Greifswalder Moorkarte
Greifswald Moor Centrum

„De-Karbonisierung“ plus „Re-Naturierung“

Ein Plädoyer für eine Doppelstrategie der Klimapolitik

Von Udo E. Simonis

In der Klimawissenschaft wie in der Klimapolitik haben sich Gruppen gebildet, die nicht miteinander kommunizieren, sondern sich eher voneinander abschotten. Im Ergebnis werden der technische Weg zum Klimaschutz – die „De-Karbonisierung“ von Wirtschaft und Gesellschaft – und der natürliche Weg – die „Re-Naturierung“ – von Wissenschaftlern wie von Politikern nicht als zwei Wege zum gleichen Ziel gesehen, obwohl es viele gute Gründe für eine solche Doppelstrategie gibt.

Die von der „Fridays for Future“-Bewegung beflügelte Suche nach einer neuartigen globalen Klimapolitik (nature-based solutions) bestätigt diese Denkblockade. So hat die deutsche Regierung im Frühjahr 2019 zwar ein sogenanntes „Klima-Kabinett“ ins Leben gerufen, dem aber das Außenministerium und das Entwicklungshilfeministerium nicht angehören. Im Juli 2019 hat das Bundesumweltministerium (BMU) drei wissenschaftliche Gutachten zur Reform der Klimapolitik entgegengenommen, in denen der natürliche Weg zum Klimaschutz aber nicht explizit behandelt wird. In einem dieser Gutachten heißt es zwar, dass die Klimapolitik eine grundlegende Neuausrichtung benötige, weil die Unzufriedenheit mit dem unzureichenden klimapolitischen Fortschritt in weiten Teilen der Gesellschaft wachse. Daraus wird aber nur gefolgert, dass im Zentrum dieser Neuausrichtung eine umfassende Bepreisung der CO2-Emissionen stehen müsse. Im Oktober 2021 wurde dann ein „Sondierungspapier“ der drei Parteien, die die nächste Bundesregierung bilden wollen, vorgestellt. Es enthält ein Kapitel zur Klimapolitik, doch der Begriff Natur beziehungsweise Re-Naturierung taucht darin nicht auf – ein weiteres trauriges Beispiel von Naturvergessenheit.

Der entscheidende Grund für diese partielle Blindheit von Theorie und Praxis dürfte darin bestehen, dass die bisherige Strategie der Klimapolitik völlig auf „Emissionsminderung“ fokussiert ist. Dies ist zwar wichtig, weil es ja in weiter Zukunft um CO2-Null-Emission von Wirtschaft und Gesellschaft gehen muss – doch wo bleiben bei dieser Sicht der Dinge die Möglichkeiten der Natur? Der Wald, die Moore, die Meere, die Park- und Weideflächen und andere Feuchtgebiete haben eine enorme ökologische Kapazität – die der Absorption (der Speicherung) von Treibhausgasen; sie nehmen große Mengen an Kohlendioxid (und anderen Gasen) auf und wandeln sie in der Photosynthese in Sauerstoff um. Neben der technischen Emissionsminderung in allen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Sektoren müsste es also bei einer grundlegenden Neuausrichtung der Klimapolitik auch um eine umfassende natur-basierte Absorptionserhöhung gehen.

Im Folgenden zwei wichtige Beispiele hierzu, das erste betrifft den Wald. Angesichts des schon erreichten Klimawandels, mit Erderwärmung, Trockenheit und Ausbreitung des Borkenkäfers muss es zunächst um qualitativen Waldumbau gehen. Darüber hinaus ist aber massive Waldmehrung (Aufforstung und Wiederaufforstung) angesagt. Das Crowther Lab der ETH Zürich hat mit einer global angelegten Computer-Simulation aufgezeigt, dass dies grundsätzlich möglich ist. Der global vorhandene Waldbestand könnte ohne größere Flächenkonflikte (wie Ernährung oder Siedlung) um 0,9 Milliarden Hektar auf insgesamt 4,4 Milliarden Hektar aufgestockt werden. Wo das größte Potenzial einer solchen Re-Naturierung des Planeten Erde mit mehr als 500 Milliarden zusätzlichen Bäumen liegen könnte, wird in der Studie unter Beachtung topografischer Merkmale nach Ländern und Regionen sorgfältig eingeschätzt.

