mich erstmals im April 2003 wissenschaftlich beschäftigt, drei Jahre, nachdem ich mit meiner Familie im Februar 2000 von Göttingen nach Perth in Westaustralien umgezogen war. Damals war meine Tochter achteinhalb Jahre alt; mein Sohn zweieinhalb Jahre. Wie schon gesagt, Kinder sind faszinierend, und ich habe mich schon immer sehr für Gesundheitsthemen interessiert. In den 1990er-Jahren arbeitete ich an zwei Feldstudien zu den familiären und lokalen Einflussfaktoren auf die Gesundheit und das Überleben von Kleinkindern im ländlichen China. Im November 2000 belegte ich ein faszinierendes Forschungsseminar zu den wachsenden gesundheitlichen Problemen von Kindern und deren jeweiliger sozialer und biologischer Vorgeschichte. Das war am Telethon Kids Institute in Perth (formerly called “Telethon Institute for Child Health Research“), einer weltweit bekannten Forschungseinrichtung für Kinder und Jugendliche, die von Fiona Stanley gegründet worden war. Damals war mein Wunsch, eines Tages an diesem Institut zu arbeiten und meinen Hintergrund in Sozialdemografie und gesellschaftlicher Schichtzugehörigkeit mit Forschung zu kindlicher Gesundheit und Wohlbefinden zu verknüpfen. Zum Glück ergab sich diese Gelegenheit im April 2003, als mir dort eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin angeboten wurde. Ich sollte mit einer Gruppe junger Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus den Bereichen Epidemiologie, klinische Psychologie, Medizin und öffentliche Gesundheit zusammenarbeiten, um multikausale Risikofaktoren zu untersuchen, die zu den bestehenden und neu auftretenden Gesundheitsproblemen bei Kindern und Jugendlichen beitragen. Dies war ein wichtiger Wendepunkt in meiner Forschungskarriere. Neun Jahre lang war ich am Telethon Kids Institute, bis ich dann im Sommer mit meiner Familie zurück nach Deutschland zog und meine Stelle am WZB antrat

Warum ist ein transdisziplinärer Ansatz für Ihre Forschung zu Gesundheit und Wohlbefinden von Kindern wichtig?

In den Sozialwissenschaften werden wir darauf trainiert, parsimonische theoretische Modelle zu benutzen, um unsere empirischen Untersuchungen zu stützen. Die Realität ist jedoch das genaue Gegenteil. Die sozialen Phänomene, die wir zu verstehen und erklären versuchen, sind weitaus komplexer, als es unsere begrenzten Theorien vermuten lassen Das Gleiche gilt für die Gesundheit in allen Bevölkerungsgruppen.  Wenn wir unsere Forschung nur in Silos betreiben, sehen wir nur einen kleinen Teil des Gesamtbildes. Wie ein Frosch, der im Brunnen sitzt und nur den kleinen Kreis des Himmels erblickt (坐井, ein chinesischer Ausdruck für die Problematik einer engen Sichtweise, in diesem Fall Silodenken in der Forschung).  Wenn jede wissenschaftliche Disziplin separat arbeitet, wird nicht nur unsere Sicht auf die Welt eingeengt – auch unsere Datenerfassung (in der Breite und der Tiefe), unsere analytischen Zugänge und die Interpretation der Ergebnisse können eingeschränkt und sogar verzerrt sein, was zu falschen Schlussfolgerungen führt. Hier kann ich von einer aufschlussreichen Forschungserfahrung berichten.

Erzählen Sie bitte.

Als ich noch am Telethon-Institute tätig war, hatte ich die Möglichkeit, die langfristigen Auswirkungen der Stresserfahrungen von Müttern während der Schwangerschaft auf die schulischen Leistungen ihrer Kinder in der mittleren Kindheit zu untersuchen – und zwar gemeinsam mit Kolleg*innen aus der kognitiven Psychologie, den Neurowissenschaften und der klinischen Psychologie. Wir analysierten die Längsschnittdaten der Raine-Studie. Unsere Hypothese lautete: Wenn Mütter während der Schwangerschaft sozioökonomischen Stressfaktoren ausgesetzt sind (z. B. Eheprobleme, Scheidung/Trennung, finanzielle Probleme, Wohnortwechsel), wirkt sich dies negativ auf die kognitiven Leistungen ihrer Kinder aus. Begründet wurde die Hypothese damit, dass die Belastung der Mütter durch Stressoren während der Schwangerschaft ihren Cortisol-Spiegel erhöht, der wiederum die Plazenta passiert und die laufende neurologische und physiologische Entwicklung des Fötus stört.

