Wahlmöglichkeiten machen Apps verantwortlicher
Smartphone-Apps sind für uns ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens: Sie vermitteln Informationen, bieten Spiel und Unterhaltungsmöglichkeiten, helfen beim Banking oder bei Reisevorbereitungen und vernetzen uns über Social-Media-Apps, um nur einige Beispiele zu nennen. Aber immer häufiger werden App-Produzenten dafür kritisiert, Menschen zu lange an ihre Apps zu binden, bei Jugendlichen süchtig machendes Verhalten zu erwirken und uns dazu zu bringen, freigiebig Daten zu teilen.
Die App-Industrie ist ein riesiger Markt: Im Jahr 2023 erzielten laut der Plattform MindSea über 6 Millionen Apps einen Umsatz von 550 bis 900 Milliarden US-Dollar, bei einer jährlichen Wachstumsrate von 19,5 %. Menschen verbrachten durchschnittlich 4,8 Stunden täglich mit Apps, vor allem mit sozialen Netzwerken und Kommunikationsmitteln.
Aber warum vereinnahmen uns Apps so sehr? Viele Apps nutzen gezielt Elemente aus dem Verhaltensdesign (z. B. personalisierte Feeds, Push Nachrichten, Belohnungsmechanismen), um die Interaktion mit der App und so auch die Nutzungszeit zu erhöhen. Verhaltensdesign bringt Wissen und Erkenntnisse aus der Psychologie und der Verhaltensökonomie ins Produktdesign hinein, was die Bindung der Nutzer an Apps erhöht. Diese gezielte Nutzermanipulation kann wirtschaftlich erfolgreich sein, wirft aber ethische Fragen nach Autonomie, Transparenz und möglichen schädlichen Nebenwirkungen wie Suchtverhalten oder Filterblasen auf. Doch wie kann es mehr Verantwortung im App-Design geben?
Experiment mit einer News-App
In einer neuen Studie haben die Forscherinnen Christina Timko und Maja Adena (WZB) empirisch untersucht, ob sich die Zielsetzung von App-Produzenten, die Nutzerbindung zu erhöhen, mit mehr Transparenz und Nutzerwahl vereinbaren lässt. Dazu haben sie ein Experiment durchgeführt: In einem Feldsetting nutzten 141 Studierende über 14 Tage eine eigens für dieses Experiment entwickelte News App mit Nachrichteninhalten aus Deutschland. Die Teilnehmenden wurden zufällig verschiedenen Versionen der App zugeteilt. Eine Version war bewusst schlicht gestaltet und enthielt nur die grundlegenden Funktionen. Eine zweite Version nutzte gezielt Elemente des Verhaltensdesigns – etwa personalisierte Feeds, Push-Benachrichtigungen und Belohnungsmechanismen –, um die Nutzung zu steigern. In einer dritten Version erhielten die Teilnehmenden zusätzlich verständliche Informationen über diese Funktionen sowie einfache Einstellmöglichkeiten, etwa um Push-Benachrichtigungen abzuschalten oder Inhalte zu filtern.
Das Ergebnis: Verhaltensdesign kann Menschen länger an Apps binden. Erhalten sie jedoch transparente Informationen und einfache Wahlmöglichkeiten, nutzen sie die App kürzer – und fühlen sich zugleich autonomer. Gleichzeitig steigt ihre Bereitschaft, für die App zu bezahlen. Transparenz zahlt sich also aus - sowohl für Menschen, die Apps nutzen, als auch für diejenigen, die sie entwickeln.
Die beiden Autorinnen haben sogar einen Vergleich aus der griechischen Mythologie hinzugezogen: „Odysseus' Geschichte darüber, wie er sich der Verhaltenssteuerung der Sirenen über seine freie Entscheidung entzogen hat, veranschaulicht das Problem verlockender Apps und die Lösung in Form einer vorherigen Sensibilisierung und, darauf aufbauend, einer informierten Entscheidungsfindung und Selbstregulierung, wie sie in der Auswahlversion der Studien-App angeboten wird. Dennoch nimmt die Auswahlversion den Spaß nicht, da sie bequem zu bedienen ist und weiterhin die gesamte Bandbreite an Verhaltensdesign-Elementen bietet. Genauso wie Odysseus es immer noch genoss, den Sirenen zu lauschen, während er darauf achtete, sich zu schützen.“
Der Artikel in der Special Issue der European Economic Review für die Forscherin Nora Szech erschienen, die dem WZB lange verbunden war.
12.3.26/kes
