Land in Sicht - Podiumsdiskussion
Selbermachen, gemeinsam Gestalten, Anpacken? Über Politik im ländlichen Raum wird meist eher im Kontext von Politikverdrossenheit berichtet. Dass in einigen Städten der Bevölkerungsrückgang aufgehalten werden konnte und dass in politisches Engagement im ländlichen Raum besonders viele Frauen involviert sind, passt nicht in das Klischee des „demografischen Katastrophismus“, der Diskussionen über ländliche Räume derzeit beherrscht. So beschreibt es Andreas Willisch (Neulandgewinnen e.V.) auf der Podiumsdiskussion „Land in Sicht“, die am 28.11.2023 am WZB stattfand. Gemeinsam mit Matthias Lehmann (Bürgermeister der Stadt Neusalza-Spremberg), WZB-Forscherin Katja Salomo und Moderator Jan Ruhkopf (Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus) diskutierte er dort über Demokratiebildung, Zivilgesellschaft und die Zukunft der ländlichen Räume.
Ein zentraler Punkt des Gesprächs war die Verbesserung der ländlichen Infrastruktur. WZB-Forscherin Katja Salomo sieht in diesem Zusammenhang das Angebot einer mobilen Lebensmittelversorgung als notwendige Maßnahme, um die Daseinsvorsorge in ländlichen Räumen zu sichern. Denn diese sei gefährdet, besonders durch Leerstand und marode Infrastruktur. Der Verfall von Gebäuden und Infrastruktur wirken sich zudem nachweislich negativ auf das Wohlbefinden der Menschen aus. Hinzu kommt, dass die Bevölkerung im ländlichen Raum sich überdurchschnittlich stark aus älteren Menschen zusammensetzt, Männer sind dabei in der Mehrheit – die Folge einer „hoch selektiven Abwanderungswelle“. Junge Menschen und Frauen wanderten aus gutem Grund ab, so Salomo, weil sie keine Jobs für ihr Ausbildungsniveau finden. Dies hat wiederum viel mit Deindustrialisierung und langfristig fehlenden Investitionen zu tun. Das Modell der Leuchtturmförderung, das stark auf die Dynamik von Zentrum und Peripherie baut, verstärkt das Problem.
Die Art und Weise, wie in Deutschland Gelder verteilt werden, ist auch in den Augen von Andreas Willisch ein Hemmnis, das nicht nur den ländlichen Raum betrifft. Der Rückzug des Staates und Verwaltungsreformen in den letzten 30 Jahren hätten jedoch gerade dort dazu geführt, dass die Menschen aufs Selbermachen angewiesen sind. Es sei eine Repolitisierung im Alltag zu beobachten, die Vereine und Politik nutzen könnten, um Chancen für Mitgestaltung zu bieten. Hiervon berichtet auch der sächsische Bürgermeister Matthias Lehmann, der in einer „Spinnergruppe“ Ideen zur Steigerung der Attraktivität seiner Stadt Neusalza-Spremberg entwickelte: z.B. die Bekämpfung von Leerstand durch Bereitstellung von Fördermitteln für Baumaßnahmen oder die Wiederbelebung des verfallenen Bahnhofsgebäudes. An Orten wie Bahnhöfen, die verbindenden Charakter haben, müssten kulturellen Zentren und Treffpunkte geschaffen werden, betont Lehmann.
Über die engagierte Zivilgesellschaft im ländlichen Raum sollte mehr gesprochen und berichtet werden, darin sind sich die Diskutant*innen einig. Besonders deswegen, weil Rechtsextremisten sich vermehrt in ländlichen Regionen als Kümmerer inszenieren, Vereine gründen und das kulturelle Leben unterwandern. Sie suchen sich, so Salomo, dafür genau die Orte aus, an denen die Zivilgesellschaft weniger stark und vernetzt ist. Um politisches Engagement im ländlichen Raum also zu fördern, brauche es nicht nur Zeit und Geduld, um die Menschen mitzunehmen, sondern viel mehr Investitionen in öffentliche Infrastruktur – gerade in der sog. „Peripherie“.
Die Veranstaltung war der Auftakt für das Programm „Neulandsucher. Demokratiebildung in ländlichen Räumen“, für das die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Stiftung mit dem Verein Neulandgewinnen e.V. zusammenarbeitet.
07.12.2023 KK/MP