Um diese Hypothese zu überprüfen, schätzten wir zunächst multivariate Modelle anhand einer kombinierten Stichprobe aus Jungen und Mädchen. Unsere vorläufigen Ergebnisse ergaben, dass mütterlicher Stress während der Schwangerschaft keinerlei Auswirkungen auf die Mathematik- und Sprachfähigkeiten von Kindern im Alter von zehn Jahren hatte. Unsere Hypothese wurde also nicht gestützt. Als ich diese ersten Ergebnisse mit meinen Kolleg*innen aus dem Bereich Medizin besprach, schlugen sie vor, die Wechselwirkungen zwischen den Geschlechtern zu untersuchen, indem getrennte Modelle für Jungen und Mädchen geschätzt würden. Zur Begründung führten sie an, dass männliche und weibliche Föten aufgrund genetischer und physiologischer Unterschiede unterschiedlich auf den durch mütterlichen Stress verursachten erhöhten Cortisol-Spiegel in der Plazenta reagieren könnten. Das leuchtete mir ein, auch wenn ich selbst nie auf diese Idee gekommen wäre. Die neuen Ergebnisse der nach Geschlechtern getrennten Analysen waren erstaunlich und faszinierend: Bei Mädchen war das mütterliche Erleben von vier oder mehr Stressereignissen in der Schwangerschaft mit einer niedrigeren Leseleistung im Alter von zehn Jahren verbunden, was unsere Hypothese bestätigte; bei Jungen hingegen war das mütterliche Erleben von drei oder mehr Stressereignissen mit höherer Lese- und Mathematikleistung verbunden. Wie waren diese geschlechtsspezifischen Unterschiede zu interpretieren? Meine Mitautor*innen aus der Kognitionspsychologie und den Neurowissenschaften erläuterten mir diese scheinbar „widersprüchlichen“ geschlechtsspezifischen Ergebnisse und verwiesen mich auf die einschlägige Literatur.

Eine wichtige Erkenntnis für mich war, dass die Sichtweise von Expert*innen außerhalb meiner eigenen Disziplin für ein besseres Verständnis der Komplexität des untersuchten Problems entscheidend ist. Unsere vorläufigen Analysen auf der Grundlage zusammengeführter Daten, bei denen Geschlechtsunterschiede in Genetik und Physiologie nicht berücksichtigt wurden, ergaben keinen signifikanten Zusammenhang zwischen der mütterlichen Stressbelastung in der Schwangerschaft und den schulischen Leistungen der Kinder im Alter von zehn Jahren, da sich die positiven Effekte bei Männern und die negativen Effekte bei Frauen „gegenseitig aufhoben“, was zu Null-Effekten führte. Ohne die Untersuchung der Geschlechtsunterschiede wäre die Studie zu einem falschen Ergebnis gekommen. Die Studie wurde 2013 im Journal of Pediatrics veröffentlicht.

Wie würden Sie die Grenzen Ihrer eigenen Disziplin beschreiben?

In der Soziologie legen wir großen Wert auf die frühe Sozialisierung im Elternhaus als den bestimmenden Faktor für die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen im Verhalten, in den Vorlieben, in der Wahrnehmung und in der Entscheidung für bestimmte Bildungswege und Berufe. Wir gehen davon aus, dass die Sozialisation die geschlechtsspezifischen Unterschiede hinsichtlich der kognitiven Stärken und Fähigkeiten prägt. Aber meine Beobachtungen der letzten 30 Jahre, mein eigenes informelles Experiment mit der Sozialisierung meiner Kinder und mein Studium der Fachliteratur haben mich erkennen lassen, dass viele Aspekte der geschlechtsspezifischen Unterschiede im Verhalten, in den Vorlieben und in der Wahrnehmung biologischen Ursprungs sind. Bevor sie drei Jahre alt wurde, haben wir unsere Tochter blau oder naturfarben angezogen, aber wenn sie die Wahl hatte, zog sie unweigerlich rosa und rote Kleidung vor. Wir haben ihr nie Barbies zum Spielen gegeben, aber sie liebte es trotzdem, mit Barbies zu spielen, als unser Kindermädchen ihr später eine schenkte.

