Bundestag in der Glaskugel
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Studie fragt nach Definitionen hinter politischen Haltungen

Sieht aus wie Demokratie

Die größte Sorge um die Zukunft der Demokratie äußern jene Befragten, die zugleich eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür angeben, die Partei AfD zu wählen. Dieser Befund stammt aus einer Studie von Vanessa Boese-Schlosser, Daniel Meißner und Daniel Ziblatt, die jetzt als WZB Discussion Paper veröffentlicht wurde. In einer repräsentativen Online-Befragung haben die Forschenden im Dezember 2023 knapp 3.400 Personen in Deutschland zu ihren politischen Haltungen befragt. Die analytische Besonderheit: Es wurde nicht nur nach der Einstellung zur Demokratie gefragt, sondern auch danach, wie die Einzelnen Demokratie definieren. 

Hier liegt der Schlüssel zum hohen Wert für Sorge um die Demokratie unter den AfD-Anhängern: Unter der Überschrift „Demokratie“ vertritt diese Gruppe stärker den Vorrang des Mehrheitswillens gegenüber Minderheitenrechten und direkte Responsivität politischer Repräsentant*innen. „Das sind Elemente, die zwar im Namen der Demokratie vorgebracht werden, aber in Spannung zu den liberalen Grundsätzen der deutschen Verfassungsordnung stehen können“, erklärt Co-Autor Daniel Meißner. Diese Grundsätze – etwa Minderheitenschutz, politischer Pluralismus und das freie Mandat von Abgeordneten – tauchen eher im Demokratieverständnis anderer Befragtengruppen auf. 

Die Einstellungen zur Demokratie („democratic attachment“) wurde auf drei Ebenen gemessen: der normativen Ebene (wie wichtig ist den Befragten die Demokratie?), der evaluativen Ebene (für wie demokratisch halten sie Deutschland aktuell?) und der affektiven Ebene (wie groß ist die Sorge um die Zukunft der Demokratie?). Gefragt wurde außerdem nach der Nähe zu im Bundestag vertretenen Parteien. Die Wichtigkeit der Demokratie ist bei allen Gruppen ungefähr gleich hoch. In den anderen beiden Dimensionen aber unterscheiden sich die AfD-Anhänger*innen deutlich von allen anderen Befragten: Diese Gruppe bewertet Deutschland als deutlich weniger demokratisch (33,9 von 100 Punkten gegenüber 62,6 bei den anderen). Und der Wert für die Sorge liegt bei 6,05 auf der 7-stufigen Skala, im Vergleich zu 4,96 bei den anderen Befragten. 

Diese Werte könnten leicht missverstanden werden, wenn die hohen Werte für Unzufriedenheit mit dem Status quo und Sorge um die Zukunft als Ausdruck demokratischen Engagements gelesen werden. Die zweigleisige Herangehensweise der Studie trägt dazu bei, solche Interpretationen einzuordnen. Wenn nämlich zugleich erhoben wird, wie die Befragten Demokratie definieren, wird deutlich, dass das Demokratieverständnis von AfD-Zugeneigten oft in Spannung steht zu Grundprinzipien der liberalen Demokratie. Die Angehörigen dieser Gruppe mögen sich für Demokratie aussprechen und starkmachen – dahinter verbirgt sich aber die Unterstützung autoritär-populistischer Tendenzen. Für politische Akteure, die ein solches Demokratiebild propagieren, werden Sorge und Enttäuschung zum Hebel für Mobilisierung. 

Mit ihrer analytischen Mehrschichtigkeit trägt die Studie wesentlich zur Entschlüsselung der politischen Rhetorik bei. Sie macht sichtbar, wo sich unter dem Deckmantel demokratischer Begrifflichkeit illiberale Interpretationen ausbreiten. „Demokratische Resilienz braucht den öffentlichen Diskurs darüber, was Demokratie überhaupt ist“, betont Co-Autorin Vanessa Boese-Schlosser. „Gerade in Deutschland muss immer wieder deutlich gemacht werden, dass liberal-demokratische Kontrollmechanismen nicht etwa dem Volkswillen entgegenstehen, sondern als Gegengewicht zum ungebremsten Mehrheitsprinzip eingesetzt wurden.“ 

30.04.2026, GaK / MP