Plattform fairwork
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Viel Arbeit, schlechte Bedingungen

Gesundheitsrisiken in der deutschen Plattformökonomie

Welchen Gesundheitsrisiken sind Arbeiter*innen in der deutschen Plattformökonomie ausgesetzt? Eine Studie des Fairwork-Projekts ergab drei übergreifende Risiken: psychische Belastungen aufgrund hoher Arbeitsplatz- und Einkommensunsicherheit, körperliche Gesundheitsrisiken wegen belastender Arbeitsbedingungen und unzureichender Arbeitsausrüstung sowie psychische Belastungen auf Grund von Diskriminierung und Belästigung.

Die deutsche Plattformökonomie bietet Einkommensmöglichkeiten für eine wachsende Zahl von Menschen. Eine von der Europäischen Union in Auftrag gegebene Studie aus dem Jahr 2018 ergab, dass fast 6 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung in Deutschland mindestens 25 Prozent ihres Einkommens über Online-Plattformen erzielt, darunter auch digitale Arbeitsplattformen. Digitale Arbeitsplattformen vermitteln Angebot und Nachfrage nach Arbeitskraft, indem sie Arbeitsprozesse mittels digitaler Tools organisieren, steuern und koordinieren. Digitale Arbeitsplattformen sind Teil unseres Alltags geworden, z. B. zur Essens- und Lebensmittellieferung, für die Nutzung von Fahrdiensten oder für Haus- und Pflegearbeit. Plattformen wie Lieferando, Gorillas, Uber, Helpling und Betreut.de haben ein Arbeitsmarktsegment mit relativ niedrigen Einstiegshürden geschaffen, das vor allem für Migrant*innen attraktiv ist. Die Plattformökonomie gilt als inklusiv, innovativ und flexibel, wird aber wegen der oft prekären Arbeitsbedingungen sowie der Gesundheitsrisiken, denen Arbeiter*innen ausgesetzt sind, zunehmend kritisiert. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit den körperlichen und psychischen Gesundheitsrisiken, die mit Plattformarbeit in Deutschland einhergehen. Als Grundlage dient die Studie des Fairwork-Projekts zu Arbeitsbedingungen in den wichtigsten digitalen Arbeitsplattformen in Deutschland im Jahr 2021.

Gesundheitsrisiken von Plattform-Arbeiter*innen

Die Studie ergab drei übergreifende Risiken, die sich auf die körperliche und psychische Gesundheit von Plattform-Arbeiter*innen auswirken.

Psychische Belastung aufgrund von Arbeitsplatz- und Einkommensunsicherheit

Hohe Arbeitsplatz- und Einkommensunsicherheit und damit einhergehende psychische Belastungen wurden von vielen Arbeiter*innen als wichtige Nebenerscheinung der Plattformarbeit genannt. In der Haushalts- und Pflegebranche sind Arbeiter*innen in der Regel als Solo-Selbstständige tätig, das heißt, sie erhalten keine Bezahlung, wenn sie krank werden oder aus anderen Gründen nicht arbeiten können. Selbstständig zu sein, bedeutet in dieser Branche auch, dass Arbeiter*innen ständig mit der Angst leben, dass Kund*innen das Arbeitsverhältnis beenden und so wichtige Einkommensquellen verloren gehen. Beschäftigte auf Fahrdienstplattformen wie Uber oder Free Now hingegen haben in der Regel formelle Arbeitsverträge mit Subunternehmen. Dort erhalten sie jedoch keinen festen Stundenlohn, sondern werden pro Fahrt bezahlt. Folglich ist auch ihr Einkommen sehr unbeständig.

Die Corona-Pandemie hat diese Einkommensunsicherheit weiter verschärft, da Arbeiter*innen im Fall einer angeordneten Quarantäne meistens keine Entschädigung erhielten. Uber hat zwar in mehreren Ländern finanzielle Hilfsprogramme für Fahrer*innen angekündigt, doch Interviews mit Uber-Fahrer*innen in Deutschland zeigen, dass diese Programme hier entweder nicht existierten oder den Beschäftigten nicht bekannt waren. Ähnlich erging es Arbeiter*innen auf Plattformen für Haus- und Pflegearbeit: Auch ihr Einkommen brach weg, wenn sie aufgrund von Krankheit oder Kontaktbeschränkungen nicht arbeiten konnten. Angesichts der allgemein niedrigen Löhne waren viele Arbeiter*innen bei längerer Arbeitsunfähigkeit nicht in der Lage, ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Vor allem Migrant*innen aus Nicht-EU-Ländern, die die Mehrheit der Arbeiter*innen auf diesen Plattformen ausmachen, berichteten, dass sie mangels Anspruch auf staatliche Hilfsleistungen während der Pandemie Kredite aufnehmen mussten, um ihre Existenz zu sichern.

