Familien im Lockdown: Mütter trifft es besonders hart
Die Pandemie hat ungleiche Auswirkungen auf das Arbeits- und Familienleben. Beim ersten Lockdown im März hat es Mütter besonders hart getroffen, wie Mareike Bünning und Lena Hipp in den aktuellen WZB-Mitteilungen schreiben.
Der von der Bundesregierung im März 2020 beschlossene Lockdown veränderte den Familien- und Arbeitsalltag deutlich. Viele Erwerbstätige mussten ins Homeoffice wechseln, ihre Arbeitszeiten verkürzen oder konnten vorübergehend nicht mehr arbeiten. Besonders hart getroffen waren die Eltern. Zusätzlich zur Erwerbsarbeit mussten sie von heute auf morgen die Betreuung und den Unterricht ihrer Kinder selbst bewerkstelligen – und wegen der Kontaktbeschränkungen konnten auch die Großeltern nicht einspringen. Wie haben die Menschen in Deutschland angesichts dieser einschneidenden Veränderungen das Arbeits- und Familienleben erlebt und organisiert? Welche Auswirkungen gab es auf die Geschlechterungleichheiten?
Man hätte annehmen können, die Pandemie habe das Potenzial, Geschlechterungleichheiten zu verringern. Denn Frauen sind in den Berufen überrepräsentiert, die während der Krise besonders gefragt sind: Sie stellen rund 60 Prozent der Beschäftigten in systemrelevanten Berufen. Außerdem sind sie deutlich seltener als Männer selbstständig und damit mutmaßlich weniger hart von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie betroffen. Kam es also zum Rollentausch, weil Frauen einen größeren Anteil an bezahlter Erwerbsarbeit leisteten, während Männer wegen reduzierter Arbeitszeiten und Homeoffice mehr unbezahlte Arbeit zu Hause übernommen hatten? Allerdings: Im Gegensatz zu anderen Krisen waren vom Lockdown auch frauendominierte Wirtschaftssektoren wie das Gastgewerbe und der Einzelhandel stark betroffen. Außerdem ist zu vermuten, dass der stark erhöhte Betreuungsaufwand während der Schul- und Kitaschließungen nicht zu mehr Partnerschaftlichkeit bei der Kinderbetreuung führte, sondern traditionelle Muster der Arbeitsteilung verstärkte. Denn Männer in Deutschland verdienen in Durchschnitt mehr als Frauen und finanzielle Erwägungen könnten eine Rolle bei der Entscheidung spielen, wer die zusätzliche Betreuungsarbeit übernimmt. Womöglich haben Frauen sogar dann mehr unbezahlte Arbeit übernommen, wenn sie gleich viel oder mehr als der Partner verdienen, um die geschlechtsuntypische Erwerbssituation durch eine geschlechtstypische Aufteilung der Hausarbeit und Kinderbetreuung auszugleichen.
Umfrage von März bis August 2020 zum Corona-Alltag
Welches der beiden Szenarien traf zu? Von März bis August 2020 haben wir Daten erhoben, um die Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit genauer zu untersuchen und herauszufinden, wie sich das subjektive Wohlbefinden der Menschen in verschiedenen Lebensbereichen während des Lockdowns verändert hat. Unsere Analysen basieren auf drei Wellen einer nicht repräsentativen Online-Umfrage (corona-alltag.de), an der rund 4.400 in Deutschland lebende Personen im Alter von 25 bis 54 Jahren teilnahmen – darunter mehr als 2.000 Menschen mit Kindern. Die Erhebung der ersten Welle vom 23. März bis zum 10. Mai beinhaltete auch rückblickende Fragen über die Lebens- und Arbeitssituation vor der Pandemie. Die Erhebungsphase der zweiten Welle, die vom 20. April bis 14. Juni andauerte, fiel, ebenso wie Welle 3 zwischen dem 3. Juni und 2. August, mit den schrittweisen Lockerungen der Einschränkungen des öffentlichen Lebens zusammen. Da es sich bei unserer Studie nicht um eine zufallsbasierte Stichprobe handelt, unterscheiden sich die Befragten von der deutschen Bevölkerung sowohl in beobachtbaren Merkmalen wie Alter, Bildung und Geschlecht als auch in unbeobachtbaren Merkmalen (zum Beispiel Zeit und Motivation zur Teilnahme an einer Umfrage). Personen mit hohem Bildungsstand, Frauen sowie in Berlin lebende Personen sind in der Umfrage überrepräsentiert.