Es handelt sich bei diesem Vorschlag im Grunde um die Wiederentdeckung und zugleich Neudefinition der Wald-Option der Klimapolitik. Vor mehr als 20 Jahren hatten 80 deutschsprachige Professoren und Praktiker ein Manifest zu einer klimapolitischen Option veröffentlicht, die ergriffen werden sollte, um den CO2-Anstieg in der Atmosphäre zu absorbieren und der Wirtschaft und Gesellschaft Zeit und Gelegenheit für eine emissionsfreie Produktion und emissionsarme Lebensweisen zu geben. Sie nannten es die Wald- und Holzoption. Dieses Manifest zielte auf mehrere strategische Komponenten: Kohlenstoffbindung durch verbesserten Waldschutz und neu zu schaffendem Wald; Emissionsminderung bei Ersatz fossiler Energieträger durch Holz; Emissionsminderung bei Ersatz energieaufwendiger Materialien (wie Zement und Stahl) durch Holz.

Das zweite Beispiel betrifft die Moore. Obwohl Moore nunmehr nur noch etwa 3 Prozent der globalen Landfläche einnehmen, binden sie etwa ein Drittel des terrestrischen Kohlenstoffs – doppelt so viel wie die Wälder der Welt. In Deutschland bedeckten Moore ursprünglich mit rund 1,5 Millionen Hektar gut 4,2 Prozent der Landesfläche; heute sind sie zu etwa 90 Prozent entwässert, abgetorft, bebaut oder land- und forstwirtschaftlich genutzt. Angesichts ihrer hohen Klimarelevanz sollte die „Moor-Option“ daher unbedingt wiederentdeckt und reaktiviert werden, der Erhalt intakter Moore ebenso wie ihre rasche Wiedervernässung. Ein Hektar von intaktem Moor kann bis zu sechsmal mehr Kohlenstoff speichern wie ein Hektar Wald. „Moor muss nass“ ist der animierende Slogan dieser Art der Re-Naturierung.

Wie lässt sich auf dieser (hier etwas verkürzten) Basis die erforderliche Doppelstrategie der zukünftigen Klimapolitik näher begründen, welche die De-Karbonisierung von Wirtschaft und Gesellschaft und die Re-Naturierung integriert und zu einem allgemeingültigen politischen Postulat macht? Drei Argumente dürften hierfür wichtig sein.

(1) Machbarkeit und Realisierungschancen: Die Minderung der laufenden CO2-Emissionen und die Absorption der zu hohen CO2-Konzentration in der Atmosphäre sollten parallel angegangen werden. Mit technischen Maßnahmen allein lässt sich das Ziel des Paris-Abkommens nicht erreichen, zumal die De-Karbonisierung einiger Sektoren (wie Zement, Stahl, Düngemittel) äußerst schwierig bzw. unmöglich ist.

(2) Gerechtigkeit und internationale Kooperation: Der Großteil der akkumulierten und der laufenden globalen CO2-Emissionen stammt aus den Industrieländern, die nach Prinzipien der internationalen und intergenerativen Gerechtigkeit die größten Reduktions- und Absorptionspflichten haben. Der Großteil der zu erhaltenden wie der zu mehrenden CO2-Speicher aber liegt in den Schwellen- und Entwicklungsländern. Deshalb verspricht nur internationale Kooperation höchstmögliche Beiträge zum Klimaschutz.

(3) Multiple Effekte und intersektorale Synergien: Die De-Karbonisierung zielt primär auf betriebswirtschaftliche Effizienzsteigerung, führt aber nur bei einem „Ressourcenwechsel“ auf Erneuerbare Energien zu wichtigen multiplen Effekten (wie Arbeitsmarkt, Regionalökonomie, Armutsreduzierung, usw.). Die Re-Naturierung dagegen hat per se multiple Effekte und führt zu vielfältigen intersektoralen Synergien (wie Wasserschutz, Ernährungssicherung, Erhöhung der Holzquote im Bauwesen usw.).  