Im Gegensatz dazu bieten Essens- und Lebensmittellieferplattformen in Deutschland ihren Beschäftigten eine sozialversicherungspflichtige Anstellung, zu der auch Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gehört. Meistens handelt es sich dabei jedoch um befristete Verträge oder Teilzeitverträge. Nach Angaben der Beschäftigten nutzen Plattformen kurze Vertragslaufzeiten und lange Probezeiten, um Beschäftigte flexibel einstellen und entlassen zu können und so auf kurzfristige Nachfrageschwankungen zu reagieren. Dadurch werden Beschäftigte auch eingeschüchtert, mit der Folge, dass sie z. B. keine Krankheitstage beantragen oder sich nicht gewerkschaftlich organisieren. Psychische Belastung durch mangelnde Einkommenssicherheit wird noch dadurch verschärft, dass die Stundenlöhne mit durchschnittlich 11,50 Euro pro Stunde unter einem existenzsichernden Lohnniveau liegen. Daher sind viele Beschäftigte auf Boni (z. B. für schnelle Lieferungen) und Trinkgelder angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Im Krankheitsfall erhalten sie jedoch in der Regel nur den Grundlohn pro Stunde, was de facto zu einem Einkommensverlust führt. Außerdem ist die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall mit hohem bürokratischem Aufwand und oft mit Zahlungsverzögerungen verbunden. Folglich empfinden die Kuriere ihre Einkommenssituation selten als stabil, und viele geben an, sich ständig Sorgen um ihre finanzielle Lage und ihre berufliche Zukunft zu machen.

In jüngster Zeit waren auf Plattformen, die schon länger über eine organisierte Arbeitnehmerschaft und etablierte Mitbestimmungsstrukturen verfügen, einige Verbesserungen bezüglich der Vertragssituation der Beschäftigten zu beobachten. Als Reaktion auf die Forderungen von Beschäftigten bietet Lieferando allen Kurieren seit 2021 unbefristete Arbeitsverträge an; Flink ist kürzlich diesem Beispiel gefolgt. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob andere Plattformen ähnliche Änderungen einführen werden.

Körperliche Gesundheitsrisiken durch belastende Arbeitsbedingungen und unzureichende Ausrüstung

Neben den psychischen Gesundheitsrisiken, die sich aus den unsicheren Beschäftigungs- und Einkommensverhältnissen ergeben, sind Plattform-Arbeiter*innen auch einer Vielzahl von physischen Gesundheitsrisiken durch unzureichenden Arbeitsschutz und körperliche Belastungen ausgesetzt. Viele Uber- und FreeNow-Fahrer*innen arbeiten täglich bis zu 12 Stunden an sechs oder sieben Tagen pro Woche, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Fahrer*innen haben daher oft mit Müdigkeit zu kämpfen und sind somit einem erhöhten Unfallrisiko ausgesetzt. Außerdem haben sie in der gegenwärtigen Situation ein erhöhtes Risiko, sich mit dem Coronavirus zu infizieren: Zwar sind in den meisten Fahrzeugen Plexiglasscheiben verbaut, die Fahrer*innen und Fahrgäste voneinander trennen, doch nach Berichten mehrerer Arbeiter*innen sind diese Platten inzwischen häufig gerissen und somit wirkungslos. Arbeiter*innen auf Pflege- und Hausarbeitsplattformen sind ebenfalls infektionsgefährdet, da sie aufgrund ihrer Tätigkeit täglich mehrere Haushalte aufsuchen müssen. Für diese Arbeitskräfte sind hochwertige FFP-2-Masken, Handdesinfektionsmittel und Handschuhe sowie regelmäßige Tests von zentraler Bedeutung. Von den drei untersuchten Plattformen für Haus- und Pflegearbeit stellte jedoch keine den Beschäftigten Schutzausrüstung oder Tests zur Verfügung oder beteiligte sich an damit verbundenen Kosten. Zwar sind neben den Arbeiter*innen auch die Kund*innen dazu angehalten, Masken zu tragen, doch die Umsetzung dieser Hygienemaßnahmen wird von den Plattformen in der Regel nicht kontrolliert.

In der Lebensmittel-Lieferbranche sind die körperlichen Gesundheitsrisiken vor allem auf den hohen Zeitdruck und die unzureichende Arbeitsausrüstung zurückzuführen. Plattformen wie Gorillas, Flink oder Getir versprechen eine Lieferung innerhalb von 10 Minuten. Den Preis zahlen die Beschäftigten: Viele der befragten Kuriere waren bereits in einen Verkehrsunfall verwickelt. Essenslieferdienste wie Wolt oder Lieferando machen zwar keine Vorgaben bezüglich der Liefergeschwindigkeit, aber ein hohes Tempo ist dennoch wichtig, da die Kuriere für einen angemessenen Lohn auf Trinkgelder und Boni angewiesen sind. Diese Vergütungsstruktur bietet einen starken finanziellen Anreiz, schneller zu fahren, was das Risiko von Verkehrsunfällen erhöht. Um dieses Problem zu entschärfen, hat Wolt den Auslieferungsradius auf 3 km begrenzt, so dass die Kuriere mehr Lieferungen pro Stunde erledigen können und dabei sicher fahren.

