Rechtsextreme Einstellungen sind kein Naturzustand

Ob die Wahlerfolge der AfD – nun bundesweit bei über 20 Prozent, in ostdeutschen Bundesländern wie etwa Thüringen über 38 Prozent – eine grundlegende Verschiebung in unserer Demokratie bedeuten, darüber hat WZB-Forscherin Katja Salomo vor der Bundestagswahl im Interview mit Thomas Vorreyer von der ZEIT gesprochen. Katja Salomo forscht am WZB zu politischem Extremismus und Segregation in Stadt und Land. Seit mehreren Jahren untersucht sie die Folgen der Abwanderung von Frauen, jungen Menschen und Fachkräften aus dem ländlichen Raum in Ostdeutschland.

Dass die AfD in den ostdeutschen Bundesländern hohe Zustimmungswerte genießt, ist keine neue Nachricht. Dort sorgt die Stärke der Partei auf Land- und Kreistagsebene erst einmal zu Stagnation in der politischen Arbeit. Zum einen, weil die Zusammenarbeit mit ihr lange tabuisiert war, aber auch weil die AfD bei Vorhaben, in denen es beispielsweise um Integration und Klimaschutz geht, nicht mitziehe. Nun trete, so Katja Salomo, wie auch an den Wahlergebnissen zu erkennen, eine Normalisierung ein. Diese Normalisierung hat den Effekt, dass sich mehr Menschen ermutigt fühlen, die in Teilen rechtsextreme Partei zu wählen. Dies ist jedoch nicht der einzige Grund für die hohe Zustimmung, erklärt Katja Salomo: „Es ist kein Naturzustand des Menschen, für rechtsextreme Parteien stimmen zu wollen – und sich das meist nur nicht zu trauen.“

In ihrer Analyse sieht sie weitere Ursachen. Es spielten auch die schon lange vorhandenen, feindlichen Einstellungen gegenüber zugewanderten Menschen – nicht nur aus dem Ausland, sondern auch aus Städten – eine wichtige Rolle. Im Bundestagswahlkampf 2025 seien diese Einstellungen nicht nur von der AfD aufgegriffen worden, sagt Katja Salomo. Generell habe der Wahlkampf zu großen Teilen nur das Thema Migration in den Mittelpunkt gestellt. Dabei gibt es vor Ort, gerade allem in Ostdeutschland, eine Vielzahl an anderen die Alltagswelt der Menschen prägenden Problemen, wie die WZB-Forscherin beschreibt. Es fehle an Infrastruktur, an kulturellen Angeboten, an der Möglichkeit, seine beruflichen Wünsche umzusetzen. Denn gerade in Gebiete mit einer hohen Zustimmung für die AfD scheuen sich Unternehmen zu investieren – dies zeigte auch ein Discussion Paper des WZB aus dem letzten Jahr.

Besonders aber das Aufwachsen zukünftiger Generationen innerhalb einer Gemeinschaft, in der Rechtsextremismus normalisiert ist, macht der WZB-Forscherin große Sorgen: „Wer in Sachsen auf dem Land auf eine Mittelschule geht, ist umgeben von rechtsextremer Ästhetik und Ideologie. Es ist schwer, sich dem zu entziehen. Menschen in der Großstadt können sich das gar nicht vorstellen.“

Viele AfD-Wähler*innen, so Katja Salomo, trügen aber das Gesamtprogramm der AfD nicht mit. Entzaubern ließe sich die Partei möglicherweise noch damit, den Diskurs um ihre Positionen auf andere Themen umzulenken, wie etwa Geschlechterrollen: „Ostdeutsche Wählerinnen teilen wohl kaum das AfD-Frauenbild aus dem Westdeutschland der 1950er-Jahre – würden wir über etwas anderes als Immigration im Wahlkampf sprechen, würde das diesen Frauen vielleicht sogar auffallen.“ Anderen Parteien rät sie, stärker auf eigene Themen zu setzen, die auf reale Alltagsprobleme vor Ort eingehen.

25.2.25/KK