Pokerspiel mit Karten und Chips
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Konflikt und Entschlossenheit – Wie sich Putins Verhalten mit der Spieltheorie erklären lässt

Von Daniele Caliari und Tilman Fries

Ein Teil unserer Aufgabe als Wirtschaftswissenschaftler besteht darin, über strategische Interaktionen nachzudenken. In anderen Zeiten bedeutet dies, dass wir uns beispielsweise mit dem Verhalten von Finanzbeamten befassen, deren Ziel es ist, Steuerhinterziehung zu vermeiden, oder aber mit einem Unternehmen, das entscheiden muss, welche Produkte es zu welchem Preis verkaufen will. Dies sind Probleme der strategischen Entscheidungsfindung, die Ökonomen mithilfe der Spieltheorie untersuchen können.

Die Spieltheorie wurde ursprünglich nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA innerhalb außenpolitischer Zirkel populär, denn sie versprach eine strategische Situation globalen Ausmaßes – die der sich abzeichnenden Rivalität zwischen den USA und der UdSSR begreifbar zu machen. Ein Pionier dieser Zeit ist Thomas Schelling. Er zeigte etwa auf, wie Atomwaffen und die Drohkulisse einer beidseitigen Zerstörung in einem Atomkrieg die militärischen Konflikte zwischen Supermächten von einem Kräftemessen in einen Wettkampf um größtmögliche Entschlossenheit verwandeln. In der Tradition Schellings, der zur Veranschaulichung seiner Argumente in seinem Buch "The Strategy of Conflict" auf eine Vielzahl von Beispielen zurückgreift, stellen wir hier eine Analogie auf, um Putins Verhalten im Ukraine-Krieg als einen Konflikt der Entschlossenheit zu veranschaulichen.

Im Internet konkurrieren die Urheber von Inhalten um Klicks und Likes, und bei einigen der beliebtesten Inhalte tun Menschen alberne und geradezu leichtfertige Dinge. Sogenannte "Roofer" posten zum Beispiel Selfies von sich, die sie auf Wolkenkratzern oder an einer Klippe stehend zeigen, auf Instagram. Was bewegt Menschen dazu, so ein hohes Risiko einzugehen? Eine Möglichkeit ist, dass sie ihre Entschlossenheit im Internet unter Beweis stellen wollen: Die erwarteten Klicks und die Adrenalinstöße, die sie dabei verspüren, motivieren sie dazu. Der Wettlauf um immer extremere Inhalte kann eine Eskalationsspirale auslösen, die Menschen dazu bringt, immer höher zu steigen, noch näher an den Abgrund heran zu rücken und nicht auf gutes Wetter zu warten. Schelling bemerkte, dass ein Staat zwar nicht glaubhaft mit dem Einsatz von Atomwaffen drohen kann, sofern dies sein sicheres Ende bedeute, dass er jedoch – wie ein „Roofer“ – bereit sein könnte, ein gewisses Risiko in Kauf zu nehmen, dass es zur Katastrophe kommt. Wenn die Risikobereitschaft eines Staates größer ist als die seiner Konkurrenten, dann verschafft er sich bei internationalen Verhandlungen einen Vorteil.

Die Möglichkeit, dass die Handlungen des Gegners auch nur einigermaßen unvorhersehbar sind, kann große strategische Auswirkungen haben. Der Wirtschaftswissenschaftler und Aktivist Daniel Ellsberg stellte beispielsweise fest, dass Erpressung effektiver ist, wenn der Erpressende den Anschein erweckt, "verrückt" zu sein. Damit erscheinen seine Drohungen glaubwürdig, allen Konfliktparteien massiven Schaden zuzufügen, einschließlich sich selbst. Um die Erwartungen des Gegners zu unterlaufen und so die Chancen auf einen günstigen Ausgang zu erhöhen, ist es nützlich, "unberechenbar zu sein, ein wenig sprunghaft, impulsiv und instabil zu wirken". Ellsberg schrieb den Artikel, in dem er seine "Madman Theory" darlegte, im Jahr 1959, als die strategischen Realitäten des Atomzeitalters noch nicht verstanden wurden. Er schließt seinen Artikel mit einer Warnung: Selbst wenn niemand den Wunsch verfolge, wie Hitler zu sein, könnten Spieler dennoch von Hitler lernen, wie dessen öffentliche Zurschaustellung von Kriegsliebe und Zerstörungswut dazu beitrug, dass er in den 1930er-Jahren bei Verhandlungen mit seinen französischen und britischen Kontrahenten die Oberhand behielt. Das zerstörerische Potenzial von Atomwaffen erhöht gleichzeitig den Nutzen davon, einen Wahnsinnigen zu mimen, und die Risiken, die damit verbunden sind. Politikwissenschaftler haben dieses Argument genutzt, um das Verhalten früherer US-Präsidenten wie Richard Nixon oder Donald Trump zu analysieren. In ähnlicher Weise können wir die Handlungen von Wladimir Putin und seinem Regime als Versuche interpretieren, die Wirkung der eigenen Drohgebärden zu verstärken.

