Smog ungleich
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Wie und warum die gesundheitlichen Folgen der Pandemie vom sozialen Status abhängen

Ein Beitrag von Jan Paul Heisig und Christian König.

Einer der berühmtesten Sätze des Soziologen Ulrich Beck besagt, dass Not hierarchisch, Smog aber demokratisch sei. Becks These war, dass viele (Umwelt-)Risiken in modernen Gesellschaften „gleicher“ über verschiedene Bevölkerungsschichten verteilt sind, als dies früher der Fall war. Für den Smog lässt sich die These allerdings empirisch widerlegen (mehr dazu unten); und auch beim neuen Coronavirus, das an sich nicht zwischen Menschen unterscheidet, müssen wir davon ausgehen, dass die gesundheitlichen Folgen stark vom sozialen Status abhängen. Dabei konzentrieren wir uns im Folgenden auf die Folgen der Pandemie für die körperliche Gesundheit und auf das Sterberisiko. 

Die sozialen Ungleichheiten beginnen beim Infektionsrisiko. Es wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass Beschäftigte in den „systemrelevanten“ Sektoren sowohl in Deutschland als auch international mehrheitlich mittleren und niedrigen Einkommensgruppen angehören – und viele von ihnen sind einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt. Sie arbeiten in der Pflege, in Krankenhäusern, in Supermärkten, im Streifendienst und haben dort Kontakt mit vielen verschiedenen Personen, zudem insbesondere im Krankenhaus mit vielen infizierten Personen.

Soziale Ungleichheiten zeigen sich auch bei der Schwere des Krankheitsverlaufs und beim Sterberisiko. Abgesehen vom Alter sind hierbei vor allem Vorerkrankungen wie Übergewicht, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen wichtige Risikofaktoren. Wir wissen, dass diese Vorerkrankungen in Deutschland – wie in allen reichen Volkswirtschaften – sozial ungleich verteilt sind. Wir wissen auch, dass dies auf eine Vielzahl von Einflussfaktoren zurückzuführen ist. Neben genetischen Unterschieden spielt das Gesundheitsverhalten eine wichtige Rolle. So rauchen Personen mit niedrigem sozialem Status häufiger, was wiederum das Risiko schwerer Verläufe von Covid-19 erhöht und u. a. die höhere Sterblichkeitsrate unter Männern erklärt. Es wäre aber vorschnell, die Verantwortung für soziale Ungleichheiten in den Auswirkungen von Corona-Infektionen vor allem bei den Individuen zu suchen. Zum einen hängt das Gesundheitsverhalten nicht nur von individuellen Entscheidungen ab, sondern teilweise auch von strukturellen und genetischen Faktoren. Zum anderen gibt es weitere Ursachen für die soziale Ungleichverteilung von Vorerkrankungen, wie zum Beispiel Ungleichheiten in den Arbeitsbedingungen oder in der Qualität der medizinischen Versorgung.

Lassen sich im Falle von Corona die sozialstatusbedingten gesundheitlichen Risiken messen? Aus Deutschland gibt es hierzu bisher kaum belastbare Zahlen, da die Berichterstattung, etwa des Robert Koch-Instituts, keine Informationen über den sozialen Status oder die Herkunft von Infizierten und Verstorbenen enthält. Die Befunde aus anderen Ländern sind jedoch alarmierend. In Großbritannien lag der Anteil von Schwarzen, Menschen asiatischer Herkunft und Angehörigen anderer ethnischer Minderheiten an den kritisch Erkrankten Anfang April bei 35 Prozent und war damit mehr als doppelt so hoch wie der Bevölkerungsanteil dieser Gruppen. Im US-amerikanischen Bundesstaat Illinois betrug der Anteil von Afroamerikaner*innen an den durch Covid-19 Verstorbenen 40 Prozent – bei einem Bevölkerungsanteil von nur 14 Prozent. Präzise Aussagen zu den Ursachen für diese dramatischen Unterschiede sind (noch) nicht möglich. Mit ziemlicher Sicherheit sind sie aber zu einem guten Teil auf sozioökonomische und ethnische Ungleichheiten in den oben genannten Risikofaktoren zurückzuführen. Auch Ungleichbehandlung und Diskriminierung in der Gesundheitsversorgung könnten eine Rolle spielen.

Diese Befunde können nicht einfach auf Deutschland übertragen werden. Die Unterschiede zu Großbritannien und besonders zu den USA sind groß, zum Beispiel im Gesundheitssystem, im Arbeitnehmer*innenschutz (es gibt in den USA keinen gesetzlichen Anspruch auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall) oder beim Niveau der Einkommensungleichheit. Dennoch müssen wir auch in Deutschland mit sozialen und ethnischen Ungleichheiten beim Sterberisiko rechnen, denn auch hier leiden sozial schwächere Gruppen häufiger an Vorerkrankungen. Wie diese konkreten Risikofaktoren mit weniger greifbaren langfristigen Belastungen zusammenhängen, wird am Beispiel eines Faktors deutlich, mit dem wir uns in der Forschungsgruppe Gesundheit und soziale Ungleichheit intensiv auseinandersetzen: der Umweltqualität am Wohnort. Eigene für diesen Beitrag durchgeführte Berechnungen für Deutschland zeigen, dass sich Ortsteile mit mehrheitlich niedrigen Haushaltseinkommen mehr als doppelt so häufig in räumlicher Nähe zu Industrieanlagen mit gesundheitsschädlichem Emissionsniveau befinden wie Ortsteile mit höheren Haushaltseinkommen.

Dass diese Ungleichheiten in der Schadstoffexposition unter den gegenwärtigen Bedingungen gravierende Folgen haben können, zeigt eine aktuelle Studie aus den USA. Diese kommt zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Covid-19-Sterbefälle auf County-Ebene positiv mit der langfristigen Feinstaubbelastung zusammenhängt – vermutlich, weil letztere das Risiko für Schädigungen z. B. des Atmungs- oder Herz-Kreislauf-Systems erhöht. Zwar beruht dieses Resultat auf einer Momentaufnahme in einem frühen Stadium der Pandemie, und es wurden nicht alle Alternativerklärungen statistisch kontrolliert. Gleichwohl veranschaulichen diese Ergebnisse, wie strukturell verankerte Ungleichheiten die individuellen gesundheitlichen Folgen von Corona beeinflussen können. Dies sollte bei der Bewältigung der Pandemie berücksichtigt werden. Längerfristig ist zu hoffen, dass der Zusammenhang von sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit als das angegangen wird, was es ist: ein großes Gerechtigkeitsproblem.

 

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24. April 2020