Mein Sohn trug als Baby Kleidung in rosa und weißen Farben. Wir stellten Puppen und Stofftiere in den Spielbereich des Wohnzimmers und in sein Kinderzimmer, aber er zeigte absolut kein Interesse an Puppen. Am liebsten mochte er Spielzeugautos. Wenn ich mit ihm im Kinderwagen spazieren ging, starrte er auf vorbeifahrende Fahrzeuge, die laute Geräusche machten. Dass Kinder bestimmte Schulfächer bevorzugen und gut darin sind, hat weniger mit den Sozialisierungsbemühungen der Eltern zu tun als mit den Genen. Ein typisches Beispiel ist, dass musikalisch begabte Kinder oft Eltern haben, die selbst Musiker sind. Dies gilt auch für sportliche, mathematische und sprachliche Begabungen von Kindern.  

 Wer akzeptiert, dass die Biologie für das Verständnis geschlechtsspezifischer Unterschiede im Verhalten, in den Vorlieben und in der Kognition wichtig ist, läuft vielleicht Gefahr, in sozialwissenschaftlichen Kreisen als „soziologisch unkorrekt“ oder „biologischer Reduktionist“ zu gelten. Aber wir müssen die Grenzen unserer eigenen Disziplin anerkennen und offen sein für Interpretationen und Erklärungen sozialer Phänomene aus anderen Disziplinen. Nur mit dieser Offenheit können wir das komplexe System unserer sozialen Welt besser begreifen.  Ich bin auch der Meinung, dass in der soziologischen Forschung zu viel Gewicht auf bestehende Theorien gelegt wird. Das kann Innovationen und neue Entdeckungen behindern, weil explorative Forschung ohne theoretische Grundlage nicht gefördert oder sogar verhindert wird. Dies kann problematisch sein, insbesondere wenn es darum geht, unsere sich schnell verändernde und diversifizierende soziale Welt zu verstehen. In der Gesundheitsforschung und in der Biomedizin herrschen eine größere Offenheit und ein größerer Entdeckungsdrang unter den Forschenden.

Können die Sozialwissenschaften die biomedizinische Forschung und die Gesundheitsforschung bereichern und auf welche Weise?

Ja. In der Sozialepidemiologie, der Bevölkerungsmedizin und der Biomedizin wächst das Interesse am Verständnis der Wechselwirkungen zwischen genetischen und Umwelteinflüssen und deren Rolle bei den komplexen Ursachen für das Entstehen von Krankheiten.  Die Sozialwissenschaften können sowohl in theoretischer als auch in methodischer Hinsicht einen wichtigen Beitrag zur Erweiterung dieses Wissens leisten. Aus der Forschung zur Entwicklungsgesundheit wissen wir bereits, dass Unterschiede in den sozialen, wirtschaftlichen und psychologischen Rahmenbedingungen in der frühen Lebensphase (von der Empfängnis an) die menschliche Gesundheit und Entwicklung beeinflussen. Dies geschieht durch einen biologischen Einbettungsprozess, bei dem der Körper und das Gehirn ständig mit den Reizen aus der unmittelbaren physischen, sozialen und wirtschaftlichen Umgebung interagieren. Die soziologische Forschung kann Erkenntnisse zu bestimmten sozialen Strukturen liefern, die schwere Krankheiten wesentlich mitverursachen. Diese Erkenntnisse können in vorgelagerte politische Maßnahmen und Interventionen einfließen, die darauf abzielen, Gesundheit und Wohlbefinden für alle zu verbessern. 

Bei den Methoden haben die Sozialwissenschaften einige hochdifferenzierte Modelle entwickelt, die in der Gesundheits- und Biomedizinforschung eingesetzt werden können. Ganz allgemein denke ich, dass beide Disziplinen in ihren analytischen Ansätzen etwas zu bieten haben und voneinander lernen können: Die gesundheits- und biomedizinische Forschung könnte davon profitieren, ein wenig mehr von der sozialwissenschaftlichen Theoriebetonung zu übernehmen, während den Sozialwissenschaften der offenere und stärker explorative Zugang guttun würde, der in Gesundheitsforschung und Medizin zum Verständnis des komplexen Unbekannten verwendet wird.

Schließlich gibt es Hinweise darauf, dass die Erfahrung von sozialer Benachteiligung in der frühen Kindheit mit epigenetischen Veränderungen einhergeht, die die Genaktivität und Genexpression bei Kindern und jungen Erwachsenen bezüglich verschiedener gesundheitlicher Probleme (z. B. Fettleibigkeit, Asthma und psychische Störungen) beeinflussen. Interdisziplinäre Forschung ist dringend erforderlich, um zu bestätigen oder zu widerlegen, ob dieser Zusammenhang kausal ist oder nicht. Diese Forschung ist äußerst spannend, und die Sozialwissenschaften können mit ihrer theoretischen und methodologischen Expertise zur Erweiterung dieses Wissens beitragen.

Die Fragen stellte Kerstin Schneider.

21.3.22

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