Unfallrisiken ergeben sich jedoch auch aus unzureichender und fehlerhafter Arbeitsausrüstung. Viele Plattformen haben E-Bikes eingeführt, um die Auslieferungen für die Kuriere weniger beschwerlich zu machen. Diese sind jedoch oft nicht funktionstüchtig oder sogar gefährlich: So berichten Kuriere von in Brand geratenen Fahrradbatterien oder Unfällen aufgrund defekter Bremsen. Neben den Fahrrädern ist die Qualität der „Cube“-Rucksäcke eine weitere Ursache für Gesundheitsprobleme: Kuriere berichteten, dass diese Rucksäcke nicht ergonomisch gestaltet und oft zu schwer sind, was zu Rückenschmerzen, Ermüdung und Gleichgewichtsverlust führt. Darüber hinaus sind Kuriere auf einigen Plattformen gezwungen, Bestellungen auch bei widrigen Wetterbedingungen wie starkem Regen oder vereisten Straßen auszuliefern.

Diskriminierung und Belästigung von migrantischen Arbeiter*innen und Frauen

Das letzte übergreifende Gesundheitsrisiko für Beschäftigte auf digitalen Arbeitsplattformen betrifft Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit aufgrund von Diskriminierung und Belästigung. Etwa drei Viertel der interviewten Arbeiter*innen waren Zugewanderte aus Lateinamerika, Ost- und Südeuropa, Südasien und dem Nahen Osten. Vor allem für Migrant*innen, die über geringe Deutschkenntnisse verfügen und deren formale Qualifikationen in Deutschland oft nicht anerkannt werden, bieten Plattformen wichtige Einkommensmöglichkeiten. Etwa ein Drittel der befragten Plattformarbeiter*innen gibt jedoch an, bereits Diskriminierung und Belästigungen durch Kunden erlebt zu haben. Uber-Fahrer*innen beispielsweise berichten von rassistischen Beleidigungen oder abgesagten Fahrten, weil die Kunden keinen arabischen oder türkischen Fahrer akzeptieren wollten.

Weibliche Beschäftigte berichten außerdem, sich unsicher zu fühlen, wenn sie allein mit männlichen Kunden sind, die sie um sexuelle Gefälligkeiten bitten könnten. Eine Reinigungskraft beschrieb, dass sie seit einer solchen Erfahrung Angstzustände erlebt, wenn männliche Kunden anwesend sind. Diese Angst wird noch dadurch verstärkt, dass Arbeiter*innen in der Regel keine angemessene Unterstützung von den Plattformen erhalten, wenn sie Diskriminierungs- oder Belästigungsvorfälle anzeigen. Nur in seltenen Fällen ergreifen die Plattformen Maßnahmen gegen Kund*innen, wie etwa die Sperrung ihrer Konten. Infolgedessen zeigen viele Arbeiter*innen Vorfälle von Diskriminierung oder sexueller Belästigung gar nicht erst an. Stattdessen organisieren sie sich selbst und warnen sich gegenseitig z. B. in Online-Messenger-Gruppen vor „problematischen“ Kunden.

Ausblick: Maßnahmen zur Bekämpfung von Gesundheitsrisiken in der deutschen Plattformökonomie

Angesichts der vielfältigen physischen und psychischen Gesundheitsrisiken, denen Plattformarbeiter*innen ausgesetzt sind, braucht es Maßnahmen für eine fairere und sicherere Plattformökonomie. So ist einerseits eine stärkere staatliche Regulierung nötig, um sicherzustellen, dass alle Plattformarbeiter*innen unabhängig von ihrem Beschäftigungsstatus Zugang zu Sozialleistungen und angemessener Arbeitsausrüstung haben. Andererseits können auch Verbraucher*innen ihre Entscheidungsmacht geltend machen, indem sie nur Plattformen nutzen, die sich aktiv um faire Arbeitsbedingungen bemühen. Um Verbraucher*innen informierte und sozial verantwortliche Entscheidungen zu ermöglichen, erstellt Fairwork jedes Jahr Bewertungen der wichtigsten digitalen Arbeitsplattformen. Darüber hinaus hat Fairwork den „Fairwork Pledge“ initiiert – eine Kampagne zur Unterstützung fairer Plattformarbeit. Durch die Teilnahme können Organisationen wie Unternehmen, Universitäten, Nichtregierungsorganisation (NGOs) oder öffentliche Verwaltungen ein wichtiges Signal an Plattformbetreiber senden und dazu beitragen, einen Unterbietungswettbewerb in Bezug auf Arbeitsstandards zu verhindern.

Literatur

Zu den Fairwork-Bewertungen für Deutschland: https://fair.work/de/ratings/germany/

Altenried, Moritz: The Digital Factory. The Human Labor of Automation. Chicago/London: The University of Chicago Press 2022.

Fairwork: Fairwork Germany Ratings 2021: Labour Standards in the Gig Economy. Berlin/Oxford/Manchester: Fairwork 2021.

Woodcock, Jamie/Graham, Mark: The Gig Economy: A Critical Introduction. London: Polity Press 2020.

21.3.22

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