Wie aber steht es um die Frage der notwendigen Doppelstrategie von De-Karbonisierung und Re-Naturierung in der nationalen und internationalen Klimapolitikdebatte? Zur umfassenden Beantwortung dieser Frage müssten viele wissenschaftliche Studien und politische Dokumente referiert werden; an dieser Stelle muss ich mich auf einige wenige beschränken.

Kurze Geschichte der Klimapolitikdebatte

Die UN-Klimarahmenkonvention (1994) ist ein völkerrechtlich verbindlicher Vertrag, der nach heftigen Debatten und vielen Umwegen 2015 vielversprechend im Paris-Abkommen konkretisiert wurde. Noch 1993 hatte sich ein strategischer Konsens abgezeichnet, wonach im Rahmen dieser Konvention nicht nur ein Umsetzungsprotokoll, sondern deren zwei formuliert werden sollten: ein Energieprotokoll und ein Waldprotokoll. Dazu kam es aber leider nicht.

Der dritte Sachstandsbericht des Welt-Klimarats (IPCC 2001) gab einen ersten Überblick zum Stand der Wissenschaft über den Klimawandel (WG I), die Notwendigkeiten der Anpassung an diesen Wandel (WG II) und die Möglichkeiten zur Begrenzung des Klimawandels (WG III). Die natur-bezogenen Aussagen dieses Berichts waren aber eher dürftig. Man war zwar skeptisch geworden bezüglich der erfolgreichen Umsetzung der technischen De-Karbonisierung, reflektierte aber nicht hinreichend die Rolle, die der Re-Naturierung zukommen könnte.

Diese pessimistische Sicht des natürlichen Absorptionspotenzials der Wälder, der Moore und anderer Land- und Wasserflächen änderte sich in einem geringen Ausmaß mit dem im Jahr 2019 vorgelegten Sonderbericht des IPCC über die Rolle der Land- und Forstwirtschaft beim Klimawandel. Nur wenige Monate nach einem Weckruf des Welt-Biodiversitätsrates hatten auch beim Welt-Klimarat die Alarmglocken geschrillt: Das Ausmaß der Naturzerstörung sei bereits so groß, dass die Wälder und andere Böden es nicht mehr schafften, das CO2 hinreichend zu binden. Erstmals hieß es: „Der umsichtige Umgang mit ‚Mutter Erde‘ ist oberstes Gebot“. Das IPCC wolle nicht nur die Politiker aufrütteln, sondern auch die öffentliche Meinung beeinflussen. Die Vermutung ist jedoch nicht von der Hand zu weisen, dass es gerade umgekehrt war: Die öffentliche Meinung hatte die Sicht des Welt-Klimarates verändert - ein Beispiel des globalen „Greta-Effekts“?

Ein Sondergutachten des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen (WBGU) hatte schon im Jahr 2003 „... die Grenze, ab der die Schäden am globalen Naturerbe nicht mehr hinnehmbar sind, im Bereich von 2°C globaler Erwärmung gegenüber vor-industriellen Werten“ gesehen. Vorausschauend wurde daraus gefolgert, dass zur Absicherung eine CO2-Konzentration in der Atmosphäre unterhalb von 450 ppm angestrebt werden solle und hierzu bis zum Jahr 2050 eine Minderung der globalen CO2-Emissionen von 45 bis 60 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 angestrebt werden müsse. Die erforderlichen Maßnahmen zur Emissionsminderung sah der WBGU damals aber nur auf drei Gebieten: verstärkte Energieeinsparung; Einsatz erneuerbarer Energien und kohlenstoffarmer Technologien; geologische CO2-Speicherung. Auch hier: keine Forderung nach einer „natur-basierten Strategie“.

