Zum 100. Todestag von Émile Durkheim Zum 100. Todestag von Émile Durkheim
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Nichtsein als Gegenstand der Forschung

Das Buchprojekt von Katharina Schwarz. Foto: Katharina Schwarz

Vor 100 Jahren, am 15. November 1917, starb Émile Durkheim. Der französische Soziologe etablierte zur Jahrhundertwende die Soziologie als Wissenschaft. Vor allem, wenn man sich für das Forschungsfeld der Suizidologie interessiert, führt kein Weg an Durkheim vorbei. Was Suizide über den Zustand einer Gesellschaft aussagen, war auch Thema eines gemeinsamen Projekts von Katharina Schwarz und Ellen von den Driesch im Visual Society Program (ViSoP).

Mit seinem 1897 publizierten Opus Magnum Le Suicide gilt Durkheim als Gründungsvater der soziologischen Suizidforschung. In Abgrenzung zu der Psychologie versteht er den Suizid als gesellschaftliches Problem, weshalb er versucht, die „sozialen Begleitumstände des Selbstmords“ zu identifizieren. Seiner Theorie des sozialen Todes zufolge beeinflusst das Maß der Integration und Regulation in einer Gesellschaft, ob ein Mensch Suizid begeht. Eine Balance aus den beiden Faktoren in einer Gesellschaft führt zu Harmonie bei Individuen und ihren Bedürfnissen und gilt als suizidhemmend. Suizidsteigernd wirken wiederum über- und unterregulierte Gemeinschaften. Obwohl die Theorie insbesondere aufgrund der ökologischen Fehlschlüsse kritisiert wurde, konnte sich kein anderer Ansatz für die Erklärung suizidalen Verhaltens in den Sozialwissenschaften in dem Umfang durchsetzen. Le Suicide gilt noch heute als Standardwerk.

Lassen sich Suizidstatistiken sensibel veranschaulichen?

Katharina Schwarz, Absolventin der Fachklasse Visuelle Systeme an der Universität der Künste Berlin, und Ellen von den Driesch, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Projektgruppe der Präsidentin, beschäftigten sich in einem gerade abgeschlossenen Projekt mit verschiedenen Faktoren, die Einfluss auf die Zahl der Suizide in einer Gesellschaft haben. Obwohl Gesundheit und Lebensqualität im wissenschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Diskurs immer wichtiger werden, hat die Diskussion über Suizid, der wie keine andere Todesursache Aufschluss über das hohe oder niedrige Wohlgefühl in einer Gesellschaft gibt, in den Sozialwissenschaften deutlich an Schärfe verloren. Weltweit sterben mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Mord, Krieg oder Aids. Als einer der Hauptgründe dafür, dass diese Tatsache kaum bekannt ist, gilt die Gefahr vor medial vermittelten Nachahmungssuiziden. Doch wie lassen sich dann Suizidstatistiken sensibel veranschaulichen?

Katharina Schwarz und Ellen von den Driesch gingen innerhalb des ViSoP-Programms der Frage nach, wie sich Suizidstatistiken in innovative Infografiken umsetzen lassen. Das Visual Society Program ist eine Kooperation des WZB und der Universität der Künste, die von Professor David Skopec inittiert wurde. Es zeichnet sich dadurch aus, dass Gestalter/-innen und Sozialwissenschaftler/-innen zusammenarbeiten und forschen. Das Ergebnis ihres Projekts, das Buch mit dem Titel Nichtsein. Über Suizide und mögliche Ursachen, ist zugleich das Masterprojekt von Katharina Schwarz. Mit jedem Suizid wird eine Lücke gerissen, die tiefe Spuren im sozialen Umfeld der Suizidierten hinterlässt. Jemand fehlt. Diesen Gedanken nahm die Gestalterin auf und setzte Suizidstatistiken unter anderem anhand einer Lasertechnik gestalterisch um.

Suizide in der DDR

Suizid ist neben dem ViSoP-Projekt auch der Gegenstand der Promotion von Ellen von den Driesch. Anhand von Archivmaterialien untersucht sie Suizide in der DDR. Die Suizidrate in der DDR lag in Europa an der Spitze. Von 1952 bis zum 3. Oktober 1990 wurden 204.124 Suizidierte identifiziert. Das entspricht einer Größenordnung der jetzigen Einwohnerzahl von Rostock. Ausgehend von der Annahme, dass die hohen Suizidraten nicht alleine auf die repressive Politik des autoritären Regimes zurückzuführen sind, interessiert die Demographin, wie sich räumliche und zeitliche Schwankungen der Suizidhöhen erklären lassen. In der bisherigen Forschung wurde den Unterschieden der Suizidhäufigkeit zwischen den Bezirken der DDR aufgrund mangelnder Informationen kaum Beachtung geschenkt.

Experten sind sich vielmehr einig, dass auf Bezirksebene keine Zahlen zu Suiziden zu finden sind. Es wird vermutet, dass nicht zuletzt aufgrund des Chaos in der Zeit zwischen 1989 und 1990 die Tabellen verloren gingen, vernichtet oder gestohlen wurden. Im Rahmen umfangreicher Archivrecherchen gelang es Ellen van den Driesch nun, diese Informationslücke zu schließen. Sie untersucht somit größtenteils erstmals verwendetes statistisches Material aus verschiedenen Archiven. Die Aufbereitung und Auswertung dieser Informationen erlauben es ihr, Licht in das Dunkel der seit 1961 geheim gehaltenen Suizidstatistiken der DDR zu bringen.

 

Online-Berichterstattung über Nichtsein:

In: Itsnicethat.com

In: edizionidelfrisco.com

In: eyeondesign.aiga