Collective Intelligence in Endangered Democracies: Can Digital Technology Enable Civil Society to Fight Democracy’s Threats?

Abstract

Die rasante Entwicklung der digitalen Technologie hat demokratische Regierungen in einer nie dagewesenen Weise beeinflusst. Durch digitale Werkzeuge gibt es vielfältige neue Kanäle und Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung und Regierungen müssen ihre Daten offenlegen und sind zur Transparenz verpflichtet. Die Zivilgesellschaft verlässt sich zunehmend auf die digitale Technologie, um demokratische Innovationen umzusetzen, die mit Hilfe von Bürgerbeteiligung alle möglichen gesellschaftlichen Problemen lösen sollen. Digitale Werkzeuge fördern die politische Mobilisierung, senken die Kosten für bürgerschaftliches Engagement und machen relativ einfache und kostengünstige Ansätze für demokratische Innovationen möglich. Der fehlende Zugang zu digitalen Technologien kann jedoch auch bestehende soziale und politische Ungleichheiten verschärfen, und der Missbrauch dieser Technologien kann sich – beispielsweise durch die Verbreitung von Falschinformationen – negativ auf demokratische Prozesse auswirken.

Da Demokratien auf der ganzen Welt bedroht sind, stellt sich die Frage, inwieweit die digitale Bürgerbeteiligung sich aktuellen Herausforderungen wie beispielsweise den sozialen Problemen infolge der Corona-Pandemie und der Verbreitung von Fake News in Wahlprozessen stellen kann. Unsere Forschung zielt darauf ab, diese Fragen zu beantworten, indem wir eine mächtige Ressource untersuchen, die die Zivilgesellschaft demokratischen Regierungen zur Verfügung stellt: kollektive Intelligenz. Letztere nutzt digitale Technologien, um Wissen, Informationen und Daten zu beschaffen, zu bündeln und zu teilen, um öffentliche Probleme zu lösen und eine legitimere und demokratischere Politik zu entwerfen und umzusetzen.

Wir wollen das Potenzial kollektiver Intelligenz zur Bewältigung der demokratischen Herausforderungen in Brasilien untersuchen – einem Land, das historisch durch ein hohes Maß an Ungleichheit und geringe staatliche Kapazitäten gekennzeichnet ist und derzeit durch Polarisierung, Populismus und Autoritarismus bedroht ist. Brasilien ist das Land, das weltweit am zweitstärksten von der Corona-Pandemie betroffen ist, was zum Teil auf die mangelnde Bereitschaft der Regierung zurückzuführen ist, auf den Gesundheitsnotstand zu reagieren, und auf ihre aktive Rolle bei der Verbreitung von Falschinformationen. Brasilien verfügt auch über eine starke Zivilgesellschaft, wegweisende Erfahrungen mit partizipativen Institutionen und eine relativ hohe Internetverbreitung. Diese Faktoren haben in den letzten Jahren zu einer exponentiellen Zunahme von Formen der digitalen Bürgerbeteiligung beigetragen, von denen sich viele auf kollektive Intelligenz stützen.

Unser Forschungsprojekt gliedert sich in zwei Phasen:

1) Kollektive Intelligenz gegen die Corona-Pandemie in Rio de Janeiro

Die erste Phase des Projekts konzentriert sich auf die Frage, wie zivilgesellschaftliche Organisationen, soziale Bewegungen und normale Bürger:innen sich auf digitale Technologien gestützt haben, um Wissen, Informationen und Daten zu sammeln, um besser auf die Corona-Pandemie zu reagieren und den Mangel an staatlichen Reaktionsmaßnahmen zu kompensieren.

Wir untersuchen Initiativen, die sich auf kollektive Intelligenz stützen, um zu verstehen, welche Rolle die Zivilgesellschaft und die digitale Technologie bei der Abfederung von Auswirkungen der Pandemie spielen. Wir versuchen zu verstehen, wie „citizen sourcing“ oder „civic crowdsourcing“ zu relevanten Problemlösungs- und Entscheidungsfindungsinstrumenten in Demokratien werden können, insbesondere in solchen, die durch geringe staatliche Kapazitäten, große soziale Ungleichheit und Populismus gefährdet sind.

Aktuell sind wir dabei, Technologien der kollektiven Intelligenz zu ermitteln und zu analysieren, die entwickelt wurden, um den unmittelbaren Bedarf gefährdeter Bevölkerungsgruppen und Stadtbezirke zu decken und eine Vielzahl sozialer Probleme im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie anzugehen, wie z. B. Unterernährung, Arbeitslosigkeit, genderbasierte und rassistische Diskriminierung und Falschinformation.

Wir arbeiten an einer Fallstudie über die brasilianische Stadt Rio de Janeiro während der ersten 18 Monate des Corona-Ausbruchs. Rio de Janeiro zeichnet sich durch geringe staatliche Kapazitäten, große soziale Ungleichheit und eine starke Zivilgesellschaft aus und ist zudem ein Hotspot mit einer hohen Sterblichkeitsrate während der Pandemie. Wir wollen bewerten, wie erfolgreich die Initiativen der kollektiven Intelligenz bei der Bewältigung der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie in Rio de Janeiro waren und inwieweit sie in die Maßnahmen der lokalen Regierung eingeflossen sind.

2) Kollektive Intelligenz gegen Falschinformation bei den Wahlen in Brasilien 2022

Die zweite Phase des Projekts wird sich darauf konzentrieren, wie kollektive Intelligenz der politischen Nutzung von Desinformation und Fehlinformation entgegenwirken kann, die oft in Zusammenhang mit populistischen Politiker:innen steht. Es gibt eine wachsende Zahl von zivilgesellschaftlichen Organisationen und Initiativen, die kollektive Intelligenz nutzen, um verifiziertes Wissen zu generieren, Informationen zu überprüfen, Falschinformationen zu erkennen, verlässliche Daten zu sammeln und zu veröffentlichen und Gegenargumente zu produzieren, um Fake News zu entlarven.

Wir werden die Wahlen in Brasilien im Jahr 2022 untersuchen, um zu verstehen, welche Rolle die Technologien der kollektiven Intelligenz im Kampf gegen Desinformation und Falschinformation spielen. Wir wollen untersuchen, welches Potenzial sie haben, um die Verantwortlichkeit zu erhöhen, indem wir verifizierte Informationen und zuverlässige Daten generieren.

Wir werden ein Umfrageexperiment durchführen, um die Wirksamkeit von Initiativen der kollektiven Intelligenz zur Bekämpfung von Desinformation während des Wahlkampfes zu messen. Wir wollen verstehen, inwieweit sie die Wahrnehmung der Wähler:innen von irreführenden Informationen, die in den Monaten vor den Präsidentschaftswahlen in den sozialen Medien kursieren, beeinflussen (und korrigieren) können.

Eine Kooperation von University of Oxford und WZB

Leitung
Thamy Pogrebinschi (WZB)
Mariana Borges Martins da Silva (Oxford)

 

Forschungsassistentin

Maria Dominguez


Förderung: WZB
Laufzeit: Juli 2021 bis Dezember 2022

Weiterführende Literatur

Pogrebinschi, Thamy (2020): Might social intelligence save Latin America from its governments in times of Covid-19?, OpenDemocracy