Was vom „Sommer der Migration“ bleibt

Im Sommer 2015 engagierten sich in Deutschland rund vier Millionen Menschen spontan für Geflüchtete – ein beispielloser Moment zivilgesellschaftlicher Mobilisierung. Ähnliche Phasen kurzfristigen Engagements gab es auch in späteren Krisen, etwa nach der Flutkatastrophe im Ahrtal oder bei den jüngsten Protesten gegen Rechtsextremismus. Doch was bleibt, wenn die akute Krise vorbei ist?

Clara van den Berg (WZB und Freie Universität Berlin) ist in ihrer jetzt veröffentlichten Dissertation der Frage nachgegangen, unter welchen Bedingungen sich aus spontanen Hilfsgemeinschaften langfristig tragfähige, ehrenamtliche Communities entwickeln. Am Beispiel der Geflüchtetenhilfe von 2015 identifiziert sie drei zentrale Faktoren für nachhaltige Wirkung:

1.  Lokale Schlüsselpersonen („Broker“) als Vernetzer*innen

Einzelne engagierte Personen übernehmen häufig eine zentrale Rolle, indem sie Brücken zwischen Initiativen, Vereinen, Wohlfahrtsverbänden und Kommunalverwaltung schlagen. Sie schaffen formelle und informelle Räume der Zusammenarbeit und halten die Netzwerke zusammen.

2.  Sensibilität für unterschiedliche Organisationskulturen

Erfolgreiche Kooperationen entstehen dort, wo Unterschiede zwischen hauptamtlich geführten Einrichtungen und ehrenamtlichen Initiativen nicht als Hürde, sondern als Ressource verstanden werden. Verständnis für Arbeitsweisen, Entscheidungsprozesse und Werte ist essenziell.

3.  Vertrauensvolle, langfristige Zusammenarbeit mit Kommunen

Kommunalverwaltungen spielen eine Schlüsselrolle bei der institutionellen Unterstützung zivilgesellschaftlicher Strukturen – etwa durch Raumangebote, partizipative Formate wie Migrationsräte oder finanzielle Förderung. Solche Kooperationen müssen auf gegenseitigem Respekt und Offenheit fußen, um dauerhaft tragfähig zu sein.

Die Studie zeigt: Zivilgesellschaftliches Engagement ist mehr als ein kurzfristiges Aufbäumen in der Krise. Es kann Strukturen und soziales Kapital hervorbringen, die über Jahre hinweg Bestand haben – und somit einen bedeutenden Beitrag zur demokratischen Resilienz leisten.

Die Ergebnisse, für auf der Grundlage von Interviews, Beobachtungen und Dokumentenanalysen basieren, liefern auch Impulse für politische Entscheidungsträger*innen: Förderprogramme sollten gezielt auf die Stärkung von Broker-Rollen, auf Weiterbildungsangebote zur Konfliktlösung und auf niedrigschwellige Finanzierungsmöglichkeiten für kleine Initiativen ausgerichtet sein.

Gerade vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen zeigt Clara van den Berg, wie wichtig es ist, Mobilisierungen nicht nur zu ermöglichen, sondern auch strukturell zu begleiten – damit aus kurzfristigem Engagement langfristige Gemeinschaft wird.

11.8.25, EHA, kes