Holocaust Mahnmal
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Wie kulturelle Darstellungen des Holocaust Menschen zum Handeln motivieren und Vorurteile abbauen

Erinnerung fördert moralisches Engagement

Der Holocaust steht seit langem im Mittelpunkt der nationalen Aufarbeitung der gewalttätigen Vergangenheit Deutschlands. Von Schullehrplänen bis hin zu Gedenkstätten und Museen werden die Deutschen häufig an die Verbrechen des Nationalsozialismus und die Notwendigkeit erinnert, solche Gräueltaten zu verhindern. Eine neue Studie von WZB-Forscherin Berenike Firestone (WZB), Ruth Ditlmann und Oguzhan Turkoglu (Hertie School) zeigt, dass diese Darstellungen des Holocaust positive Auswirkungen haben: Sie verringern die sogenannte Holocaust-Müdigkeit (den Wunsch „einen Schlussstrich zu ziehen“ und weiterzumachen), verbessern die Einstellung gegenüber Jüdinnen*Juden und Geflüchteten und steigern in einigen Fällen die Motivation, sich an kollektiven Aktionen zu beteiligen. 

Anhand einer repräsentativen Stichprobe von mehr als 2.000 Erwachsenen in Deutschland untersuchten die Forschenden in einer randomisierten Online-Studie, ob drei gängige Darstellungsweisen des Holocaust Menschen dazu motivieren können, der Opfer zu gedenken, sich gegen Antisemitismus zu engagieren und marginalisierte Gruppen positiver zu sehen. Die Befragten wurden nach dem Zufallsprinzip ausgewählt, um einen von drei kurzen Texten zu lesen, die aus Websites von Museen und Gedenkstätten adaptiert wurden. Ein Text war eine persönliche Geschichte über ein Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung (persönliche Geschichte), ein Text handelte von den Bemühungen, die Erinnerung an die Opfer durch die Dokumentation und Bewahrung des ihnen zugefügten Unrechts lebendig zu halten (symbolische Gerechtigkeit), und ein Text befasste sich mit dem schieren Ausmaß der Gräueltaten und der Straffreiheit, die die überwiegende Mehrheit der Täter genoss (keine Gerechtigkeit). 

Die Forschenden stellten fest, dass alle drei Darstellungen des Holocaust insgesamt positive Auswirkungen hatten. Jede von ihnen verringerte die Holocaust-Müdigkeit (den Aufruf, „einen Schlussstrich zu ziehen“ und weiterzumachen) und verbesserte die Einstellung gegenüber Jüdinnen*Juden und Geflüchteten. Zwei von ihnen – die Texte über symbolische Gerechtigkeit und keine Gerechtigkeit – verstärkten auch die Absicht, sich für das Gedenken und die Bekämpfung von Antisemitismus zu engagieren.

Die Autor*innen untersuchten weiter, ob bestimmte Darstellungen für manche Menschen wirksamer sind als für andere. Sie stellten dabei auffällige Unterschiede je nach politischer Zugehörigkeit fest. Bei Anhängern der extremen Rechten steigerte die persönliche Geschichte ihre Motivation, der Opfer zu gedenken, gegen Antisemitismus vorzugehen, und verbesserte ihre Einstellung gegenüber Flüchtlingen. Im Gegensatz dazu zeigten die Befragten der extremen Rechten kaum eine Reaktion auf die Texte zur symbolischen Gerechtigkeit und zur Ungerechtigkeit, weder positiv noch negativ. Bei Anhänger*innen anderer Parteien war das Muster umgekehrt: Die persönliche Geschichte wirkte weniger aktivierend, während die Darstellungen der symbolischen Gerechtigkeit und der Nicht-Gerechtigkeit eine stärkere Motivation zum Handeln hervorriefen. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass unterschiedliche Darstellungen bei unterschiedlichen Zielgruppen Anklang finden. Dennoch zeigen Anhänger*innen der extremen Rechten im Durchschnitt ein deutlich geringeres Maß an Unterstützung für diese Anliegen.

In einer Zeit, in der Polarisierung und Geschichtsrevisionismus zunehmen, liefert die Studie empirische Belege dafür, dass Erinnerung immer noch moralisches Engagement wecken kann. Ob durch die persönlichen Geschichten der Opfer, durch das Wissen um die Bemühungen, ihre Erinnerung lebendig zu halten, oder durch die erschreckenden Zahlen derjenigen, die nie zur Rechenschaft gezogen wurden – die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bleibt ein wirksames Mittel, um Gerechtigkeit in der Gegenwart zu motivieren.

07/11/25, MP