Sehr spät (zu spät) konzedierte der WBGU, dass die terrestrische Biosphäre im globalen Kohlenstoffkreislauf eine große Rolle spielt: „Naturnahe Wälder, Feuchtgebiete und Grasland sind wichtige Speicher für Kohlenstoff, solange sie nicht gerodet, entwässert oder umgepflügt werden.“ Der WBGU empfahl dann die Vereinbarung eines „Protokolls zur Erhaltung der Kohlenstoffvorräte terrestrischer Ökosysteme“, grundlegende Fragen blieben aber weiterhin unbeantwortet:

  • Wie kommt es, dass – physikalisch – nur über die Erhaltung, nicht aber über die Mehrung der Kohlenstoffspeicher terrestrischer Ökosysteme räsoniert wird?

  • Wie kommt es, dass – politisch – ein weiteres zwischenstaatliches Protokoll vorgeschlagen wird, statt vor allem und zuerst die Umsetzung der bestehenden Konventionen einzufordern?

Immerhin, der Vorschlag des WBGU berührte die fehlerhafte Logik der globalen Umweltpolitik: Auf der Rio-Konferenz (UNCED 1992) hatte man sich zwar auf die Themen Klima, Biodiversität und Desertifikation mit entsprechenden Verträgen einigen können, nicht aber auf eine Wald-Konvention. Die seitherigen Versuche zur Institutionalisierung einer internationalen Waldpolitik sind, man kann es nicht anders sagen, eine Geschichte des Misserfolgs. In Assoziation zum letzten United Nations Forum on Forests (UNFF) 2001-2005: UNFFinished business. Die Weltklimakonferenz in Glasgow 2021 hat diesen Konstruktionsfehler nicht beseitigt. Die Erklärung von 105 Staaten, die Entwaldung bis zum Jahr 2030 stoppen zu wollen, ist eine Notmaßnahme, keine vorwärts gerichtete Strategie zur Mehrung und Verbesserung der Wälder. Und es ist nicht einmal eine überzeugende Maßnahme: Das Mindeste hätte ja sein müssen, die großflächige Rodung sofort zu stoppen. Der Handlungsdruck beim Waldverlust ist entsprechend enorm. Während die Corona-Pandemie zu vielfältigen Mobilitätseinschränkungen führte, liefen die Kettensägen in den Wäldern auf Hochtouren: Im Jahr 2020 gingen weltweit etwa 12,2 Millionen Hektar Waldfläche verloren, 4,2 Millionen Hektar tropischer Primärwälder wurden gerodet, eine Fläche so groß wie die Schweiz.

Um den globalen Wald ist es also weiterhin sehr schlecht bestellt. Nicht viel besser steht es um die möglichen sonstigen natur-basierten Maßnahmen, wie Wiedervernässung der Moore, Schutz der Meere, Aktivierung der Stadtnatur u. a. m. Immerhin, hierüber wird inzwischen eifrig geforscht. Eine globale Institutionalisierung natur-basierter Strategien ist aber noch nicht in Sicht; in Glasgow war sie  nicht einmal Teil der allgemeinen Diskussion.  

Natur-basierte Strategien aktivieren

Wie aber sieht die Lage auf der nationalen Ebene aus? Ergibt sich beispielsweise in Deutschland ein hoffnungsvolleres Szenario für die Wald- und die Moor-Option – um die zwei Themen noch einmal aufzugreifen? Hier gilt es zunächst an eine Initiative von 2004 zu erinnern. Das „Nationale Waldprogramm“ war Ergebnis eines längeren Verständigungsprozesses darüber, wie Waldbewirtschaftung aussehen sollte, die den forstlichen Ansprüchen Rechnung trägt und den internationalen Vereinbarungen zur Nachhaltigkeit entspricht. Zur Formulierung einer effektiven nationalen Waldpolitik hat dies aber nicht geführt. Die konstitutive Schwäche der Wald-Option im deutschen Regierungssystem ist seither eklatant. In der „Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie“ findet sich jedoch ein Text, der zumindest neugierig macht: „Wald, ein neuer Schwerpunkt für die nationale Nachhaltigkeitsstrategie“. In Annäherung an die Definition der Wald-Option wurden auch zwei politische Postulate formuliert: Wald- und Holzwirtschaft müssen der Klimavorsorge dienen; die deutsche Waldwirtschaft muss mehr internationale Verantwortung übernehmen.

