Ganz die Eltern – oder ganz anders
Beim Geburtenverhalten ähneln viele Kinder ihren Eltern. Sie bekommen genau oder fast so viele Kinder in einem ähnlichen Alter wie ihre Eltern, vorausgesetzt sie leben in demokratischen Gesellschaften. Anders verhält es sich in totalitären Regimen. Hier werden Muster der Familiengründung nicht einfach von einer auf die andere Generation vererbt. Diese Erkenntnisse werden jetzt durch eine neue Studie der WZB-Forscherin Anette Fasang gestützt, die erstmals systematisch das Geburtenverhalten in Ost- und Westdeutschland untersucht hat.
Die Soziologin verglich das Geburtenverhalten von Kindern, die zwischen 1944 und 1966 geboren wurden, mit dem ihrer zwischen 1907 und 1942 geborenen Eltern in Ost- und Westdeutschland. In Westdeutschland zeigte sich wie erwartet eine große Ähnlichkeit zwischen den Generationen. Besonders in kleinen und großen Familien übernahmen die Kinder das Geburtenverhalten der Eltern und bekamen nahezu so viele Kinder. Diese intergenerationale Kontinuität wurde in der DDR bzw. Ostdeutschland durchbrochen – die Herkunftsfamilie lässt hier keine Vorhersage auf das Geburtenverhalten der Kinder zu.
Illustrieren lässt sich das am Effekt der Geschwisterzahl. Wer in Westdeutschland mit vielen Geschwistern aufgewachsen ist, ist eher geneigt, überhaupt Kinder zu bekommen und zudem sehr viele Kinder. Dieser Zusammenhang ist für die untersuchten Jahrgänge in Ostdeutschland nicht nachzuweisen. Hier ist für die untersuchten Geburtsjahrgänge die Zwei-Kind-Familie die Norm, unabhängig von der Anzahl der Geschwister.
Anette Fasang wertete Daten von 5.700 Personen aus, die im Rahmen des Nationalen Bildungspanel erhoben wurden, einer Langzeitbefragung zu Bildungs- und Lebensverläufen. Zum Zeitpunkt der letzten Befragung im Jahr 2011/12 waren die Interviewten mindestens 45 Jahre. Deshalb kann man davon ausgehen, dass die aktive Familiengründung zu diesem Zeitpunkt weitestgehend abgeschlossen war.
"Das Wissen um Muster der Familiengründung liefert wichtige Erkenntnisse über das zukünftige Bevölkerungswachstum", erklärt Anette Fasang. Ob die intergenerationale Kontinuität in Ostdeutschland nur für die untersuchten Jahrgänge ausgehebelt wurde und sich die Nachwende-Generation an das westdeutsche Muster angleichen werde, sei für die Forschung eine interessante Frage.
Die Studie ist jetzt online first in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie unter dem Titel Intergenerationale Fertilitätstransmission in Ost- und Westdeutschland erschienen.
Anette Fasang ist Professorin für Mikrosoziologie an der Humboldt-Universität Berlin und leitet am WZB die Forschungsgruppe Demografie und Ungleichheit.