In unseren explorativen Analysen haben wir Veränderungen bei der Arbeits-zeit und beim Arbeitsort (Homeoffice) erforscht. Im Bereich der unbezahlten Arbeit haben wir untersucht, wie sich Mütter und Väter vor und während des Lockdowns Kinderbetreuung und Hausarbeit aufgeteilt haben. Außerdem haben wir Geschlechterungleichheiten in Bezug auf die Zufriedenheit mit verschiedenen Lebensbereichen (Arbeit, Familienleben und dem Leben insgesamt) betrachtet. Wie wahrscheinlich war es, dass verschiedene Personengruppen aufgrund der Pandemie weniger oder gar nicht mehr gearbeitet haben? Personen in systemrelevanten Berufen (die überwiegend von Frauen ausgeübt werden) waren seltener von reduzierten Arbeitszeiten betroffen. Davon abgesehen arbeiteten Frauen mit etwas höherer Wahrscheinlichkeit als Männer weniger oder gar nicht. Doch ein wesentlich wichtigerer Faktor als das Geschlecht war Elternschaft. Bei Eltern war die Wahrscheinlichkeit, während des Lockdowns weniger oder gar nicht zu arbeiten, deutlich höher als bei kinderlosen Befragten. Betrachtet man nur die Gruppe der Eltern, zeigt sich, dass Mütter häufiger als Väter mit reduziertem Stundenumfang arbeiteten. Diese Unterschiede zwischen Müttern und Vätern nahmen zum Ende des Lockdowns zu.
Was die Auswirkungen der Pandemie auf den Arbeitsort angeht, so erwiesen sich Geschlecht und Elternschaft jedoch in der ersten Welle der Pandemie als weniger relevant. Hier waren vor allem berufliche Merkmale ausschlaggebend: Befragte in systemrelevanten Berufen arbeiteten mit erheblich geringerer Wahrscheinlichkeit im Homeoffice als Befragte in anderen Berufen. Mit Blick auf die Aufteilung der unbezahlten Arbeit bestätigten unsere Daten für die Zeit vor dem Lockdown, was allseits bekannt ist: Mütter in Deutschland übernehmen einen erheblich größeren Teil der Hausarbeit und Kinderbetreuung als Väter. Obwohl die Aufteilung der Kinderbetreuung zu Beginn des Lockdowns etwas aus-geglichener war, leisteten Mütter noch immer deutlich mehr unbezahlte Arbeit als Väter (bei einem insgesamt deutlich höheren Stundenumfang). Der höhere Betreuungsanteil von Vätern war zudem nur von kurzer Dauer und nahm gegen Ende des Lockdowns wieder ab. Die Aufteilung der Hausarbeit veränderte sich im Laufe der Krise kaum. Somit verrichteten Mütter auch während der Pandemie den Löwenanteil der unbezahlten Arbeit.
Die Aufteilung der unbezahlten Arbeit hing allerdings auch von der Erwerbssituation beider Elternteile ab. Wer als Elternteil nicht erwerbstätig war oder im Homeoffice arbeitete, übernahm einen größeren Anteil an bezahlter Arbeit als das Elternteil, das weiterhin arbeitete beziehungsweise den Job am üblichen Arbeitsort ausübte. Diese Zusammenhänge waren für Männer und Frauen ähnlich.
Die oben erwähnten Ungleichheiten in bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen Männern und Frauen – insbesondere zwischen Müttern und Vätern – spiegeln sich auch im subjektiven Wohlbefinden wider. Bei Frauen, Eltern und ganz besonders bei Müttern nahm die Zufriedenheit mit der Arbeit, dem Familienleben sowie dem Leben im Allgemeinen während der Pandemie stärker ab als bei den Vergleichsgruppen. Vor der Pandemie ließen sich kaum Unterschiede zwischen Frauen und Männern feststellen. Nur in Bezug auf die Arbeit wiesen Frauen etwas geringere Zufriedenheitswerte auf. Dies änderte sich in der Anfangsphase des Lockdowns (März bis Mai 2020): Frauen waren weniger zufrieden mit allen drei Lebensbereichen als Männer. Obwohl sich diese Unterschiede gegen Ende des Lockdowns wieder verringerten, berichteten Frauen auch in der letzten Befragungswelle (Juni bis August 2020) noch von geringerer Arbeitszufriedenheit als Männer.
Dieses Muster tritt noch stärker hervor, wenn man die Analysen auf Eltern beschränkt und Mütter mit Vätern vergleicht. Vor der Pandemie waren sowohl Alleinerziehende als auch Eltern in Paarbeziehungen zufriedener mit ihrer Arbeit, aber weniger zufrieden mit dem Familienleben als kinderlose Personen in Paarbeziehungen. In Bezug auf das Leben im Allgemeinen zeigten Paare mit Kindern ähnliche und Alleinerziehende niedrigere Zufriedenheitswerte als kinderlose Paare. Während des Lockdowns hingegen waren Eltern mit allen drei Aspekten weniger zufrieden. Allerdings ging auch bei Alleinstehenden ohne Kinder die Zufriedenheit mit dem Familienleben und dem Leben im Allgemeinen während des Lockdowns deutlich stärker zurück als bei Kinderlosen in Paarbeziehungen. Erwerbstätige in systemrelevanten Berufen unterschieden sich hinsichtlich ihrer Arbeitszufriedenheit nicht von denjenigen in anderen Berufen. Zusätzliche Analysen zeigen, dass kinderlose Personen, die während der Corona-Pandemie im Homeoffice arbeiteten, eine höhere Arbeitszufriedenheit aufwiesen als diejenigen, die weiterhin am Arbeitsort arbeiteten. Bei Eltern war es hingegen umgekehrt: Wer im Homeoffice arbeitete, wies eine besonders niedrige Arbeitszufriedenheit auf.