In den Wäldern Deutschlands sind nach Auswertung der jüngsten Kohlenstoffinventur rund 1,23 Milliarden Tonnen Kohlenstoff gespeichert; hinzu kommen rund 34 Millionen Tonnen Kohlenstoff im sogenannten Totholz. Die deutschen Wälder haben die Atmosphäre zuletzt jährlich um mehr als 62 Millionen Tonnen CO2 entlastet. Bei nachhaltiger Bewirtschaftung kann Holz dem Wald-Speicher klimaneutral entnommen und zu Produkten (auch zu Hochhäusern) verarbeitet werden. Eine strategische Größe hierbei ist die sogenannte Holzquote, der Anteil von Holz an der Gesamtsubstanz von Hausbauten. Diese Quote lag in Deutschland bei der letzten Erhebung allerdings gerade mal bei 14 Prozent, in den Niederlanden dagegen bei 33 Prozent – und in den skandinavischen Ländern bei mehr als 50 Prozent! Nach Auffassung des Rates für nachhaltige Entwicklung (RNE) hat Deutschland einen nicht unerheblichen Einfluss darauf, wie Wälder in anderen Teilen der Welt bewirtschaftet werden. Der Rat hat bisher aber noch nicht gesagt, wie und wo das am besten geschehen sollte.

Was die Moor-Option angeht, gibt es für Deutschland noch keine koordinierte Strategie, jedoch eine Reihe von Studien zur Entwicklung einer solchen. Mit der Vergabe des Deutschen Umweltpreises 2021 ist dazu ein wichtiges Signal gesendet worden: „Moorschutz ist der beste Klimaschutz“. Zu nennen sind hier aber auch und vor allem die konzeptionellen und praktischen Möglichkeiten auf Landesebene.

Ein Beispiel: Schleswig-Holstein ist das wald-ärmste und zugleich das moor-reichste Bundesland. Die Versuche der Regierung zur großflächigen Waldmehrung scheiterten in den letzten Jahrzehnten an internen Querelen und der Agrar-Lobby. Sehr erfolgreich ist dagegen seit Juni 2020 die Initiative eines privaten Tankstellen-Unternehmens, auf Spendenbasis pro Liter verkauften Kraftstoffs Wald mit regionaltypischen Baumarten aufzubauen (siehe „WillerWald“). Was die Moore des Landes angeht, sind aus ehemaligen CO2-Speichern über die Zeit CO2-Emittenten geworden: auf 16.000 Hektar entwässerter Moore entfallen inzwischen nahezu 18 Prozent der Treibhausgasemissionen des Landes. Was tun? Der Naturschutzverband hat die Regierung zur Moorerhaltung aufgefordert, die positiven Funktionen der Moore zu reaktivieren und deren Emissionen in kürzester Zeit auf null zu bringen. Das ist gut gemeint, kommt allerdings viel zu spät, wenn man berücksichtigt, dass das Land inzwischen mehr als 100 Prozent seines eigenen Stromverbrauchs aus erneuerbaren Ressourcen erzielt – und damit klimapolitisch vermeintlich eine Spitzenstellung erreicht hat. Auch hier hätte von vornherein eine Doppelstrategie verfolgt werden sollen: Technik (Windkraft und Photovoltaik) und Natur (Waldmehrung und Moorerhaltung) hätten parallel laufen müssen.