So unternimmt das Putin-Regime zum Beispiel massive Anstrengungen, die westliche Wahrnehmung seiner Ziele zu beeinflussen. In seinem langen Essay "Zur historischen Einheit von Russen und Ukrainern" aus dem Jahr 2021 leugnet Putin die Existenz einer unabhängigen Ukraine, eine Ansicht, die von Kreml-Ideologen seit langem verbreitet wird. In dieser Ideologie ist der Verbleib der Ukraine innerhalb einer russischen Einflusssphäre eine Schlüsselangelegenheit russisch-imperialer Ambitionen. Dies wiederum erhöht den vermeintlichen Nutzen für Putin und seine Regierung, die Ukraine unter seine Kontrolle zu bringen, sowie die vermeintlichen Kosten für das Regime, sollte sich die Ukraine nicht unterwerfen lassen. Auch das Ausmaß der russischen Invasion in der Ukraine dient dazu, unsere Wahrnehmung von Putins Strategie zu beeinflussen. Ähnlich wie ein Pokerspieler, der sich für einen hohen Einsatz entscheidet, um die Glaubwürdigkeit seines Bluffs zu erhöhen, könnte sich Putin für einen groß angelegten Angriff entschieden haben, um die Kosten eines Rückzugs dermaßen zu erhöhen, dass ein solcher eher unwahrscheinlich erscheint.

Diese Strategie beinhaltet eine Art "Commitment". Damit beschreibt man Situationen, in denen sich ein Spieler dafür entscheidet, sich die Hände zu binden und auf eine bestimmte Handlungsoption zu verzichten. Dem Gegenüber wird dann bewusst, dass dem Spieler nichts anderes übrig bleibt, als die ihm noch verbleibende Option zu wählen. Putin könnte sein  „Commitment“ gegen einen raschen Rückzug als ratsam empfunden haben, weil sich dadurch die potenziellen Kosten für andere Länder, die eine Intervention in Erwägung ziehen, erhöhen. Das Konzept des „Commitments“ könnte sich auch darauf auswirken, aus welchen Quellen Putin seine Informationen bezieht. Medienberichte über seine zunehmende Isolierung, die sich während der Covid-19-Pandemie noch einmal verstärkt haben soll, werfen die Frage auf, inwieweit Putin überhaupt korrekte Informationen über den aktuellen Stand der militärischen und wirtschaftlichen Kapazitäten Russlands erhält. Dies offenbart nicht zwangsläufig eine Schwäche Putins, da es für einen Erpresser nicht immer von Vorteil ist, über die eigene objektive Verhandlungsposition gut informiert zu sein: Indem er sich dafür entscheidet, keine realistischen Neubewertungen der eigenen Situation zu erhalten – was Putin dadurch tun kann, indem er sich mit "Ja-Sagern" umgibt, die keine schlechten Nachrichten übermitteln –, kann ein Erpresser den Gegner dazu zwingen, sich auf Forderungen einzulassen, die nur in seiner eigenen Vorstellungswelt Sinn ergeben.

Ein letzter Teil des Puzzles betrifft Putins Persönlichkeit. In einem anderen Klassiker der Spieltheorie stellen Luce und Raiffa fest: "Für den Fall, dass beide Spieler versuchen, plausible Drohungen auszusprechen, wird das Ergebnis unbestimmbar und hängt von den Verhandlungspersönlichkeiten der Spieler ab". Putin regiert nun seit mehr als 20 Jahren, und der Personenkult um ihn ist ein Hauptmerkmal russischer Propaganda. Putin wird als übermäßig wettbewerbsorientierter und stolzer Führer wahrgenommen, und obendrein als jemand der es nicht mag zu verlieren. Was aber, wenn es Putin gar nicht so sehr ums Gewinnen geht, sondern eher darum, seine Niederlage zu vermeiden? Neueren Forschungsergebnissen der Verhaltensökonomie und -psychologie zufolge ist dieser Charakterzug gar nicht untypisch. Es ist naheliegend, sich einen sehr wettbewerbsorientierten Akteur vorzustellen, der es unendlich mehr verabscheut zu verlieren, als sich um die Höhe des potenziellen Gewinns zu kümmern. Im aktuellen Kriegsszenario würde ein vollständiger Rückzug der russischen Armee wohl als Niederlage Putins gedeutet. Dies hat die Suche nach begrenzten militärischen Belohnungen – d. h. der Annexion der Regionen Luhansk und Donbas – angefacht und hat in den russischen Medien zur Verbreitung von Drohungen mit nuklearen Vergeltungsmaßnahmen geführt.

Die Spieltheorie ist keine exakte Wissenschaft. Nach Ansicht des bekannten Spieltheoretikers Ariel Rubinstein sollte sie als eine Sammlung von Fabeln betrachtet werden, die "es uns ermöglicht, eine Situation im Leben aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, und die damit möglicherweise unser Handeln beeinflusst". Ob die Absichten, hinter den Taten Putins und seiner Regierung nun Ausdruck echter Überzeugungen und Ideologien oder lediglich strategische Finten sind, bleibt schwer zu fassen. Unsere spieltheoretischen Fabeln veranschaulichen jedoch, wie diese Mehrdeutigkeit das Ergebnis bewusster strategischer Entscheidungen sein kann.

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10.05.22

Daniele Caliari ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Verhalten auf Märkten.

Tilman Fries ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsgruppe Ethics and Behavioral Economics.

Weitere Beiträge von WZB-Forscher*innen finden Sie in unserer Reihe Krieg in Europa: Ursachen und Folgen