Was folgt für die Politik?
Unsere Bilanz: Die Analysen deuten eher auf eine Zunahme als auf eine Verringerung der Geschlechterungleichheit während der Pandemie hin, von der insbesondere Eltern betroffen waren. Viele der beobachteten Ungleichheiten schwächten sich gegen Ende des Lockdowns wieder ab. Welche Folgen die Pandemie jedoch langfristig für Geschlechterungleichheiten in bezahlter und unbezahlter Arbeit haben wird, wird sich erst in einigen Jahren zeigen und hängt vom weiteren Verlauf der Pandemie sowie den sozialpolitischen Weichenstellungen ab, die jetzt getroffen werden. Trotz aller Fortschritte in den Bereichen Gleichstellung und Vereinbarung von Familie und Beruf zeigte sich zu Beginn der Pandemie, wie stark tradierte Geschlechterrollen in unserer Gesellschaft verinnerlicht sind. Ohne Zögern wurde die Verantwortung für Kinderbetreuung und Hausunterricht den Familien überlassen. Einem solchen Vorgehen liegt die Logik des Hausfrauenmodells zugrunde, das an der Lebensrealität des mittlerweile dominanten Modells von Zwei-Verdienerpaaren vorbei und zulasten von Eltern, insbesondere von Müttern ging. Unbezahlte Arbeit ist nach wie vor unsichtbar und wenig anerkannt. Das zeigt sich unter dem Brennglas der Pandemie sehr deutlich. Die Corona-Politik der skandinavischen Länder hingegen war deutlich stärker für die Bedürfnisse von Familien, Eltern und Kindern sensibilisiert. Offenen Kitas und Schulen wurde beispielsweise eine viel höhere Priorität eingeräumt.
Aber auch in Deutschland scheint ein Lernprozess eingesetzt zu haben. Die öffentliche Diskussion darüber, welche ungleichen Auswirkungen Schul- und Kitaschließungen auf Geschlechterungleichheiten haben, hat ebenso zu einem Umdenken geführt wie die Kritik daran, dass viele zentrale Player im Krisenmanagement Männer sind und keine Kinder haben oder zu einer Zeit Kinder hatten, als das männliche Ernährermodell noch weitverbreitet war. Während des „Lockdown light“ im November 2020 sind Kitas und Schulen noch flächendeckend geöffnet.
Jedoch sind längst nicht alle Hausaufgaben gemacht. An der schon zu „normalen“ Zeiten oftmals prekären Betreuungssituation in Kindertagesstätten und Schulen hat sich nichts geändert. Schul und Kitaalltag sind weiterhin gekennzeichnet von zu wenig Personal, zu großen Gruppen und Klassen, maroden sanitären Anlagen und zu geringer Bezahlung von Erzieher*innen. Auch im Normalbetrieb beeinträchtigen diese Defizite die Bildungsangebote beträchtlich – ebenso wie die Möglichkeiten von Müttern und Vätern, ihrer Erwerbsarbeit nachgehen zu können.
Nicht zuletzt verdeutlichen die ungleichen Erfahrungen, die Eltern und kinderlose Personen während der Pandemie im Homeoffice machen und gemacht haben, dass Homeoffice-Optionen, insbesondere der derzeit diskutierte Rechtsanspruch auf mobiles Arbeiten, durchaus Möglichkeiten bieten, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu vereinfachen. Mobiles Arbeiten erspart Beschäftigten durch den wegfallenden Arbeitsweg Zeit und bietet vielen den Rahmen, um konzentriert zu arbeiten. Allerdings: Gutes, konzentriertes Arbeiten funktioniert nicht, wenn gleichzeitig Kinder betreut werden müssen. Hier muss von der Seite des Gesetzgebers sichergestellt werden, dass das Recht auf Homeoffice nicht zu Nachteilen für Eltern führt – etwa zu erhöhten Belastungen während der Kinderkrankentage, weil Arbeitgeber von Beschäftigten erwarten, von zu Hause zu arbeiten, während sie ein erkranktes Kind betreuen.
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Literatur
- Bünning, Mareike/Hipp, Lena: „Geschlechterungleichheiten im Arbeitsleben und subjektiven Wohlbefinden von Erwerbstätigen während der COVID-19 Pandemie“. In: Sozialer Fortschritt, 2020 (im Erscheinen).
- Bünning, Mareike/Hipp, Lena/Munnes, Stefan: Erwerbsarbeit in Zeiten von Corona. WZB Ergebnisbericht. Berlin: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung 2020. Online: https://www. econstor.eu/handle/10419/216101 (Stand 16.11.2020).
- Hipp, Lena/Bünning, Mareike 2020: „Parenthood as a Driver of Increased Gender Inequality Du-ring COVID-19? Exploratory Evidence from Ger-many“. In: European Societies, 2020. DOI: 10.1080/14616696.2020.1833229.
- Munnes, Stefan/Bünning, Mareike/Hipp, Lena: Corona-Alltag. Version: 1.0.1. 2020. DOI: 10.7802/2042.