Ein letztes Beispiel: Seit langem ist bekannt, dass Seegras wichtig ist für die Biodiversität an den Küsten. Das Kieler GEOMAR-Institut hat inzwischen ermittelt, wie Seegras dazu beitragen kann, Kohlenstoff langfristig zu speichern und so die Erderwärmung zu verlangsamen. Das Ergebnis: Ein Quadratmeter Seegraswiese speichert 30 bis 50 mal so viel Kohlenstoff wie ein Quadratmeter Wald. Wenn man in Schleswig-Holstein, in Deutschland, in Europa dieses Forschungsergebnis erkannt und in seinem potenziellen Wirkungsgrad verstanden hätte, wäre längst ein „Aufforstungsprogramm im Meer“ auf den Weg gebracht worden. Es weltweit in Praxis umzusetzen, das könnte in Zukunft sehr wichtig werden – zusammen mit der ganzen Palette anderer natur-basierter Projekte, die hier nicht behandelt werden konnten.

Schlussfolgerungen

Zum Schutz des Klimas gibt es nicht nur den technischen Weg, die „De-Karbonisierung“ von Wirtschaft und Gesellschaft; es gibt auch den natürlichen Weg, die vielseitige „Re-Naturierung“. Die ungleiche Beachtung, Bewertung und Anwendung dieser beiden zentralen Optionen in Theorie und Praxis der Klimapolitik haben unterschiedliche Gründe: solche informatorischer, konzeptioneller und interessengeleiteter Art – aber auch solche wie Einfallslosigkeit, Fantasieschwäche und Zukunftspessimismus.

Die Informationsbasis verbessern, neue Konzepte entwickeln, Machtblockaden überwinden, Interessen kommender Generationen (der Jugend) ernst nehmen, einfallsreicher und fantasievoller werden, animierende Zukunftsszenarien entwickeln – dies sind die allgemeinen Schlussfolgerungen für die erforderliche Doppelstrategie der zukünftigen Klimapolitik.

Die besonderen Schlussfolgerungen sind institutioneller Art. Es bedarf durchgreifender institutioneller Innovationen: auf der nationalen Ebene der Installation einer eigenständigen, integrierten Klimapolitik; auf der internationalen Ebene der expliziten Einbindung der Klima-Doppelstrategie in die weitere praktische Umsetzung des Paris-Abkommens.

 

Literatur

Altner, Günter: Naturvergessenheit. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1991.

Bastin, Jean-Francois et al.: „The Global Tree Restoration Potential“. In: Science, 2019, Jg. 365, H. 6448, S. 76-79.

„Die Wald- und Holz-Option – Ein Manifest“. In: Jahrbuch Ökologie 2000. München: C.H. Beck 1999, S. 281-285.

Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC): Climate Change and Land. Special Report, Geneva 2019.

Re-Naturierung. Gesellschaft im Einklang mit der Natur. Jahrbuch Ökologie 2015, Stuttgart: S. Hirzel 2014.

 

6.12.21

Bild
Portrait Foto Prof. Dr. Udo E. Simonis (Foto: Privat)
Foto: Privat

Udo E. Simonis ist emeritierter Professor der TU Berlin und war Forschungsprofessor für Umweltpolitik am WZB. Er arbeitet zur Weltumweltpolitik sowie dem ökologischen Strukturwandel von Wirtschaft und Gesellschaft.
 

Kurz gefasst

Beim Schutz des Klimas vor weiteren CO2-Emissionen könnte es grundsätzlich um zwei komplementäre Strategien gehen: um technisch-basierte und natur-basierte Strategien. Doch in Theorie und Praxis der Klimapolitik dominiert eindeutig erstere, in Form der Erneuerbaren Energien, obwohl es auch und zuerst um Energieeinsparung und Energieeffizienz gehen müsste. Bei den natur-basierten Strategien gilt ein gewisses Interesse der Wald-Option (Aufforstung und Wiederaufforstung), während andere große Speicherpotenziale (wie Moore, Meere, Seegraswiesen, Stadt-Natur) weitgehend vernachlässigt werden. In diesem Beitrag wird die Geschichte des damit entstandenen strategischen Politikdilemmas beispielhaft beschrieben.

Weiterschauen

Das Foto zeigt die Greifswalder Moorkarte des Moor Centrums Greifswald, die bei der Klimakonferenz in Glasgow vorgestellt wurde.